Region

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Alter Streit um Glocken neu entbrannt

Von Jürg Spori. Aktualisiert am 23.12.2011 10 Kommentare

Nach einem Streit zwischen den Anwohnern und der Kirchenleitung hat das Polizeiinspektorat die Glockenschläge der Berner Pauluskirche nachts verboten. Doch jetzt möchte die Kirchgemeinde die Schläge wiedereinführen. Das ärgert die Anwohner.

 Dieter Schär: «Der Paulus-Kirchgemeinderat  hat uns  jahrelang vorgegaukelt, die Dämpfung der Glockenschläge sei technisch nicht möglich  – und jetzt will er dies doch prüfen und das  Geläute wiedereinführen.»

Dieter Schär: «Der Paulus-Kirchgemeinderat hat uns jahrelang vorgegaukelt, die Dämpfung der Glockenschläge sei technisch nicht möglich – und jetzt will er dies doch prüfen und das Geläute wiedereinführen.»
Bild: Stefan Anderegg

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Seit über zehn Jahren störte das laute nächtliche Glockengeläute der evangelisch-reformierten Pauluskirche im Berner Länggassquartier den Schlaf der Anwohner. Dann entbrannte ein fünf Jahre langer Streit zwischen einer Gruppe von 68 Anwohnern und der Kirchenleitung. Bei einer Umfrage fühlten sich zwei Drittel der Bewohner von 140 Haushalten im Umkreis von 100 Metern um die Kirche vom nächtlichen Geläute im Schlaf gestört.

Die nach der Umfrage angesetzten Gespräche mit der Kirchenleitung scheiterten. Die Anwohner der Jugendstilkirche wandten sich an das Polizeiinspektorat der Stadt Bern. Dieses gab Lärmmessungen des Glockengeläutes der Pauluskirche in Auftrag. Die dreitägigen Erhebungen des Amtes für Umweltschutz zeigten, dass der Grenzwert von 60 Dezibel um 18 Dezibel überschritten wurde. Nach den Angaben von Polizeiinspektor Jean-Claude Hess entsprechen 60 Dezibel dem bundesgerichtlich festgestellten erlaubten Lärmpegel.

Polizeiinspektorat verbot nächtliche Glockenschläge

Das Umweltschutzgesetz besagt, dass über 60 Dezibel Menschen im Schlaf aufwecken. Und eine Studie der ETH in Zürich belegt, dass sogar Werte unter 60 Dezibel für Menschen schlafstörend sein können. Weil der Grenzwert überschritten wurde, schlug dem Glockengeläute der Pauluskirche bald einmal die letzte Stunde: Das Polizeiinspektorat hat im letzten September – aufgrund des Umweltgesetzes – entschieden, dass die Pauluskirche die Glockenschläge während der Nacht von 22 Uhr bis 6 Uhr einstellen muss.

Kirchenleute fechten das Verbot nicht an

Nach diesem rechtskräftigen Entscheid durften die Glocken ab dem 7.November während der Nacht nicht mehr schlagen. Der Kirchgemeinderat der Pauluskirche hat den Entscheid des Polizeiinspektorates juristisch nicht angefochten. Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause ist mit dem Entscheid des Polizeiinspektorates sehr zufrieden: «Damit wurde der Burgfrieden zwischen der Kirche und den Anwohnern gewahrt.» Er könne verstehen, dass sich Anwohner durch die nächtlichen Glockenschläge gestört fühlten. «Doch ich finde auch die kirchliche Tradition der Glockenschläge berechtigt und wichtig», argumentiert Nause. Für ihn ist wichtig: «Beide Seiten müssen einen Schritt aufeinander zugehen.» Auch Anwohner Dieter Schär lobt die Verfügung des Polizeiinspektors: «Was für eine Wohltat, wenn die Glocken nach 22 Uhr endlich verstummen, wenn es einfach ruhig ist in der Nacht», sagt Schär, der am nahen Bühlplatz wohnt. «Seitdem die Glocken abgestellt sind, hat der Schlaf eine ganz andere Qualität», findet der 47-jährige Fürsprecher.

