Die politische Funktion der Kunst
die Geschichte Chiles und die Aufgabe der Kunst, politische Verhältnisse zu reflektieren.
Frau Wildi Merino, Ihre
Ausstellung trägt den Titel «Dislocación» und dreht sich
um die «kulturelle Verortung
in Zeiten der Globalisierung». Warum dieses Thema?
Ingrid Wildi Merino: Als ich von der Schweizer Botschaft in Chile angefragt wurde, eine Ausstellung zum 200-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit Chiles zu entwickeln, war mir schnell klar, dass «dislocación» das Schlüsselwort ist, das die Stossrichtung für dieses mehrjährige Projekt vorgeben soll. «Dislocaión» ist ein Begriff aus der Medizin, der die Trennung eines Organs von seinem angestammten Ort, aber auch so viel wie Ausrenkung – etwa eines Arms – meint. Der Begriff interessiert mich im übertragenen Sinn, hinsichtlich der sozialen und kulturellen Entwurzelung im Zuge der Globalisierung.
Der Fokus der Ausstellung zielt auf Chile. Worin liegen die Besonderheiten des Landes?
Die Geschichte ist hier noch sehr präsent, das Ende der Militärdiktatur von Augusto Pinochet liegt ja erst 20 Jahre zurück. Nach dem Militärputsch von 1973 und dem Sturz Salvador Allendes wurde Chile zum Modellfall, zum Labor für den Neoliberalismus. Der Hauptverfechter dieser Wirtschaftstheorie, Milton Friedman, verbreitete in Chile die Idee der freien Marktwirtschaft – mit teils fatalen Folgen. Der Zeitungsartikel «Chile: Jetzt investieren!» von 1973 in der Installation von Relax, die in der Ausstellung zu sehen ist, bezieht sich auf diese Vorgänge.
Wie haben Sie die beteiligten Kunstschaffenden ausgewählt?
Ich habe Künstler aus Chile und der Schweiz angefragt, die sich ähnlich wie ich mit geopolitischen Themen, mit Fragen zu Identität oder Migration beschäftigen. Die Schweizer habe ich nach Chile eingeladen, weil es mir wichtig war, dass sie vor Ort recherchieren. Die eigens für die Ausstellung entstandenen Werke waren letztes Jahr bereits in Santiago zu sehen, verteilt über die ganze Stadt.
Ist es eine Aufgabe der Kunstschaffenden, die politischen Verhältnisse zu reflektieren?
Ja, unbedingt. Dass Thomas Hirschhorn für «Dislocación» einen Ford zersägt hat, geschah nicht nur zum Spass, sondern ist eine Reflexion darüber, was dieses Auto als Upperclass-Wagen in Chile repräsentiert und wie die Sitzordnung – der Besitzer vorne, die Arbeiter hinten – die Bruchstellen gesellschaftlicher Hierarchien spiegelt.
Wie gehen Sie als Künstlerin mit Ihrer Rolle als Kuratorin um?
Eigentlich ist das nur eine Frage des Etiketts. Als Videokünstlerin arbeite ich essayistisch, das heisst, ich erzähle nicht eine lineare Geschichte, sondern füge unterschiedliche Fragmente zu einem subjektiven, assoziativen Ganzen zusammen, das dem Betrachter Raum zum Weiterdenken lässt. Die kuratorische Montage der unterschiedlichen Arbeiten zu etwas Neuem ist einfach eine Ausweitung meiner künstlerischen Tätigkeit.
Sie bezeichnen die Ausstellung «Dislocación» auch als Forschungsprojekt. Welche
Erkenntnisse wollen Sie vermitteln?
Als Kunstschaffende setzen wir unseren Blick auf die Welt visuell um. Die Perspektive zu wechseln und die Dinge auch mal aus Sicht der Zweiten oder Dritten Welt zu betrachten, ist mir ein Anliegen. Als in der Schweiz lebende Chilenin kenne ich beide Seiten. Vielleicht weniger offensichtlich als anderswo ist die Globalisierung auch in der Schweiz angekommen. Woher stammt der Kupferchip Ihres Handys? Aus Chile. Woher kommt unser Streusalz im Winter? Aus Chile, wo man aus dem Rohstoff Salpeter früher auch Sprengstoff herstellte. Über solche Dinge lohnt es sich, nachzudenken.
Interview: Magdalena SchindlerDie Videokünstlerin Ingrid Wildi Merino wurde 1963 in Chile geboren, von wo sie 1981 in die Schweiz emigrierte. 2005 hat sie die Schweiz an der Biennale von Venedig vertreten, 2009 wurde sie mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet.
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Erstellt: 17.03.2011, 00:32 Uhr
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