Wie viel Nähe, wie viel Distanz – das ist im Heimalltag immer ein Thema
Von Mirjam Messerli. Aktualisiert am 11.02.2011
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Ohne Körperkontakt ist Betreuung und Pflege nicht möglich. Katharina Sauterel hilft den Bewohnern beim Schuheanziehen. (Bild: Andreas Blatter)
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Insieme
Für Eltern von behinderten Heimbewohnern und auch für Mitarbeiterinnen müsse es künftig eine Ansprechperson geben. Diese Meinung vertritt Insieme Kanton Bern. Die Geschäftsführerin der Elternvereinigung, Käthi Rubin, möchte diese Kontaktperson aber nicht in den Heimen selber. «Heimleitungen sind immer schon Partei», sagt sie. Die Trägerschaften der Heime, jeder Stiftungsrat und jeder Vereins-vorstand sollte ihrer Meinung nach eine solche Person stellen. «Sie haben etwas mehr Abstand und wären als erste Anlaufstelle geeignet.» Für Käthi Rubin ist es wichtig, dass sich in solche Ämter gewählte Personen bewusst sind, welche Verantwortung sie eigentlich tragen. «Oftmals sind es Juristen oder Finanzfachleute, die in diesen Gremien wirken», führt Rubin aus. Doch als Stiftungsrat eines Heimes habe man auch noch andere Verantwortlichkeiten. Wenn Eltern mit ihren Anliegen bei Heimleitungen nicht ernst genommen würden, wäre eine solche Anlaufstelle hilfreich. Wie sonst können sich Angehörige Gehör verschaffen, wenn sie glauben, an ihren behinderten Töchtern oder Söhnen Veränderungen wahr genommen zu haben.
Es gebe auch eine Ombudsstelle des Kantons. «Sie ist sehr gut und wertvoll. Sie vermittelt und berät die Eltern.» Aber in den Heimen selber würden die Anliegen der Angehörigen nicht immer ernst genommen, sagt Käthi Rubin. Sie spricht von «Ohnmacht und einem grossen Abhängigkeitsgefühl». Viele Eltern hätten Angst, dort delikate Dinge überhaupt anzusprechen. Ihr sei bewusst, dass es in den Heimen viele sexuelle Übergriffe gebe. «Informierte Eltern wissen das», sagt sie.
Käthi Rubin warnt aber davor, zu generalisieren. Im Kanton Bern werde in den Heimen zum grössten Teil sehr umsichtig und professionell gearbeitet. Es sei aber eine Tatsache, dass der Kanton in den Heimen Kosten einsparen wolle. Das führe dazu, dass die Nachtwachen reduziert würden und dass mehr unqualifiziertes Personal eingestellt werde.
Bevor Simone Mischler ein Zimmer betritt, klopft sie an – obschon die Sozialpädagogin annimmt, dass um diese Zeit längst alle Bewohnerinnen und Bewohner bei der Arbeit sind. Anklopfen und das «Herein» abwarten, das ist eine der Hausregeln in der Stiftung Bernaville in Schwarzenburg. 90 Jugendliche und Erwachsene mit einer geistigen Behinderung leben hier. «Sie alle haben ein Recht auf ihre Privatsphäre, also platzt kein Betreuer einfach ins Zimmer», erklärt Simone Mischler.
Einfache, aber klare Regeln
Für die Betreuerinnen und Betreuer ist diese einfache, aber klare Regel längst eine Selbstverständlichkeit. So, wie sie sich Handschuhe anziehen, wenn sie einem Bewohner den Rücken eincremen. «Im Augenblick ist uns aber allen sehr bewusst, wie wichtig solche Abmachungen sind», sagt Simone Mischler.
