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Matthias Chapman
Nachrichtenchef


«Samedan gilt als anspruchsvollster Flugplatz weltweit»

Aktualisiert am 21.12.2010

Der Jetset will im Winter nach St. Moritz. Dank dem Flugplatz Samedan geht das auch schnell. Was aber, wenn das Wetter verrückt spielt, der Pilot unerfahren ist oder gar der Gast eine unmögliche Landung durchdrückt?

1/7 Beim Landeanflug verunglückt: Zwei Piloten starben am Sonntag, als ihre Maschine, eine Beechcraft 390 Premier1, in eine Trafostation bei Bever stürzten.
Bild: Keystone

   

Zur Person: Hansjörg Bürgi ist Chefredaktor und Verleger des Schweizer Luftfahrtmagazins «SkyNews.ch».

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Boeing 737 und Super Connie landeten in Samedan (siehe Bildstrecke)

Mit 1707 Metern über Meer ist der Engadin Airport bei Samedan der höchstgelegene Flugplatz Europas. Jährlich finden auf dem Flughafen rund 17'000 Flugbewegungen statt (zum Vergleich: Kloten rund 300'000). Im Winter herrscht teilweise Hochbetrieb, wenn die gutbetuchten Touristen die Highsociety-Orte St. Moritz, Pontresina und andere Tourismus-Gemeinden im Engadin aufsuchen. Die Flugpiste hat eine Länge von 1800 Metern (Kloten: Die Piste 28 ist 2,5 Kilometer lang). Darauf sind schon die legendäre Super Connie oder auch Boeing 737 gelandet und gestartet.

Am 12. Februar 2009 kam es zu einem schweren Unfall, als eine Falcon 10/100 in einen vier Meter hohen Schneewall neben der Piste prallte. Die beiden Piloten kamen ums Leben. Der einzige Passagier überlebte. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt ordnete danach ein neues Schneeräumungskonzept an.

Infobox

Nach dem Absturz eines Business-Jets mit zwei Toten am Sonntag weist die Flughafenbetreiberin des Oberengadiner Flughafens in Samedan Spekulationen zurück, die Sicht sei zu schlecht für Landungen gewesen. Medienberichte, die anderes behaupteten, seien falsch. «Das Wetter war zwar nicht schön, aber es gab keinen Grund die Flugpiste zu schliessen», sagte Andrea Parolini, Mediensprecher der Flughafenbetreiberin Engadin Airport AG, am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Alle Vorschriften und Richtlinien seien eingehalten worden. Die Tageszeitung «Die Südostschweiz» zitierte einen mit dem höchstgelegenen Flugplatz Europas scheinbar vertrauten Privatpiloten, wonach die Sichtbedingungen für die in Samedan üblichen Landungen nach Sichtflugregeln zu schlecht gewesen seien. Im Oberengadin diskutiere man bereits, weshalb der Flugplatz trotzdem offen gewesen sei. «Die Sicht betrug genügende drei bis vier Kilometer und es hat normal geschneit», widersprach Parolini. Auf dem Flugplatz habe den ganzen Tag regulärer Flugbetrieb geherrscht. Zudem seien selbst kurz vor dem Absturz zwei andere Jets problemlos gelandet und unmittelbar nach dem Absturz ein weiteres Flugzeug normal gestartet. Den Piloten stelle der Flugplatz lokale Wetterdaten zur Verfügung, die jede Stunde, bei Wetteränderung aber jeweils sofort aktualisiert würden.

Stichworte

Herr Bürgi, was wissen Sie vom gestrigen Flugunfall in Samedan?
Da das Büro für Flugunfalluntersuchungen (BfU) noch keinen Vorbericht veröffentlicht hat, fehlen noch wichtige Informationen. Ich vermute allerdings, dass die Wetterlage eine Rolle gespielt hat. Die Sicht war zwar nicht so schlecht, dass eine Landung unmöglich gewesen wäre. Denkbar aber, dass der Pilot bei Bever in eine Schneefront hineingeflogen ist.

Was heisst das?
Der Pilot sieht nichts mehr. Bei einer geschätzten Geschwindigkeit von 120 Knoten – also umgerechnet gut 225 km/h – wird eine schlechte Sicht zum Problem.