Doch jetzt – nur etwas mehr als einen Monat nachdem die nächtlichen Glockenklänge in der Länggasse verstummt sind – prüft die Kirchgemeinde Paulus, ob die Stundenschläge nachts wiederaufgenommen werden können. So steht es auf der Homepage der Kirchgemeinde Paulus.

«Wir prüfen nicht nur die Dämpfung der Glockenschläge, sondern auch die Wiedereinführung», bestätigt Beat Strasser, Vizepräsident des Paulus-Kirchgemeinderates. Laut seinen Angaben sollte diese Dämpfung durch neue Glockenklöppel in einer anderen Legierung möglich sein.

Internet-Mitteilung provoziert Anwohner

Seit dieser Aufschaltung im Internet gehen bei den Anwohnern der Pauluskirche die Wogen hoch. Das Vorhaben des Paulus-Kirchgemeinderates bringt besonders Anwohner Dieter Schär auf die Palme: «Das ist eine Provokation.» Und er kritisiert: «Der Kirchgemeinderat hat nichts anderes im Kopf, als die nächtlichen Schläge wiedereinzuführen, indem er die Lautstärke der Schläge dämpft – nachdem er uns Anwohnern jahrelang vorgegaukelt hat, dies sei technisch nicht möglich.» Schär findet den Entscheid des Polizeiinspektors rechtskräftig, und dieser dürfe jetzt von den Kirchenleuten nicht umgestossen werden.

Für Reto Nause ist es wichtig, dass der jetzige Burgfrieden in der Länggasse bestehen bleibt: «Es wäre schade, wenn es jetzt wieder zu einem Zwist zwischen der Kirche und den Anwohnern käme.»

«Der Kirchgemeinderat muss zuerst beweisen, dass das Schlagen und Läuten leiser wird», fordert Schär. Kirchgemeinde-Vizepräsident Beat Strasser kann Schärs Protest nicht verstehen: «Es gibt Fahrzeuge, die nachts mehr Lärm machen als die Glockenschläge», argumentiert er. «Wenn es uns gelingt, die Schläge zu dämpfen, sollen sie nachts wiederaufgenommen werden», stellt Strasser in Aussicht. Doch Glockengegner Schär will wissen, dass drei Tage lange Messungen ergeben haben, dass die Glocken in jedem Fall lauter sind als Fahrzeuge.

Kirchgemeinde Paulus muss Gesuch einreichen

Bis die Glocken an der Pauluskirche nachts wieder schlagen, dürften einige Jahre vergehen: Zuerst müssen nun die Kirchenleute die richtigen Glockenklöppel in einer neuen Legierung finden, um die vorgeschriebenen Lärmwerte von höchstens 60 Dezibel einzuhalten. Falls dies gelingt, müssen die Kirchenleute beim Polizeiinspektorat vorstellig werden. «Die Kirchgemeinde muss bei uns ein Gesuch einreichen», sagte gestern Polizeiinspektor Jean-Claude Hess. Wie es dann konkret weitergeht, konnte er nicht sagen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.12.2011, 06:58 Uhr

10

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

10 Kommentare

Roger Tanner

23.12.2011, 07:09 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Die Freiheit des Einen hört dort auf, wo sie die eines Andren stört (wie bei Passivrauchern). Das Geläut der Kirchenglocken stört auch Tagsüber und wirkt sich negativ auf die Gesundheit der Anwohner aus, dies ist längst bewiesen. Die Kirche weiss das und stört uns trotzdem mitten in der Nacht.. What would jesus do? Man bedenke, dass in der heiligen Schrift das Wort Glocke nicht vorkommt…. Antworten


Manfred Stierli

23.12.2011, 09:08 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Es braucht weder Gebetstürme noch Glockentürme, die den Seelenfrieden der Menschen stören. Und ganz besonders kann ich es mir nicht vorstellen, dass es Gottes Wille ist, dass man sich mit seinen Schäfchen über Glockengeläute streitet. Antworten



Region

Populär auf Facebook Privatsphäre


WERBEN SIE ONLINE

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir beraten Sie gerne.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.