Tausend Kugeln sollen für tiefen Schlaf sorgen
Von Simone Lippuner. Aktualisiert am 06.01.2011 1 Kommentar
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Kugeldecken im Alltag
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern UPD wird die Kugeldecke bis jetzt nicht verwendet. Klinikdirektor Wilhelm Felder ist dem therapeutischen Hilfsmittel aber nicht abgeneigt: «Die Wirkung ist immer individuell, weshalb die Sache also nicht ausprobieren.» Schliesslich sei ja auch die grundsätzliche Wirkung von Ritalin zwar erwiesen, jedoch nicht in jedem Einzelfall bestätigt, sagt der Arzt.
Es gibt verschiedene Versuche, mit ADHS-Kindern umzugehen. Für Wilhelm Felder hängt deren Wirkung stark auch von der Haltung der Eltern ab. «Wenn eine Mutter ein konkretes Mittel hat, um ihrem Kind zu helfen, sie davon überzeugt ist und sich sicherer fühlt, kann das zum Erfolg führen.» Felder beobachtete ein ähnliches Phänomen, als vor rund 20 Jahren die phosphatarme Diät als hilfreich für hyperaktive Kinder deklariert wurde. «Kontraproduktiv wird ein Hilfsmittel dann», so Felder, «wenn das Kind darunter leidet.» Zum Beispiel, wenn es zum Znüni in der Schule nur hartes Brot essen darf oder die Kugeldecke mit ins Klassenlager schleppen muss.
Prof. Dr. Wilhelm Felder ist Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der UPD in Bern. (Bild: zvg)
Sandra P.* aus Kiesen ist krank. Die 16-Jährige leidet an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie ist deswegen oft unruhig und nervös, früher konnte sie nachts nicht schlafen.
Als es 12 Jahre alt war, kauften die Eltern dem Mädchen eine Kugeldecke. Über ein Jahr lang schlief es jede Nacht mit einem Duvet, in das über 1000 Kunststoffkugeln eingenäht sind und das knapp 10 Kilogramm wiegt. «Diese Schwere hat mich beruhigt», erzählt die Schülerin. So habe sie ihren Körper besser gespürt. Dennoch benötigte Sandra P.Ritalin, auch heute noch. Die Decke hingegen ist im Schrank verstaut. «Ich kann zurzeit ganz gut ohne einschlafen.»
Ein Gefühl von Geborgenheit
Die Kugeldecke soll das Körperbewusstsein erhöhen. Dies, indem das Gewicht der bis zu 1000 Kunststoffkugeln punktuellen Druck auf den Körper ausübt und so den Berührungssinn stimuliert. «Die vielen Sinneseindrücke senden hemmende Impulse an das Zentralnervensystem», erklärt die Belper Ergotherapeutin Ulrika Nydegger. «Das beruhigt und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit.»
Die Idee mit der Kugeldecke hatten zwei dänische Ergotherapeutinnen vor 20 Jahren. Ulrika Nydegger vertreibt die Decken seit 2008 in der Schweiz. Abnehmer sind nicht nur Eltern von hyperaktiven Kindern, sondern auch Schulen, Spitäler, die psychiatrische Klinik. Das Einsatzgebiet erstreckt sich weit: demenzkranke, geistig behinderte oder depressive Menschen sollen dank den Kugeln zur Ruhe finden. Die Decke ist nicht bloss als Einschlafhilfe gedacht, sondern kann auch während des Tages und von Kindern zum Spielen verwendet werden.
Steiniger Weg zum Erfolg
Der Erfolg der Kugeldecke ist wissenschaftlich bislang wenig erwiesen. In der Schweiz existiert noch keine entsprechende Studie. In einer der letzten Studien aus Dänemark haben 21 Kinder zwischen 8 und 13 Jahren mit dem ADHS-Syndrom teilgenommen. Sie haben in 14 von 28 überwachten Nächten mit der Kugeldecke geschlafen. Sie sei eine «effektive Behandlungsmethode», steht in der Studie. Mit der Decke würden die Kinder schneller einschlafen und seltener aufwachen.
«In Skandinavien sind die Menschen diesbezüglich etwas fortschrittlicher», sagt Ulrika Nydegger, selber Schwedin. Im Norden wird der Kauf einer Kugeldecke nach ärztlicher Abklärung in den meisten Fällen von der Krankenkasse finanziert. Der Preis variiert je nach Grösse und Gewicht zwischen 400 und 1200 Franken. In der Schweiz zahlen die Kassen keinen Rappen.
Nydegger hat die Decke in der eigenen Familie ausprobiert, als ihr Sohn wegen eines Schulhauswechsels nicht mehr schlafen konnte. «Als mir zudem die Eltern eines autistischen Kindes mitteilten, wie froh sie sind, ihr Kind dank der Kugeldecke über Nacht nicht mehr ans Bett fesseln zu müssen, war ich gänzlich überzeugt.»
«Es braucht Medikamente»
Nun will Ulrika Nydegger das therapeutische Hilfsmittel hierzulande etablieren. Das Interesse sei bereits grösser als noch vor zwei Jahren. «Anfangs erhielt ich knapp einen Anruf pro Monat. Heute klingelt das Telefon mehrmals pro Woche.» Es sei wichtig, sich langsam an die Decke zu gewöhnen. Interessierte können diese während dreier Wochen kostenlos testen und, falls der gewünschte Effekt nicht eintritt, an Nydegger zurückschicken. In kleinerer Form gibt es die Decken auch als Sitzkissen: Die sollen dem Zappelphilipp im Schulzimmer helfen, ruhiger zu sitzen und sich während des Unterrichts besser konzentrieren zu können.
Ulrika Nydegger sieht die Kugeldecken als «komplementäres Hilfsmittel», das den Einsatz von Medikamenten nicht ausschliesst. «Es braucht Medikamente, es braucht in gewissen Fällen Ritalin, da bin ich überzeugt.» Die Ergotherapeutin aber plädiert fürs Ausprobieren: «In Dänemark verschreiben die Ärzte zuerst einen Monat Kugeldecke. Dann erst Ritalin.»
*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)
Erstellt: 06.01.2011, 11:23 Uhr
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