Dass ein Mann über Jahre in Behindertenheimen ihm anvertraute Menschen missbraucht hat, erschüttert auch das Betreuungsteam im Bernaville. «Ein einzelner Täter hat einem ganzenBerufsstand geschadet», sagt Walter Tschanz, der seit 25 Jahren als Betreuer arbeitet (siehe Zweittext). Bernaville ist nicht von den Missbrauchsfällen betroffen. «Wir hatten Glück», sagt Direktor Vinzenz Miescher. Er würde gerne sagen, dass ein solcher Fall in seiner Institution nicht passieren könnte. «Aber ausschliessen kann ich es nicht.» Er wolle die 115 Angestellten nicht rund um die Uhr überwachen. «Stellen Sie sich das vor! Da müsste man ja Videokameras installieren.» Und wo bliebe dann die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner? Ein undenkbares Szenario für den Direktor. «Ich will hier keine Bespitzelungskultur, sondern eine Kultur des Vertrauens.»
Allein aufs Glück verlässt man sich im Bernaville nicht. Es ist ein Zufall, aber der perfekte Zeitpunkt, dass eine Gruppe Mitarbeiter diesen Monat die Neuauflage des Sexual- und Gewaltkonzepts in Angriff genommen hat. «Wir wollen darin regeln, wie wir mit heiklen Situationen umgehen», sagt Miescher. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner werden einbezogen. In Workshops lernen sie, dass sie Nein sagen können, wenn ihnen eine Berührung unangenehm ist.
Der Alltag muss weitergehen
Wie schnell Theorie und Praxis auseinanderklaffen können, zeigt ein Morgen in einer der Wohngruppen. Die Theorie sagt, dass bei der Pflege die Zimmertüre einen Spalt offen zu bleiben hat. In der Praxis geniert sich aber die Bewohnerin, weil jemand ins Zimmer sehen könnte. «In solchen Fällen muss man den gesunden Menschenverstand walten lassen», sagt die Betreuerin. Der Alltag in den Wohngruppen muss weitergehen. Aber der schwere Missbrauchsfall beschäftigt alle. Der «Generalverdacht» laste auf einigen besonders schwer, sagt der Direktor. So machten sich zum Beispiel die Nachtwächter viele Gedanken, da sie ja auf ihren Rundgängen von Zimmer zu Zimmer allein unterwegs seien. Was, wenn die anderen jetzt denken?
«Diesen Generalverdacht lasse ich nicht auf meine Mitarbeiter kommen», betont Vinzenz Miescher. «Ich habe Vertrauen in sie, und ohne dieses Grundvertrauen könnten wir den Betrieb schliessen.» Der Direktor ist überzeugt, dass bereits viel erreicht werden kann, wenn offen über heikle Themen gesprochen wird. «Transparenz ist auch die Basis für die Zusammenarbeit mit den Angehörigen. Wir wollen nichts verstecken. Unsere Türen sind offen.» Diese Offenheit bringt oft schwierige Gespräche mit sich. Findet sich in einer Wohngruppe ein Paar, müssen die Betreuer mit den beiden auch intime Details besprechen. «Wir fragen nach, wie weit der Austausch von Zärtlichkeiten geht, ob verhütet wird», sagt Simone Mischler. Und ob beide Partner diese Nähe wollen. Denn Übergriffe könnten auch zwischen Bewohnern vorkommen.
In der Wohngruppe, beim Frühstück, wirkt die Stimmung familiär. Für die Betreuerin ist es aber wichtig, sich nicht als Teil einer «Familie» verstanden zu wissen. «Ich bin nicht Mutter, nicht Schwester. Die professionelle Distanz ist wichtig.» Ein Bewohner geht am Tisch vorbei und wuschelt durch die Haare einer Betreuerin. «Du musst sie zusammenbinden, das ist hübscher», rät er. Sie lacht. Nähe und Distanz sei ein immerwährendes Thema, sagt Simone Mischler. «Die Grenzen müssen sowohl für die Bewohner als auch für uns immer klar sein.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.02.2011, 08:38 Uhr
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