Gibt es in Samedan keine Instrumentenuntersützung?
Nein, in Samaden fliegt man nach Sicht. Das ist nicht so, wie zum Beispiel in Kloten, wo mit dem Instrumentenlandesystem gelandet wird. Im untersten Luftraum gibt es auch keine Radarabdeckung.

Was heisst das für den Piloten?
Er muss alles selber machen. Der Pilot bestimmt die jeweilige Flughöhe und den Anflugwinkel. Für einen sicheren Anflug braucht es sicher zirka drei Kilometer Sichtweite.

Die Piloten mussten gestern durchstarten. Ist das ungewöhnlich?
Nein, bei jeder Landung muss ein Pilot mit einem Durchstart rechnen und sich auch darauf vorbereiten. Insbesondere in Samedan ist das von grosser Wichtigkeit. Sollten die Piloten aber Samedan nicht, oder nicht so gut gekannt haben, könnte ich mir vorstellen, dass sie zu hoch angeflogen sind.

Sie haben eine Rechtsvolte gemacht, um nochmals anzusetzen. Die Anflugkarte für Piloten zeigt aber eine Linksvolte für diesen Fall. Was lässt sich daraus schliessen? Das muss der Bericht des BfU zeigen.

Sie sind selber Pilot. Ist der Flugplatz Samedan besonders schwierig für Anflüge?
Samedan gilt als einer der anspruchsvollsten Flugplätze weltweit. Das hat mit der Topografie, den Wind-Verhältnissen und der Höhe über Meer zu tun. Samedan liegt 1700 Meter hoch. Das heisst, alle Maschinen haben weniger Leistung, weil die Luft weniger Sauerstoff hat. Bei den Jets ist das weniger ein Problem, als bei den kleinen Propeller-Flugzeugen. Zudem ist die Luft dünner, das heisst, sie trägt weniger. Im Normalfall sind diese Faktoren unproblematisch. Aber bei Notfällen können sie eine entscheidende Rolle spielen. Für rasche Manöver braucht es zum Beispiel genug Leistung.

Darf jeder Pilot in Samedan landen?
Das muss jeder Pilot selber entscheiden. In der Regel gibt es für mit dem Platz unerfahrene Piloten eine sogenannte Einweisung. Das heisst, man fliegt mit einem Fluglehrer diesen Flugplatz an.

Kann die Flugkontrolle in Samedan einen Anflug auch ablehnen?
Grundsätzlich entscheidet der Pilot, ob er den Anflug macht oder nicht. Die Bodenkontrolle informiert ihn nur über die Verhältnisse am Boden und leitet den Verkehr am Boden.

Das heisst, ein Pilot kann auch bei prekären Verhältnissen eine Landung durchdrücken?
Ja. Das geschieht auch immer mal wieder. Man muss sich vorstellen, ein Pilot fliegt mit Passagieren Samedan an. Sollte er sich gegen eine Landung im Talkessel entscheiden, müsste er nach Altenrhein, Zürich oder Lugano ausweichen. Für die Passagiere heisst das, sie erreichen ihr Ziel viel später als geplant. Hier steht der Pilot also unter einem gewissen Druck.

Das war aber gestern nicht der Fall. Die beiden Piloten waren alleine im Flugzeug.
Ja, aber sie sollten offenbar Gäste abholen, um sie heute nach Rom zu fliegen. Umso erstaunlicher ist es, dass sie landen wollten. Beim fatalen Unfall vom Februar 2009, zum Beispiel, mag das eine Rolle gespielt haben. Damals waren zwei Piloten mit einem Passagier beim Landeanflug in eine Schneemauer gerast. Die Piloten kamen dabei ums Leben. Die Verhältnisse für die Landung waren, um es gelinde zu sagen, alles andere als optimal.

Gibt es Bestrebungen, in Samedan ein Instrumentenlandesystem einzuführen?
Ein ILS kann in Samedan nicht installiert werden. Stellen sie sich vor, der Richtstrahl, nach dem die Maschinen anfliegen, ginge durch die Berge. Das geht nicht. Prüfenswert wäre in Samedan ein satellitengestützer An- und Abflug. Das würde einen gekrümmten Anflug um die Berge herum erlauben. Aber der Endanflug erfolgt trotzdem auf Sicht. Das geht bei diesen topografischen Verhältnissen nicht anders. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.12.2010, 17:54 Uhr

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