Der Dichter hinter der Maus
Ihn erkennt auf der Strasse kaum jemand. Seinem kleinen Freund geht das anders. Jimmy Flitz, die freche Maus mit dem rot-weiss gestreiften Pulli, ist vor allem Kindern ein Begriff. Und sie ist der ständige Begleiter von Roland Zoss. Auch heute. Kaum ist Zoss da, taucht auch eine kleine Plüschmaus auf. «Sie ist mein Erkennungszeichen», sagt Zoss. Und sie überstrahlt ihn fast etwas zu Unrecht, denn Zoss macht auch ohne tierischen Begleiter tolle Kindermusik, wie sein in-telligentes neues Album «Sing Ding» zeigt.
Doch bevor das Gespräch darauf kommen kann, beginnt ein Redeschwall wie ein Wasserfall, Zoss erzählt seine Biografie. Der bald 60-jährige Berner, der in Mittelhäusern lebt, hat einiges erlebt. Früh zog er mit den Berner Sängerknaben los, war mit gerade mal 13 Jahren auf einer England-Tournee, später folgten Reisen nach Nord- und Südamerika. Eine Begegnung mit Cat Stevens, ein erster Roman – ja, Zoss ist auch Autor, oder wie er es ausdrückt: «Ich bin ein Schriftsteller, der zur Musik gekommen ist». Gedichte, Veröffentlichungen als Songwriter, damals noch für Erwachsene und auf Hochdeutsch. Irgendwann fand er per Zufall seine Insel – eine der Liparischen Inseln – wo er sich eine Ruine kaufte und fortan einige Monate im Jahr dort lebt. Weil er gerne Ruhe hat.
Singende Alltagsgegenstände
Zoss holt Luft. Die Maus sitzt mit gekreuzten Beinen vor ihm auf dem Tisch. Im neuen Album steht nicht sie im Mittelpunkt. Zoss hat sich in 19 Liedern den Gegenständen gewidmet. Während eines Jahrs hat er die Leute nach ihren liebsten Alltagsgegenständen befragt. Es kamen so verschiedene Dinge zusammen wie Büroklammern, Wecker, Bouillon, Abfallsack Dann begann Zoss Geschichten um diese Sachen zu erfinden. So entstand ein rockiges Lied, in dem die Büroklammern beteuern, dass sie nicht herumjammern, sondern immer für die anderen da seien. Ein besonderer Höhepunkt ist «Monsieur Bouillon», wenn Monsieur Bouillon in vornehmem Dialekt und zu Cajun-Rhythmen verkündet: «E Suppe wär ke Suppe ohni mi/Monsieur le Bouillon das bin i/mache schöni Ouge, gibe feini Chuscht/bis de fasch vergeisch vor lutter Suppegluscht.» Oder die Ballade «Etui», in der es zum Aufruhr im Etui kommt, ein Durcheinander, das an Mani Matters «Si hei dr Wilhälm Täll ufgfüert» erinnert.
Gute Musiker vereint
Und wo nimmt Zoss seine Ideen her? «Schwierige Frage», sagt er. Beim Texten werde der Schriftsteller in ihm geweckt, er überarbeite immer wieder, sitze stundenlang daran. Und dann gibts noch Inspiration im eigenen Haus: Sohn Laurin ist jetzt 8 Jahre alt. «Es gab eine Zeit, da war er so begeistert von der Bohrmaschine, dass er sie am liebsten mit ins Bett genommen hätte.» Daraus entstand «Superbohrer», ein Lied, wo ein gewisser Bubi Rohrer verkündet: «I bi der Bubi Rohrer – e Superbohrer/I bohre mi dür alls, wo’s gyt I bohre mi dür d Wäng: rätä-tätä-täng!/I bohre dür Betong: roto-toto-tong!» Die ältere Tochter, Lea, ist mittlerweile 17 Jahre alt und findet, sie sei zu alt für Kinderlieder. Im Hintergrundchor hat sie aber doch mitgewirkt, unter anderem neben der Berner Sängerin Anshelle. Überhaupt hat Zoss gute Musiker um sich geschart und sich bei der Produktion Zeit gelassen, was zu hören ist.
Durch seine Tochter Lea ist Zoss überhaupt darauf gekommen, Kinderlieder zu machen: «Als Lea in den Kindergarten kam, wurden dort nur zürideutsche Lieder gesungen. Als ich mit der Kindergärtnerin darüber sprach, meinte die: Es gebe halt keine Kinderlieder auf Berndeutsch.» Der Ehrgeiz von Zoss war geweckt.
Dass er bisher immer etwas im Hintergrund geblieben ist, stört den Sänger ab und zu auch, zum Beispiel, wenn Veranstalter behaupten, nicht zu wissen, wer er sei. «Ich sage dann immer: Fragt mal die Kinder, die kennen Jimmy Flitz.»Marina Bolzli;Kinderkonzert: Sa, 21.Mai, 14 Uhr, Mahogany Hall, Bern.
CD: Roland Zoss – «Sing Ding», Sound Service.
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Erstellt: 20.05.2011, 00:31 Uhr
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