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«Bern muss jetzt in die Offensive gehen»

Von Stefan von Bergen, Jürg Steiner. Aktualisiert am 10.02.2013 4 Kommentare

Jürg Bucher, der frühere Postchef, fordert von Berns politischer und wirtschaftlicher Elite mehr Leadership: Es genüge nicht, sich als Sitz von SBB, Post und Swisscom zu gefallen.

1/4 Hier entsteht die Skyline der nationalen Infrastrukturschaltzentrale Bern. Neben der S-Bahn-Station Wankdorf (hinten rechts) wachsen die künftigen Hauptsitze von Post und SBB in den Himmel.
Bild: Beat Mathys

   

Zur Person

Konditionell machen Jürg Bucher (65) nur die wenigsten etwas vor. Der frühere Spitzenorientierungsläufer, bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2012 Konzernchef der Post, übernahm per Anfang 2013 das Verwaltungsratspräsidium der Berner Regionalbank Valiant. Am 6.März wird er sich zum Geschäftsjahr 2012 der Bank äussern. Bucher hat aber auch den langen Atem, sich jetzt mit handfesten Ideen in die Debatte um die Neupositionierung Berns als Hauptstadtregion einzuschalten.
Bucher, Vater eines erwachsenen Sohnes, lebt mit seiner Frau in Wichtrach.

Wie viel Bern braucht die Schweiz?

Hauptstadtregion Vor genau einem Jahr forderte der Berner Wirtschaftsanwalt Peter Bratschi, Präsident des Unterstützungskomitees Wirtschaft für die Hauptstadtregion, im «Zeitpunkt»-Interview eine Konzentration der Kräfte.

Damit Bern auf nationaler Ebene sein Gewicht nicht verliere, sei es zentral, dass die Hauptstadtregion Substanz gewinne. «Und Substanz erreicht man, indem man sich aufs Wesentliche konzentriert – räumlich, finanziell, gedanklich», sagte Bratschi. Man könnte auch sagen: Bern sollte seine Stärken fördern und nicht ständig an seinen Schwächen herumdoktern.

Nun formuliert mit Ex-Postchef Jürg Bucher, der unter anderem im Verwaltungsrat der Innovations- und Start-up-Förderung InnoBE sitzt, erstmals eine einflussreiche Wirtschaftspersönlichkeit, was das konkret bedeuten könnte. Bucher appelliert unter anderem ans Problembewusstsein. Berner Politiker zelebrieren die Präsenz der Hauptsitze von Post, SBB und Swisscom in der Bundeshauptstadt gerne als Beweis der intakten Standortqualitäten Berns.

Wer Bucher genau zuhört, muss diese Sicht allerdings revidieren. Die ehemaligen Regiebetriebe sind nicht unbedingt wegen Berns Attraktivität hier. Aber sie machen einen wichtigen Teil der Berner Anziehungskraft aus – und der nationalen Bedeutung Berns. Salopp formuliert: Bern ist für Post, SBB und Swisscom weniger wichtig als Post, SBB und Swisscom für Bern.

Die Baustellen von SBB und Post für ihre Hauptsitze im Boomquartier Wankdorf verklären diese Realität etwas. Aber sie würde es erst recht rechtfertigen, für die Infrastrukturdrehscheibe Bern eine Strategie zu entwickeln, die auch Bildungsinstitutionen einbezieht.

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Korrektur-Hinweis

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Herr Bucher, Bern müsse das nationale Kompetenzzentrum für Infrastruktur werden, fordern Sie. Was bitte sollen wir uns unter diesem sperrigen Etikett vorstellen?
Jürg Bucher: Als Sitz von Post, SBB und Swisscom ist Bern schon heute eine nationale Infrastrukturdrehscheibe. Diese Grossbetriebe leisten einen zentralen Beitrag zur Standortattraktivität unseres Landes. Vergleichen Sie dies mit Kalifornien und seiner maroden Infrastruktur. Oder mit Indien, das sich wegen seiner mangelhaften Infrastruktur nicht noch schneller entwickelt. Der Wettbewerbsreport des World Economic Forum lobt die Schweiz explizit für ihre guten Infrastrukturen. Gerade deshalb finde ich, Bern müsse aus seiner Stärke in diesem Feld mehr machen. Es muss hier die Themenführerschaft übernehmen.

