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Auf dem Dach des Baumarktes nisten seltene Vögel

Von Martina Bisculm. Aktualisiert am 25.10.2010

Weil ihr Lebensraum immer knapper wird, nisten Vögel zunehmend an ausgefallenen Orten. Auf dem Dach des Obi-Baumarktes in Schönbühl haben die seltenen Kiebitze im Sommer zum ersten Mal erfolgreich gebrütet.

Die Nestmulde der seltenen Kiebitze, wo Waldemar Schneider hinweist, ist auf dem Dach von Obi noch zu sehen. (Bild: Susanne Keller)

Ein Kibitz. (Bild: Stefan Anderegg)

Unzählige Gänge, Treppen und Türen führen von Regalen mit Handwerkerbedarf durch ein Labyrinth aus Beton. Zuletzt muss noch eine Leiter erklommen werden, und dann steht man im Reich der Kiebitze: dem Dach des Obi-Baumarktes in Schönbühl. Die 18'000 Quadratmeter sind aber eher ein exotisches Territorium, denn Kiebitze brüten normalerweise in Ried- und Moorlandschaften in Gewässernähe.

Der ehemalige Migros-Mitarbeiter Waldemar Schneider sorgt dafür, dass sich die Vögel auf dem Flachdach in der Industriezone trotzdem wohl fühlen.

Potenzial der Flachdächer

Zusammen mit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat Schneider den Vögeln ein möglichst naturnahes Biotop eingerichtet. Ziel ist, dass die Kiebitze erfolgreich brüten, denn von über 1000 Paaren in den Siebzigerjahren ging der Bestand in der Schweiz auf gut 100 Paare zurück.

Die Zersiedelung und die intensive Landwirtschaft drängen Bodenbrüter wie Kiebitze immer weiter zurück, erklärt Nathalie Baumann von der ZHAW: «Wir erforschen seit Jahren das ökologische Potenzial von Dachbegrünungen.» Die Idee ist, die Gebietsverluste am Boden zumindest teilweise zu kompensieren. Nicht nur Vögel, sondern auch Insekten und Pflanzen profitieren davon. In Schönbühl überlebten dieses Jahr zum ersten Mal drei junge Kiebitze den Sommer und sind gegen Südwesten ins Winterquartier gezogen. Waldemar Schneider dokumentiert seit Jahren jedes neue Paar, jeden misslungenen Brutversuch und auch die Erfolgserlebnisse. Am Tag, als der letzte Kiebitz diesen Sommer das Obi-Dach verliess, schrieb er in seinen Aufzeichnungen, er sei «berührt und glücklich».

Vor seiner Pensionierung war Schneider beim Putzdienst für die Grünanlagen der Migros-Aare zuständig. Als auf dem Gebäude der Migros-Frischeplattform vor Jahren die ersten Kiebitze gesichtet wurden, war der passionierte Ornithologe begeistert. Während des Umbaus des Shoppylands zogen die schwarz-weissen Vögel mit den langen Beinen und dem auffälligen Federschopf am Kopf von alleine auf das Obi-Dach auf der anderen Strassenseite.

Wuchtelnde Männchen

Für den gebürtigen Österreicher Schneider sind die Kiebitze ein aufwendiges Hobby: «Ich war täglich etwa anderthalb Stunden auf dem Dach.» Dabei wurde der Leiteraufgang mit einem Tarnnetz zum Beobachtungsstand umfunktioniert, denn die Kiebitze verteidigen ihre Jungen und greifen menschliche Eindringlinge genauso an wie Krähen oder Raubvögel. Auf dem Dach sind das ihre einzigen Feinde. Landtiere wie Füchse oder Marder können ihnen hier nichts anhaben.

Bei der Verteidigung der Brut kann es zu waghalsigen Flugmanövern kommen, die schon mal schiefgehen. «Im Frühling habe ich einen toten Kiebitz auf dem Dach gefunden, unverletzt, aber mit gebrochenem Genick», erzählt Schneider. Der Vogel hat sich wohl überschätzt und ist abgestürzt. Auch das Balzritual verlangt einiges Geschick. Beim sogenannten Wuchteln lässt sich das Männchen aus der Luft in die Tiefe fallen. Dabei dreht und überschlägt es sich, um das Weibchen für sich zu gewinnen.

Rätselhafte Anziehung

Die Forscher lassen die Vögel auf dem Obi-Dach möglichst in Ruhe, «nur wenn es zu trocken ist, greifen wir ein», erklärt Baumann. Waldemar Schneider hat dafür zwei Teiche angelegt. Diese sind gleichzeitig Wasserquellen für die Kiebitze und Brutplatz für Insekten. Genug Nahrung auf dem Dach ist entscheidend dafür, dass die Eltern nicht zu weit fliegen müssen, um die Jungen durchzufüttern.

Neben Schneider und Baumann besuchen auch Studenten der ZHAW für Beobachtungen immer wieder das Obi-Dach. Dabei sitzen sie alle im Tarnzelt am Leiterende, um die Kiebitze nicht zu stressen.

Was genau die Vögel auf das Dach zieht, kann Nathalie Baumann aber nicht sagen: «Anscheinend sieht es hier von oben aus wie eine Moorlandschaft. Genau wissen wir es aber nicht.» Vielleicht liegt es ja an Waldemar Schneider. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.10.2010, 08:52 Uhr

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