«Alec von Graffenried hat ‹Sommaruga-Potenzial›»
Der Andrang auf die zwei Berner Ständeratssitze ist enorm. Ernsthafte Chancen haben Werner Luginbühl (BDP), Adrian Amstutz (SVP), Hans Stöckli (SP), Alec von Graffenried (Grüne) und Christian Wasserfallen (FDP). Wagen Sie eine Prognose?
Adrian Vatter*: Wie knapp die Ausgangslage ist, hat sich bei der Ständeratswahl im März gezeigt, als sich Adrian Amstutz um einen einzigen Prozentpunkt gegen Ursula Wyss durchsetzte. Da ist eine seriöse Prognose unmöglich. Relativ sicher scheint mir, dass FDP-Kandidat Wasserfallen die schlechtesten Karten der fünf ernsthaften Anwärter hat.
Also bleiben zwei Szenarien: Die beiden Bisherigen Luginbühl und Amstutz schaffen die Wiederwahl – oder Stöckli oder von Graffenried holen einen Sitz.
Das sind die denkbaren Varianten. Für Luginbühl und Amstutz spricht, dass sie als Bisherige antreten und der Kanton Bern eine klare bürgerliche Mehrheit aufweist. Er war in der Vergangenheit fast immer durch zwei Bürgerliche – damals noch von FDP und SVP – im Ständerat vertreten. Simonetta Sommaruga, die diese Serie als erste Linke unterbrochen hat, war die grosse Ausnahme.
Was wird den Ausschlag geben?
Die zentrale Frage ist, ob die Basis von SVP und BDP besser über ihren Schatten springen kann als die Eliten dieser Parteien: Werden die SVP-Wähler den «Abtrünnigen» Luginbühl auf ihren Wahlzettel schreiben? Werden die BDP-Anhänger den grossen BDP-Kritiker Amstutz wählen? Wenn diese gemeinsame Unterstützung im bürgerlichen Lager spielt, haben Luginbühl und Amstutz gute Aussichten auf eine Wiederwahl. Vor allem vor dem zweiten Wahlgang wird entscheidend sein, ob SVP und BDP den Schulterschluss schaffen und ihren Wählern ein entsprechendes Zeichen setzen.
Also ist die Uneinigkeit der Bürgerlichen die grosse Chance der linken Kandidaten?
Genau. Allerdings haben sie auch ein Handicap. Sommaruga schaffte die Wahl dank ihrer überparteilichen Ausstrahlung sowie ihrer Hausmacht als SP-Vertreterin. Die jetzigen Kandidaten haben jedoch nur das eine oder das andere: Stöckli hat die SP-Hausmacht – von Graffenried hat die Ausstrahlung ins bürgerliche Lager hinein. Aus meiner Sicht hat er durchaus «Sommaruga-Potenzial» und könnte für eine Überraschung sorgen, wenn er die Hausmacht der SP quasi «ausleihen» könnte. Linke Kandidaturen haben im bürgerlichen Bern nur in speziellen Situationen eine Chance; die Frage ist, ob die Zerstrittenheit der Bürgerlichen eine solche Situation ist.
Falls die Bürgerlichen nur noch einen Sitz erobern: Wer wird vorne liegen, Luginbühl oder Amstutz?
Da wage ich keine Prognose. Inhaltlich sind ihre Positionen weitgehend identisch. Luginbühl hat als Kompromisspolitiker bei einer Majorzwahl bessere Chancen, Amstutz hat jedoch die grössere Hausmacht.
Wie wichtig ist die Herkunft? Spielt es eine grosse Rolle, dass sie beide Oberländer sind?
Kaum. Entscheidend wäre das nur, wenn es Christian Wasserfallen gelingen könnte, in den Städten und Agglomerationen sehr viele Stimmen zu holen. Doch das ist nicht anzunehmen. Die Stimmen der Städter gehen in der grossen Mehrheit an die Linken und Grünen, während die Bürgerlichen in den Landregionen punkten. Interview: fab* Adrian Vatter leitet das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. >
Erstellt: 09.06.2011, 00:32 Uhr
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