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Theater wird zum Ozeandampfer

Aktualisiert am 09.09.2011

Musikfestival Bern«Der Wunsch, Indianer zu werden» führt das Publikum durch unbekannte Winkel des Stadttheaters. Morgen wird das musikalische Stationentheater des Komponisten Leo Dick mit über 100 Beteiligten uraufgeführt. Ein Probenbesuch.

«Still! Wir wollen beginnen», ruft Leo Dick und klatscht in die Hände. «Ihr müsst jetzt nicht perfekt singen. Es geht um die zeitlich-technischen Abläufe.» Der Komponist und Regisseur steht im unterirdischen Lager des Berner Stadttheaters, das den Charme einer Tiefgarage versprüht. Hier, wo sich sonst Kulissen und Requisiten bis an die Betondecke stapeln, tummeln sich nun Sänger, Musiker und technische Mitarbeiter, dazu ältere Statisten mit Schnurrbart und Matrosenhemd. Eine Badewanne steht im Raum. Verschlissene Stockbetten deuten Drittklasskajüten an. Auf einem davon liegt Sopranistin Fabienne Jost, Mitglied im Opernensemble des Stadttheaters. «Wo ist mein Parfüüüüüüüm?», singt sie. Das gehört bereits zum Stück.

«Assoziative Abenteuerreise»

«Der Wunsch, Indianer zu werden», nennt Leo Dick sein Werk, ein Auftragsstück des Stadttheaters. Der gebürtige Basler, preisgekrönter Komponist und seit 2008 Dozent an der Hochschule der Künste Bern, verspricht eine «assoziative Abenteuerreise» in ein gedachtes Amerika, das als Sehnsuchtsort heraufbeschworen wird. Der Trip beginnt an einer unscheinbaren «Geheimtür» bei der Französischen Kirche, führt hinab in die Unterwelt des Theaters beziehungsweise an Bord des Überseedampfers Independent Trader. Mit dem grossen Materiallift gehts schliesslich hinauf zur Stadttheaterbühne, in eine bunte Broadway-Welt – und in die Weiten des Wilden Westens.

Die «Passagiere» treffen dabei auf mehr oder weniger skurrile Gestalten aus dem Amerika-Roman von Franz Kafka («Der Verschollene») und den Abenteuerromanen von Karl May. Ermöglicht wird das Projekt durch ein künstlerisches Grossaufgebot: Neben dem Jugend-Sinfonieorchester des Konsi Bern und den Solisten sind zwei Chöre beteiligt, dazu Vertreter der freien Musikszene mit Banjo, Cembalo, Oud (arabische Laute), Mundharmonika und – Kuhglocken.

In seinem ersten Musikprojekt ‹Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?›, das ihm 2007 einen hoch dotierten Förderpreis eintrug, befasst sich Leo Dick mit dem Thema Heimat. Nun habe ihn die Ferne, aber auch die «Verwandtschaft von Fernweh und Heimweh» interessiert, erzählt der 35-Jährige. «Da lag es für mich nahe, den Mythos Amerika zu untersuchen.» Leo Dick landete zunächst bei der «Karl-May-Welt», die ihn als Kind so fasziniert hatte, dann bei Franz Kafka und dessen Prosaskizze «Der Wunsch, Indianer zu werden». «Dort wird in wenigen Zeilen ein ambivalentes Amerika-Bild gezeichnet, das mich sehr angesprochen hat.» In seinem Musiktheater wolle er das Spannungsverhältnis zwischen den unterschiedlichen Amerika-Fantasien ausloten und zugleich eine neue Perspektive auf den «Sehnsuchtsort Theater» werfen.

Als Komponist ist Leo Dick stark geprägt von seinem Lehrer Georges Aperghis, einem der bedeutendsten Vertreter des modernen «instrumentalen Theaters». Die Musiker werden hier zu Performern, die neben ihrem Instrument auch Stimme und Körper einsetzen. In «Der Wunsch, Indianer zu werden» arbeitet der Komponist vor allem mit dem Mittel der «Verfremdung von scheinbar Bekanntem» – Versatzstücke aus (Wildwest-)Filmen oder amerikanischen Musicals zum Beispiel. «Unter Deck» will Dick mit einer elektronischen Klangcollage das babylonische Sprachengewirr einer «multikulturellen Schiffsatmosphäre» evozieren.

Verfremdete Klänge

«Wir bitten auch die letzten Passagiere, sich zur Plattform vor der Sicherheitsschleuse zu begeben», verkündet eine Lautsprecherstimme im Unterweltlabyrinth. Leo Dick steht nun neben dem Materiallift und bespricht sich mit den Solisten. Einen Stock weiter oben, auf der Hinterbühne des Stadttheaters, probt derweil der Dirigent Titus Engel mit dem Orchester die «Revue-Szenen» des Stationentheaters. «Okay, und jetzt die Streicher. Wir beginnen mit Nummer zwei», ruft Engel zu den Jugendlichen, die sich zwischen den technischen Anlagen aufgestellt haben. Man glaubt Fetzen der US-Nationalhymne zu hören. Wie ein Kapitän steht der Dirigent auf einer Hängeplattform inmitten des Riesenraums. Bei der Premiere morgen Abend wird Engel zum Indianerhäuptling. Oliver Meier;Uraufführung (ausverkauft): Samstag, 10.9., 19.30 Uhr, Stadttheater. Eingang: Bei der Französischen Kirche, Predigergasse 3. Weitere Vorstellungen bis Donnerstag, 15.9. Infos/Tickets: www.stadttheaterbern.ch.>

Erstellt: 09.09.2011, 00:35 Uhr

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