«Adieu Herr Meier – grüessech Frau Meier»

Schwefelberg BadSeit Anfang Jahr ist Claudia Meier Direktorin des Viersternhotels Schwefelbergbad. Das heisst: eigentlich führt sie es schon seit 10 Jahren – seit sie das Hotel von den Eltern übernommen hat. Nur hiess sie bisher Andreas Meier und war ein Mann. Nun aber lebt sie als Frau.

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1 Meter 78, dank den hohen Absätzen noch grösser, schlank, schwarzes Deuxpièces, roter Lippenstift, beim Reden streicht sie sich die blonden Haare aus der Stirn: Das ist Claudia Sabine Meier, 42, Direktorin des traditionsreichen Viersternhotels Schwefelbergbad im Gantrischgebiet.

Kräftiger Händedruck, tiefe, männliche Stimme. Wenn sie von Gästen erzählt, die sie nach einem «Adieu Herr Meier» am Telefon später im Hotel dann verblüfft mit «Grüessech Frau Meier» begrüssen, lacht sie: Auch das ist Claudia Sabine Meier.

Obwohl die Perücke juckt, wäre Kratzen nicht erlaubt, weil diese sonst verrutscht. Den Kaffee trinkt sie mit Röhrli, damit der Lippenstift für die Fotos nicht verschmiert. Und sie rasiert sich mehrmals täglich, bis die Laserrasur den Bartwuchs endgültig hemmen wird. Claudia Sabine Meier war noch bis vor wenigen Wochen Andreas Heribert Meier. Nach «30 Jahren Lügen und Pokerface» hat sie ihr Coming-out als Transsexuelle und feiert seither «täglich Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig». Viele Reaktionen habe sie erhalten, «bisher nur positive». Es gab auch Personen, die Mitleid ausdrückten, dass sie sich so lange habe verstecken müssen. Für Claudia Meier ist das falsch. «Mitleid will ich nicht. Ich darf endlich als Frau leben, das zählt.»

Bei der Réception liegen Flyer, auf denen steht, wer Claudia Sabine Meier ist und wer sie war. Sie geht sehr offen mit ihrer Transsexualität um, beantwortet gerne Fragen. So könne man dem «Gschnur» am besten begegnen. Sie will ihre Geschichte erzählen, denn jetzt sei «die Kokosnuss geknackt». Sie wolle zeigen, wie befreiend es sei, im «richtigen» Geschlecht leben und den Druck des Versteckens ablegen zu können.

30 Jahre Versteckspiel

Andreas Meier war noch im Vorschulalter, als er an einer 1.-August-Feier im Schwefelbergbad eine Erfahrung machte, die er nicht vergessen konnte. Seine Schwester trug ein Flamencokleid, er einen Cowboyanzug. «Ich beneidete sie unglaublich, konnte dieses Gefühl aber nicht einordnen.» Während der ganzen Schulzeit war der damalige Andreas jener, der am Rand des Spielfelds stand und gehänselt wurde. In der Pubertät war er ein kompletter Einzelgänger. Dazu kam das Übergewicht. Noch vor 7 Jahren wog Andreas Meier 155 Kilo. Heute sind es 70. «85 Kilo Andreas sind weggeschmolzen», erzählt sie lachend.

30 Jahre lang versteckte er Claudia, wie er «das Weib ihn mir» nach seinem Chatnamen taufte. Und er log sein Umfeld an. Im Internet bestellte er Frauenkleider für die fiktive Mitarbeiterin Claudia Mantel, «damit niemand die Päckli versehentlich öffnete». Spät abends oder früh morgens schlich er als Andreas mit einem Koffer aus dem Hotel, um sich als Claudia mit Gleichgesinnten zu treffen.

Vor einigen Jahren reiste er alleine als Claudia in die Ferien nach Spanien. «Ich wollte herausfinden, ob ich eine Frau sein oder einfach Frauenkleider tragen will.» Sie stellte fest: «Es ging mir um mehr als um die Kleider.»

Seit einiger Zeit schon geht sie zu einer Psychotherapeutin. Bis im Herbst wusste niemand ausser ihr von Claudia. Die Partnerin auch nicht. «Es war schwierig, zu lügen, und belastete mich enorm, aber es ging nicht anders.»

Das «Experiment Claudia 14»

Letzten Herbst begann das «Experiment Claudia 14». Weil er, ausgelöst auch durch die Sitzungen mit der Therapeutin, gespürt habe, dass «etwas passieren» müsse. Erstmals lebte er 14 Tage durchgehend als Claudia in einem Hotel in der Schweiz. Nach der ersten Woche schob die Psychotherapeutin kurzfristig einen Termin ein, er erschien als Claudia. Sie begrüsste ihn mit «Frau Meier», ganz selbstverständlich. «Ich merkte: Es funktioniert.» Jetzt musste er raus mit Claudia.

An einem Abend im November erklärte er sich in einem Restaurant in Zürich seiner Partnerin, mit der er seit 8 Jahren zusammen ist. «Ich hätte Verständnis für jede Reaktion gehabt», sagt Claudia Meier heute. «Ich stahl ihr ja von einer Sekunde zur anderen den Mann.» Andreas druckste an jenem Abend erst herum, fand die richtigen Worte nicht. Als er, der als Überbleibsel der Ferien Ohrstecker trug, von der Toilette zurückkam, fragte die Partnerin: «Willst du dich zur Frau umoperieren lassen? Ist es das?» Andreas nickte nur. Dann brachen beide in Tränen aus.

