Musik von Islam-Punk bis Japan-Noise
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Ihre liebste Geste ist der gestreckt Mittelfinger: «Fuck you!» Nur zeigen ihn Amerikas Muslim Punks gleich zweihändig – zum einen den westlichen Ignoranten, die in jedem von ihnen einen potentiellen Selbstmordattentäter sehen, zum andern den ewig gestrigen Vätern. Wie befreiend dies in Verbindung mit kreischenden Gitarren und donnernden Trommeln ist, zeigt das Roadmovie «Taqwacore – the birth of Punk Islam».
Verbotenes Singen
Wenn muslimische Teenager am Mikrofon «Sharia in the USA» fordern und im nächsten Atemzug «Sex during Ramadan», dann ist dies Provokation in bester Punk-Tradition. Und wenn die einzige Mädchenband nach drei Takten gestoppt wird, dann hat die Sängerin immerhin drei Takte lang gebrüllt, obwohl ihr öffentliches «Singen» als Frau verboten ist.
Neue Musik, made in Japan
Das zweite Norient Musikfilmfestival präsentiert in jeder Hinsicht ein breites Spektrum. Das Gegenstück zum Islam-Punk ist wohl der japanische Dokumentarfilm «We don’t care about music anyway». Jede Geste will hier Kunst sein: Cellos werden an Mauern aufgeschrammt, Glühbirnen mittels verstärktem Herzfrequenzmesser zum Leuchten gebracht. Ein blutjunges Paar stellt seine Anlage an einem verdreckten Strand auf, er erzeugt Sounds, sie tanzt im Bikini mit der E-Gitarre knöcheltief im Zivilisationsmüll. Entsprechend «taktlos» klingt das – wie einst das Festival für improvisierte Musik, das in Bern oft japanische Gäste vorführte. Neue Musik, made in Japan.
Schweizer Premieren
Authentizität ist das Wichtigste für Musikethnologe Thomas Burkhalter und Filmemacher Michael Spahr, Betreiber der Internetplattform norient.com und Veranstalter des gleichnamigen Musikfilmfestivals. Burkhalter und Spahr wollen keinen eurozentrischen Blick auf andere (Musik-)kulturen werfen, sondern dem fremden Blick folgen, durch fremde Ohren Neues erlauschen. Neben dem Roadmovie «Taqwacore – the birth of Punk Islam» bieten die Norient-Macher dieses Jahr zwei weitere Schweizer Premieren an: «Fokofpolisiekar – Fuck off police car», das Portrait einer weissen Afrikaans-Band im Post-Apartheid-Südafrika, und «Muezzin», einen Film aus der Türkei, der die Rufer der Moscheen im modernen Wettbewerb zeigt.
Musiktrend aus der Türkei
Ein Musiktrend aus der Türkei ist es auch, der diesmal im Zentrum des Interesse steht: Das Festival beginnt morgen Mittwoch Abend im Progr mit einer grossen Arabesknacht, welche Sound- und Videoperformances sowie den Film «Arabesk – Gossensound und Massenpop» umfasst. Ein weiterer «Special» ist die Clubnacht am Freitag nach den Filmvorführungen, ab 23 Uhr im Club Bonsoir mit Schlachthofbronx, Wildlife! und Radiorifle. Nach langem Sitzen endlich abtanzen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.01.2011, 07:56 Uhr
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