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Auf dich war stets Verlass, du ungeliebter Plastikrasen

Von Tobias Habegger. Aktualisiert am 05.12.2011 4 Kommentare

Am Mittwoch kommt der Kunstrasen (*Juni 2006, †Dezember 2011) im Stade de Suisse unter die Erde. Ein Nachruf.

1/8 Der Kunstrasen im Stade de Suisse ist bald passé.
Bild: Jonathan Spirig

   

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Du warst ein unerwünschtes Kind. Kaum jemand gratulierte deinem Vater, dem ehemaligen Stade-de-Suisse-CEO Stefan Niedermaier, als er vor Jahren erzählte, du seist unterwegs. Niemand wollte das Kind aus Plastik kennen lernen. Noch vor deiner Geburt wurden die wildesten Gerüchte über dich erzählt. Von einer Krankheit war die Rede, einer Seuche, die bisher niemand kannte. Die Menschen fürchteten sich vor den Granulatkörnchen zwischen deinen künstlichen Grashalmen. Denn diese, so sagte man, enthalten krebserregende Stoffe. Die Plastikrasenärzte bestätigten die Diagnose. Doch sie beruhigten die Fussballschweiz: Es gebe keine Ansteckungsgefahr, die Dosis der ungesunden Stoffe sei dafür zu gering.

Die meisten YB-Fans rümpften die Nase, als sie dich nach deiner Geburt zum ersten Mal im Stade de Suisse sahen. Nur wer bei YB unter Vertrag stand, äusserte sich positiv über deine Anwesenheit. Die Spieler und Trainer der Gästemannschaft gaben nach Niederlagen fortan dir die Schuld. Dein grösster Kritiker war über Jahre Startrainer Christian Gross. Derjenige Christian Gross, der mittlerweile bei YB arbeitet und die Hauptverantwortung für dein plötzliches Ableben trägt.

Du bekamst nur wenig Liebe. Man gab dir an fast allem die Schuld: Weder Grätschen noch Tacklings seien auf dem Plastikrasen möglich. Die Trikots der Spieler blieben – natürlich ausschliesslich deinetwegen – immer sauber. Dass die Trikots manchmal auch wegen des fehlenden Arbeitsethos der gut bezahlten Fussballprofis nicht schmutzig wurden, fiel niemandem mehr auf.

Andere Spielfelder hätten sich beim Chefgärtner wegen Mobbing beschwert. Oder sie hätten auf Burn-out plädiert und eine Auszeit verlangt, mit Wellnesswochen an der Bergsonne inklusive Regenerationsbewässerungen und in Begleitung einer üppigen Kräuterwiese.

Du aber warst trotz Anfeindungen jeden Morgen, ohne zu murren, zur Arbeit bereit. Egal ob es regnete, hagelte oder schneite – auf dich war an 365 Tagen im Jahr Verlass. Während in anderen Stadien Spiele wegen Nässe oder Schnee verschoben wurden, wusste die ganze Fussballschweiz: Der Wankdorfrasen macht nie blau. Nun bist du von uns gegangen. Doch niemand weint dir eine Träne nach. Zwar kommen am Mittwoch um 14 Uhr Journalisten und Fotografen zu deiner Beerdigung ins Stade de Suisse. Aber nicht, um sich von dir zu verabschieden. Sondern, weil sich alle über den neuen Naturrasen freuen. Dieser wird respektlos über dich drübergelegt.

Dein Nachfolger ist das pure Gegenteil von dir. Wie eine Diva stellt er Bedingungen, er will Wasser, er will Dünger. Und er verlangt nach einem persönlichen Mitarbeiter, einem Rasenwart, der ausschliesslich für ihn da ist, der ihn täglich pflegt und hegt.

Der neue Rasen ist ein Weichling: Beim ersten grossen Schneefall wird er in den Streik treten und nach der Gewerkschaft rufen. Und nach nur vier Monaten Arbeitszeit geht er bereits in den Ruhestand. Der neue Rasen ist ein Blender: Denn trotz der genannten Eitelkeiten freuen sich alle auf ihn. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.12.2011, 08:04 Uhr

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4 Kommentare

Tom Kipfer

05.12.2011, 09:42 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ja lieber Plastikrasen, es ist nicht deine Schuld das du von deinen profitgierigen Eltern im falschen Umfeld in die Welt gesetzt wurdest. Man hätte für dich besser eine Landhockeyteam ausgewählt. Antworten


Christian Klein

05.12.2011, 12:45 Uhr
Melden

Lieber Plastikrasen
Du hast sogar noch eine weitere Schuld auf Dich geladen. Bislang warst immer Du schuld an allen Niederlagen. Und nun muss sich der arme Herr Gross umbesinnen auf einen neuen Sündenbock. Denn Du wirst nicht mehr sein.
In Liebe
Chris
Antworten



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