Region
Andreas Thiel: Den Satiriker ziehts nach Island
Nicht die Kultur sei schuld an seinem Wegzug, sondern der Politik der Schweiz kehre er den Rücken: Andreas Thiel. (Bild: Urs Baumann)
Böse Nachrufe auf Lebende
Er piesackt und ist piekfein: Der Kabarettist Andreas Thiel zeigt in der Cappella sein neues Programm «Politsatire 3». 36 Akte hat Andreas Thiels neues Programm «Politsatire 3». Als er nach fünf Viertelstunden in der Cappella immer noch beim 6.Akt ist, wird einem bang. Der Hochrechnung ergibt eine siebeneinhalbstündige Kabarettnacht. Aber dann steigert Thiel die Kadenz und überspringt Szenen gleich dutzendweise. Milde zwei Stunden dauert es bloss. Es sind gute, aber anstrengende Stunden. Thiel ist wie gewohnt anspruchsvoll.
Manches ist beim neuen Programm gleich wie früher. Er selbst zum Beispiel. Er ist immer noch piekfein, kommt mit Anzug, Krawatte und allerhöchstem Hochdeutsch auf die Bühne. Manches ist anders: Thiel ist schweizerischer geworden, glossiert mehr denn je eidgenössische Politik. Die Bundesräte kommen gleich mehrfach und damit etwas zu häufig dran.
Redet schnell, denkt schnell
Bitterböse sind die Nachrufe auf lebende Personen, auf Marcel Ospel zum Beispiel. Scharfzüngig schildert Thiel, wie sich der Bankenführer unfreiwillig in den Tresorraum eingeschlossen hat und hier verhungert. Geld stinkt zwar nicht, man kann es aber auch nicht essen.
Thiel redet schnell, denkt schnell und reagiert schnell. Wenn die Aktualität drängt, wechselt er Nummern aus. Jetzt, wo das Bankgeheimnis falle, möchte man gar nicht mehr wissen, was die Schweizer Banken alles zu verbergen haben, frotzelt er.
Hörspiel
Thiel, das ist Hörspiel. Keine Requisiten, keine Faxen. Dass er das Trinkglas mal woanders hinstellt, ist bereits der Höhepunkt des szenischen Gestaltens. Gut ist da noch Annalena Fröhlich, die schöne Pianistin. Sie ist nicht bloss ein Hingucker, sondern ergänzt als Musikerin die ironischen Sprach-Delikatessen mit ebenso ironischen Ton-Kapriziosen.
Vorstellungen bis 28. April, jeden Dienstag in La Cappella, 031 3328022.
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnetz wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Nein, wegen des Schnapses, der wie gebrannte Schafwolle rieche, oder des vergammelten Hai-fischs ziehe es ihn nicht nach Island, sagt Andreas Thiel leicht ironisch. Immerhin sei dort aber die Lebenserwartung der Männer um einiges höher als in der Schweiz. Der Lustknabe der Dichtergötter, wie die NZZ einmal titelte, ist müde. Die Berner Premiere von «Politsatire 3» mit Anna Lena Fröhlich am Flügel sei gestern Abend nicht so gut gelaufen.
«Ich bin überarbeitet», sagt er dazu. «Und ein wenig frustriert», doppelt er nach. Was nicht zuletzt mit seinem vorabendlichen Auftritt in einer bayrischen Radiosendung zu tun hat. Das deutsche Publikum erwarte immer einen politisch korrekten Humor. Nach dem Motto: «Die Pointe gehört an den Schluss.» Sei dem so, werde auch gelacht.
Was dem blitzschnellen Sprachlogiker im Moment sonst noch zusetzt, sind Umstrukturierungen im Management. Hat Thiel, der Meister des verbalen Floretts, der bereits die halbe Welt mit seinen Vorstellungen begeisterte, genug von der Bühne? Will er deshalb der Schweiz den Rücken kehren? Thiel winkt lachend ab.
Staatliche Abzockerei
Denn nicht etwa der Kultur will er den Rücken kehren, sondern dem politischen System der Schweiz. Gerade die Ereignisse im Umfeld der Bankenkrise hätten ihn verärgert. Er sei nicht bereit, als Steuerzahler die Zeche dafür zu bezahlen, meint er mit Blick auf die Staatsunterstützung der UBS. Einen kleinen Schritt in Sachen Auswanderung hat Thiel bereits vor zwei Jahren getan, als er die Bundesstadt wegen hoher Steuern (Kulturverhinderer) Richtung Zürich verliess. Dort schröpfe der Fiskus moderater, «sonst würde ja die ganze Wirtschaft abwandern».
Was den Wortakrobaten aber in beiden Städten besonders stört ist die sinkende Lebensqualität. «Es gibt einfach zu viele Dealer und Pisser.» Wort- und gestikreich ärgert sich der bekennende Freigeist über die rot-grüne Regierung und deren verlängerten Arm, die Polizei, welche mit unterschiedlichen (Quartier-)Bussenellen misst. «Die Parksünder kommen beispielsweise immer schlechter weg.»
Schafe und heisse Quellen
So bleibt denn Helvetien der «beste Wolf im schwarzen Schafspelz» erhalten. Denn auch wenn Thiel zusammen mit seiner Lebenspartnerin ab Mitte Mai definitiv in Reykjavik wohnen wird, behält er seine Wohnung in Zürich. Und kommt, «je nachdem wie ich gebucht werde», ein- bis zweimal pro Monat zurück. Und sicher auch für die Theatersaison, doppelt er nach.
Auch die Arbeit wird ihm in Island, das mit nur gerade dreihunderttausend Einwohnern flächenmässig sechsmal grösser ist als die Schweiz, nicht ausgehen. Mit spitzer Feder wird der Preisträger vieler Auszeichnungen auch im hohen Norden Cartoons für den «Nebelspalter» zeichnen und Kolumnen für verschiedene Zeitungen, wie die BZ, verfassen. Oder brisante Themen auf den Kopf stellen, um sie auf der Bühne ad absurdum zu führen.
Am meisten aber freut sich Thiel («Ich brauche viel Platz und wenig Sonne») auf die unberührten, weiten Landschaften mit den heissen Quellen in Island. Es sei ein naturgewaltiges, wildes Land, das er schon oft besucht habe und dessen Sprache er bereits ein wenig spreche. Zugleich seien die Menschen aber weltoffen und liberal. Dafür sei das Leben teuer. Zum Glück seien die Immobilien dank der Wirtschaftskrise momentan günstig zu haben. Gut für Thiel, der zurzeit eine Wohnung sucht.
Ein dritter Weltkrieg
Ob er denn die Freunde nicht vermisse, die er in der nunmehr «(halb)überdrüssigen» Schweiz zurücklässt? Durch seinen Beruf seien diese überall, meint Thiel dazu. Wie lange er im hohen Norden bleiben wird, ist noch offen. «Spätestens aber wenn Island in die EU geht, bin ich zurück», sagt er bestimmt.
Einen dritten Weltkrieg – laut Thiel wegen der vielen Konfliktherde auf der ganzen Welt ein denkbares Szenario – würde der bekennende Weinliebhaber und Vegetarier nicht zuletzt dank seinem gut gefüllten Weinkeller ohne weiteres ein paar Jahre überleben, wie er grinsend sagt. Oder ist es wieder Ironie? (Berner Zeitung)
Erstellt: 12.03.2009, 16:12 Uhr





