Velofahren auf einem Sechstausender
Von Erwin Haas. Aktualisiert am 02.03.2010 1 Kommentar
Claude Balsiger hat schon ein paar Velotouren im Himalaja in den Beinen, aber so hoch hinaus wie dieses Jahr wollte der 27-jährige Zuger noch nie. Er will im Sommer beim Projekt Mountainbike 6000 (www.mountainbike6000.com) im indischen Ladakh einen Weltrekord erstrampeln: mit dem Fahrrad auf einen 6000 Meter hohen Berg.
Balsiger weiss, dass es bereits einen ähnlichen «Guinness-Buch»-Rekord gibt: Zwei Deutsche trugen 2009 ihre Spezialvelos mit Pneus so breit wie Ski in Westchina auf 7211 Meter und fuhren anschliessend hinunter. Doch wenn schon ein Mountainbike-Weltrekord, dann aufwärts, sagte sich Balsiger. «Highest altitude climbed on a bicycle» heisst die selbst definierte Höchstleistung, die er im August in Angriff nimmt. Seine Regeln: mindestens 2500 Höhenmeter hinauf zum höchsten je pedalend bewältigten Punkt, und zwar mit einem Standard-Mountainbike und zu mindestens 97 Prozent im Sattel, sowohl bergauf als auch bergab. Kontrolliert wird der Rekord von Zeugen und einem GPS-Gerät mit Trittfrequenzmesser.
Der Berg hat keinen Namen
Der Berg hat keinen Namen. Über dem Ladakh-Hochplateau Changtang, das höher liegt als alle Schweizer Berge und wo es nur alle 40 Kilometer ein Nomaden-Zeltdorf gibt, ragen gegen 400 namenlose Gipfel in den Himmel, und die Landkarten sind schlecht. Entdeckt hat Balsiger einen schneefreien Gipfelweg, als er nach der höchsten Tour der Welt suchte: eine nicht zu steile Krete aus hart gepresstem Sand und Schiefergestein, die vom Yalung Nyu La-Pass abgeht. «Es gibt keine Wege mehr dort oben, nichts. Wie auf Skitouren.»
2007 hat Balsiger seinen Lehrerberuf in Engelberg an den Nagel gehängt. Er wollte seine Reiselust mit dem Drang nach Sport verbinden. Dreimal war er seither im indischen Himalaja. Er hat dort für einen Schweizer Pionier-Reiseveranstalter einsam den höchsten fahrbaren Weg der Welt rekognosziert, der über einen 5450-Meter-Pass führt. Eine Fahrt auf den Zürcher Uetliberg oder den Gurten in Bern kommt günstiger: Der Himalaja-Velotrek kostet rund 6000 Franken. Dennoch kann Balsiger nicht vom Tourenleiten leben. Im Winter jobbt er jeweils als Lehrer. Doch vor dem Rekord reist er jetzt schon im Juni wieder ab. Die rechtzeitige Akklimatisation in der dünnen Luft, die sowohl die Atmung als auch den Druck in den Pneus ansteigen lässt, ist das Wichtigste.
Über das Dach der Welt brettern
Es gibt ein Youtube-Filmchen, das zeigt, wie Balsiger übers Dach der Welt brettert - mal über einen Wüstenpfad, mal über eine Buckelpiste. Doch was locker aussieht, ist in den indischen Schluchten nicht gefahrlos und braucht die Logistik eines ganzen Stabs. Das Material tragen Pferde hinauf bis ins Basislager. In fantastischen Bildern des Zuger Fotografen Martin Bissig ist Balsigers Abenteuerlust dokumentiert. Auf seinen Touren musste er sein Velo schon hinter Felsen verstecken, damit Pferde aus Angst vor dem Stahlross nicht scheuten. Auch Hirtenkinder und -frauen auf 4500 Meter hatten noch nie so ein Ding gesehen.
«Ich bin kein Rekordjäger», sagt Balsiger, «sondern ein extremer Idealist.» Ihn reizen Abgeschiedenheit und Begegnungen mit Nomaden. Als Sohn von Geschäftsleuten und als Bruder eines Bankers in Singapur ist Balsiger «der, der ein bisschen anders ist in der Familie». Den Moriri-See hinter dem erwähnten Yalung Nyu La-Pass bezeichnete er als Mekka seines Bikerdaseins: «Hier oben beantwortet wirklich jede einzelne Kurbelumdrehung die Frage nach dem Sinn des Lebens.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.03.2010, 07:55 Uhr
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