Reicht es nicht, Standort von Post, SBB und Swisscom zu sein?
Bei weitem nicht. Mit meiner Forderung nach einem Kompetenzzentrum sind die Universität Bern und die Berner Fachhochschule angesprochen. Dann die Politik, insbesondere die Berner National- und Ständeräte. Betroffen ist auch der Geschäftstourismus: Man könnte um die Infrastrukturthematik herum in Bern Kongresse und Meetings organisieren. Und es geht darum, Unternehmen aus diesem Bereich anzusiedeln.

Wollen die überhaupt in die Verwaltungsstadt Bern kommen?
Die Nähe zu den halbstaatlichen Infrastrukturplayern ist ein Standortvorteil. Das belegen zwei Beispiele: Der chinesische Kommunikationsriese Huawei hat seinen Schweizer Sitz in der Nähe der Swisscom im Liebefeld errichtet. In Belp wirkt die eben mit dem Swiss Economic Award ausgezeichnete Start-up-Firma Lifesystems, die führend ist in der Bildschirmkommunikation in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie hat sich auch dank der Nähe zu Postauto Schweiz entwickelt.

Wie treiben Sie Ihre Idee eines Kompetenzzentrums Infrastruktur voran?
Wir haben im Verwaltungsrat von InnoBE, der Nachfolgeorganisation des Technoparks und des Gründerzentrums, entschieden, in diesem Bereich eine Antreiberrolle zu übernehmen. Wir diskutieren derzeit, welche Konzepte und Analysen es braucht. Wir machen die Hochschulen und die Hauptstadtregion auf das Thema aufmerksam.

In Bern kursieren mehrere grosse Ideen: die Hauptstadtregion, Regierungsrat Rickenbachers Vorschlag einer Medizin-ETH, Ihr Kompetenzzentrum. Man fragt sich, ob etwas daraus wird oder ob sie Papiertiger bleiben.
Ja, man kann das kritisch hinterfragen. Das soll einen aber nicht hindern, Ideen zu entwerfen und weiterzuverfolgen. Nicht alle Ideen werden realisiert. Aber ohne Ideen wird gar nichts realisiert. Eine Region muss auf die Stärken setzen, die sie hat. Und die Infrastrukturbetriebe mit ihren 20'000 Arbeitsplätzen im Kanton gehören zu Berns Kerngeschäft. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass man diese Präsenz in Bern als allzu selbstverständlich wahrnimmt.

SBB und Post gehören halt seit ihrer Gründung nach Bern.
Ich habe einmal gefrotzelt, wäre 1848 nicht Bern, sondern Zofingen Hauptstadt geworden, dann wären die Zentralen von SBB, Post oder Swisscom jetzt dort. Ich sagte das, als die Postfinance ihr zweites Rechenzentrum in Zofingen errichtete. Man muss nur die Ausmarchung um die Standorte der Herzmedizin anschauen, um den Wettbewerb unter den Regionen zu erkennen. Jede Region kämpft um ein Stück des Kuchens. Man kann dabei auch verlieren. Bern muss also in die Offensive gehen und die Infrastrukturunternehmen unterstützen, damit sie hierbleiben und investieren.

Besteht die Gefahr, dass sie wegziehen könnten?
Derzeit nicht. Aber ich weiss, dass Genf schon versucht hat, den Weltpostverein, die einzige internationale Organisation mit Sitz in Bern, wegzulocken. Bern hat meines Wissens noch nie versucht, die Internationale Fernmeldeunion ITU von Genf nach Bern zu holen.

Hat sich Bern wenigstens gewehrt, als das Rechenzentrum nach Zofingen vergeben wurde?
Die Postfinance hat ihr Rechenzentrum schon in Bern. Es ging darum, für den Krisenfall in genügender Distanz ein zweites Zentrum zu bauen. Das wäre durchaus im Hauptstadtperimeter möglich gewesen. Aber aus dieser Region kamen keine sehr guten Angebote. Der Kanton Aargau und die Stadt Zofingen hingegen haben vorgemacht, wie man im Standortwettbewerb kämpft. Sie haben die Post stark und schnell unterstützt. Heute betreibt die Postfinance in Zofingen 250 Arbeitsplätze.

Vermissen Sie diesen Kampfgeist in Bern?
Der Aktivismus ist in Bern eher klein, das ist so.

Dabei müsste man sich in Bern bewusst sein, dass angesichts der kurzen Distanzen in der Schweiz die Zentralen von Post oder SBB auch anderswo sein könnten.
Ja. Diese Zentralen sind dort, wo sie ihre hohe Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften befriedigen können. Auch wenn Post und SBB ihre Hauptsitze nun im Berner Wankdorf errichten, ist es nicht für ewig gegeben, dass sie in Bern bleiben, nur weil sie nationale Unternehmen sind.