«Das Ganze hat mich überrollt. Beim Tempo, das Claudia angeschlagen hat, ist es nicht immer einfach mithalten», sagt die Partnerin heute und lächelt, «so etwas braucht vor allem Zeit.» Noch am Abend des Coming-outs versprach sie, Claudia «zu begleiten». Die beiden sind weiterhin ein Paar. Wenn sie zusammen shoppen oder im Ausgang sind, werden sie als gute Freundinnen wahrgenommen.

Sich gegenüber den Eltern und der Schwester zu offenbaren, fiel Claudia schwer. Sie stiess aber auf Verständnis. Heute komme der Vater vorbei und erkundige sich nach «seinem Claudeli». An Silvester informierte Claudia Meier das Hotelpersonal, dass es eine neue Chefin gäbe, er aber trotzdem bleibe. Mit der Zeit verstanden alle, was gemeint war.

Eine halbe Stunde braucht Claudia Meier heute fürs Schminken. Sie bewegt sich wie eine Frau und nimmt immer mehr Züge an, die man typischerweise einer Frau zuordnet. Sie könne nach wie vor laut werden. «Nur gehe ich überlegter vor, subtiler, eher mit Arsen und Spitzenhäubchen.» Sie will eine elegante Frau sein, keinesfalls billig. Dazu passt ihre Begeisterung für Schuhe, vor allem für Stiefel.

Auf den hoteleigenen Skilift klettert sie weiterhin, um zu kontrollieren, ob alles stimmt. Mit dem Traktor räumt sie Schnee vom Parkplatz. «Erst dachte ich, das geht doch nicht als Claudia. Aber natürlich geht das.»

Kampf mit den Behörden

Als Andreas Meier setzte er sich vehement für die Gantrischregion ein. Gleich engagiert kämpft Claudia Meier nun für ihre Rechte als Transsexuelle. «Es belastet mich enorm, wenn ich öffentlich unter falschem Namen auftreten muss.» Auf Kunden- und Bankkarten sowie auf dem Halbtax-Abo steht nach etlichen Briefwechseln nun der neue Name. Stets hat sie ein Schreiben der Psychotherapeutin dabei, das bestätigt, dass bei Andreas Heribert Meier eine Mann-zu-Frau-Transsexualität diagnostiziert ist. Das Erscheinungsbild stimme daher nicht mit dem Ausweisfoto überein.

Die Identitätskarte ist hingegen noch die alte: alter Name, altes Bild. «Das beschert mir schlaflose Nächte», sagt Claudia Meier. Bald muss sie Verträge für das Hotel unterzeichnen, «das geht nicht als Andreas». Das Zürcher Institut für klinische Sexologie & Sexualtherapie (ZISS) hat zuhanden des Berner Bürgerrechtsdienst ein Schreiben verfasst. Darin steht, dass das Erscheinungsbild von Claudia Meier als Frau derart überzeugend und natürlich wirke, dass sie in einer männlichen Rolle unglaubhaft wäre. Sie leide unter dem männlichen Vornamen. Das Amt schrieb, dass es eine Bestätigung einer Hormonbehandlung brauche. «Das lasse ich mir nicht vorschreiben, ich fühle mich diskriminiert», sagt Meier. Das Gesuch ist zurzeit hängig.

Operation aufgeschoben

Claudia Meier ist gut gelaunt, geradezu euphorisch in diesen Tagen. Sie schläft wenig, weil sie viel auf Trab hält und sie bis früh morgens in ihrem Internetblog über das Leben als Claudia schreibt. Sie sei trotz der psychischen Umstellung «vollumfänglich orientiert und habe keinerlei Auffälligkeiten», schreiben die Experten des ZISS.

Eine Hormonbehandlung ist in den nächsten Monaten geplant. Eine geschlechtsangleichende Operation (Gaop) steht aktuell nicht zur Diskussion, «aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben». Eine Gaop würde zwei Monate Ausfall bedeuten. «Das kann ich mir im Hotel nicht leisten.» Zudem will sie ihrer Partnerin Zeit geben – um sich an Claudia zu gewöhnen.

«Schweiz aktuell» (SF1) berichtet heute Montag (19 Uhr) ebenfalls über Claudia Meier. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 28.02.2011, 06:47 Uhr)

Transsexualität

Transsexuelle sind biologisch klar männlich oder weiblich, fühlen sich psychisch aber dem anderen Geschlecht zugehörig. Einige wollen darum operativ ihr Geschlecht umwandeln. Bis letzten September musste eine Person davor zwei Jahre psychiatrisch beobachtet werden. Dann hob das Bundesgericht diese Zeitspanne als Pflicht auf.

Transsexualität gilt als Störung der Geschlechtsidentität. Die Krankenkassen bezahlen für
gewisse Behandlungen.

Eindeutige Zahlen zu Transsexuellen in der Schweiz gibt es nicht. Schätzungen gehen von 450 Personen aus. Zahlen aus dem Ausland zeigen, dass es viel mehr sein dürften.

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