Weil sie nationale Unternehmen sind, sollen sie nicht nur Bern, sondern der ganzen Schweiz dienen, könnten andere Kantone sagen.
Das würden sie zu Recht sagen. Bern muss nachweisen, dass die Infrastrukturbetriebe in Bern richtig domiziliert sind, weil es gut ist, wenn wirtschaftliche und politische Entscheide in diesem Bereich am gleichen Ort fallen. Und Bern muss die Themenführerschaft in diesem Sektor beanspruchen, gerade weil es gefordert ist, einen Beitrag für das ganze Land, für den Standort Schweiz zu leisten. Und weil es die zukunftsträchtige Debatte in diesem Bereich takten will. Erst dann trägt Bern wirklich zur Attraktivität des ganzen Landes bei.

Welschschweizer Kantone haben kürzlich kritisiert, dass viele Bundesaufträge im Kanton Bern vergeben würden. Ist diese Kritik ein Warnschuss für Bern?
Sie zeigt jedenfalls, dass der Kampf um Standorte und Aufträge voll am Laufen ist. Bern muss dieses Signal ernst nehmen.

Wie soll Bern reagieren? Es ist doch logisch und effizient, dass viele Aufträge in der Nähe der Bundesverwaltung ausgeführt werden.
Bern darf sich nicht damit begnügen. Ein Auftrag könnte auch mal nach St.Gallen oder Genf vergeben werden. Ich finde, Bern muss dafür sorgen, dass die hier angesiedelten Unternehmen gut und wettbewerbsfähig genug sind, damit sie sich Bundesaufträge sichern. Dass viele Aufträge hier vergeben werden, zeigt, dass es im Grossraum Bern offenbar solche Firmen gibt. So gesehen ist das ein gutes Zeichen für Bern.

Setzt Bern ein positives Zeichen, indem es im Wankdorf-Areal eine Zone schuf, in der SBB und Post nun ihre neuen Zentralen bauen?
Im Wankdorf passiert wirklich etwas, da entsteht ein neuer, super erschlossener Stadtteil. Aber es ist nicht einfach Bern, das der Post und den SBB einseitig entgegenkommt. Die Post hat umgekehrt Bern jüngst einige Steilpässe zugespielt. Im früheren Hauptsitz Schönburg, den die Post verkauft hat, kann Bern nun ein Fünfsternhotel und die nötige Erhöhung der Bettenzahl im oberen Segment schaffen. Und im Postparc am Ort der alten Schanzenpost am Berner Bahnhof wird es zentralen Raum für Business, Verkauf und Gastronomie geben.

Wir reden über Bern als nationale Infrastrukturdrehscheibe. Ist es das wirklich? Ist nicht Zürich der weit grössere Knotenpunkt?
Zürich ist die grösste Drehscheibe des Personenverkehrs. Der Güterverkehr aber geht auf der Gotthardachse oder auf der durch den Kanton Bern führenden Lötschbergachse an Zürich vorbei. Und im Personenverkehr ist Bern der zweitgrösste Bahnhof der Schweiz, das sollten wir nicht kleinreden. Wenn sich die Agglomeration Zürich «Millionen-Zürich» nennt, müsste sich die halb so grosse Agglomeration Bern vielleicht als «Halbmillionen-Bern» anpreisen. SBB, Swisscom, Post und etwa auch Postauto Schweiz sind dessen Leuchttürme.

Bern preist diese Leuchttürme kaum. Woran liegt das?
Nicht nur in Bern, sondern in der ganzen Schweiz hat man noch nicht richtig begriffen, dass die Wirkung dieser Unternehmen weit über das Bewahren des Service public hinausgeht und für die ganze Volkswirtschaft zentral ist. Es sind längst nicht mehr statische Bundesbetriebe. Die Post ist ein dynamisches Unternehmen, das allein im Kanton Bern 9000 zumeist hoch attraktive Arbeitsplätze anbietet. Und die Swisscom ist als börsenkotiertes Unternehmen hart am Markt. Berner Politiker, aber auch diejenigen der ganzen Hauptstadtregion sind aufgefordert, beste Rahmenbedingungen für diese Unternehmen zu schaffen.

Müssen die Berner lernen, dass Post oder Swisscom nicht abgeschlossene Welten sind, sondern wirtschaftliche Impulse bringen als Auslöser einer Wertschöpfungskette?
Unbedingt. SBB, Swisscom oder die Post sind umgeben von einem Netz aus Lieferanten, Partnern. Übrigens auch von Forschern. Es gibt einen Lehrstuhl für Netzindustrien, den die Post finanziert – aber nicht an der Universität Bern, sondern an der EPFL in Lausanne, die sich darum beworben hat. Es gibt ein SBB-Labor an der Universität St.Gallen, an dem Professoren verschiedener Universitäten mitmachen, aber niemand von der Universität Bern. In St.Gallen gibt es Professuren und Ausbildungsgänge für Logistik. Nicht so in Bern.

Bemüht sich die Universität zu wenig, Berns Standortqualität zu fördern?
Die Universität Bern hat ein paar herausragende Stärken und steht in Rankings gut da. Aber sie hätte die Chance, sich auch noch mit den hier vor Ort vorhandenen Stärken zu profilieren. Ich bin froh, dass die Vertreter der Berner Hochschulen im Verwaltungsrat von InnoBE mitdiskutieren, inwiefern Bern ein Denk- und Ausbildungsplatz im Infrastrukturbereich sein könnte.

Bahnstrecken und Autobahnen pflügen unser Land weit stärker um als das Bundesamt für Raumordnung. Denkarbeit in diesem Bereich ist fundamental für die Schweiz.
Solche Fragen diskutieren die SBB schon heute an den erwähnten Universitäten. Bern könnte in dieser Form den Energiesektor analysieren – gerade im Hinblick auf die Energiewende. Der Kanton Bern ist ein Wasserschloss, er verfügt mit der BKW über einen grossen Player, und im Bundeshaus wird eben über den Ausbau der Verteilnetze diskutiert. Ressourcen, Politik und Wirtschaft sind in Bern Tür an Tür.

Das Thema Infrastruktur müsste weit oben auf der Agenda der Hauptstadtregion Schweiz figurieren, die Bern stärken will.
Wir haben den Verein Hauptstadtregion vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht. Ich bin der Meinung, dass Infrastrukturfragen hervorragend zum Label «Hauptstadtregion» passen und ihm Inhalt geben würden. Die Hauptstadtregion wird nur ein Erfolg, wenn ihr Konzept mit Inhalten gefüllt wird. Und wenn sie etwa bei den Medizin- oder Infrastrukturzentren sagen kann: Dafür kämpfen wir.

Hören wir bei Ihnen eine gewisse Skepsis gegenüber der Hauptstadtregion heraus, die viel Energie in die Absteckung ihres Perimeters steckte?
Ihr Perimeter ist vielleicht etwas gross. Ich begebe mich aufs Glatteis, wenn ich jetzt sage, dass man die Hauptstadtregion vor allem als Zusammenschluss der Zentren Bern, Biel, Thun, Langenthal, Solothurn, Freiburg und Neuenburg sehen muss. Dort spielt die Musik.

Und die Landregionen?
Sie werden nicht stärker, wenn sie die städtischen Zentren bekämpfen. Das Land wird nur stärker, wenn die Zentren stark sind.

Was vermissen Sie an Bern?
Ich vergleiche gern mit dem Sport. Als Sportstadt ist Bern national führend. Etwa mit dem SCB im Eishockey. Berner Sportler wie Fabian Cancellara oder Simone Niggli sind – wie die Post oder die SBB – Weltklasse. Sie wollen gewinnen. In anderen Bereichen vermisse ich in Bern diese Winnermentalität und die grossen Ambitionen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2013, 17:55 Uhr

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4 Kommentare

Adriano Granello

10.02.2013, 10:20 Uhr
Melden 15 Empfehlung 4

Seine positiv-kritische Haltung gegenüber den selbstgenügsamen (und aus dieser Sicht in der Restschweiz überheblich wahrgenommenen) Bernern, zeichnen den Berner Jörg Bucher aus. Allerdings dürfte er mit seinen Empfehlungen und Warnungen bei seinen eigenen Landsleuten auf Granit beissen, die heute störende Mentalität hat eine lange Tradition im ehemals grössten Stadtstaat nördlich der Alpen. Antworten


Markus Berner

10.02.2013, 14:12 Uhr
Melden 4 Empfehlung 2

Bucher kann jetzt selbst Leadership beweisen und den Ruf der Valiant wieder herstellen, oder wenigstens einen Käufer finden. Antworten



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