Nirwana auf zwei Rädern
Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 09.04.2011
«Es war extrem», sagt Aldo Schaller, wenn er sich an das vergangene Wochenende erinnert. Die Temperatur sprang fast über Nacht von Spätwinter auf Frühsommer, doch was Schaller beeindruckte, waren nicht die Obstbäume, die schlagartig blühten. Sondern die Rennvelofahrer, die sich kollektiv aus dem Winterschlaf verabschiedeten und wie Ameisen auf die Strassen schwärmten. Es ist normal, dass Rennradfahrer ihr Velo erst aus dem Keller nehmen, wenn man mit kurzen Hosen fahren kann, aber «in dieser Massierung habe ich den Aufbruch noch fast nie gesehen», sagt Schaller.
Schaller, 46, mag für das explosive Frühlingserwachen der sportlichen Pedaleure speziell sensibel sein. Denn wenige wissen so gut wie er, was Menschen bewegt, die sich auf ein Rennvelo setzen. Schaller war in jungen Jahren selber erfolgreicher Radrennfahrer bei den Eliteamateuren, ehe er sich vor 18 Jahren mit seinem auf Rennräder spezialisierten Geschäft in der Stadt Bern selbstständig machte. Sein Laden an der Seftigenstrasse im Weissenbühlquartier ist heute ein wichtiger Treffpunkt für Gümmeler aus dem Grossraum Bern.
Gesellschaftliche Ausweitung
Gemeint sind hier nicht hochgezüchtete Spitzensportler wie Fabian Cancellara, der früher für Schaller fuhr und morgen Sonntag das klassische Pflastersteinrennen Paris–Roubaix zu gewinnen sucht. Es geht auch nicht um grün angehauchte Alltags- und Tourenradler, die Velofahren mitunter als politisches Statement gegen Verkehrskollaps und Klimaerwärmung verstehen. Am Sonntag zelebrieren sie beim Slow-up um den Murtensee ihr erstes Saisonhappening.
Mit besonderer Vorliebe kümmert sich Schaller um die Welt der Hobbyrennradfahrer – der Professoren, Unternehmer, Lehrer, Beamten und Handwerker, die nicht unbedingt wegen ihres Umweltgewissens aufs Velo sitzen. Die aber ein Rennvelo zu Hause haben. Jeden Samstag im Sommerhalbjahr trifft sich diese Szene in wechselnder Zusammensetzung vor Schallers Laden und fährt dann in der Gruppe, unentgeltlich geführt, über Land.
Nicht, dass die Verkaufszahlen für Rennräder spektakulär in die Höhe schiessen würden. Aber Schaller beobachtet, dass sich der gesellschaftliche Kreis der Rennvelokäufer erweitert. Letzten Samstag waren 33 Pedaleure bei Schallers Ausfahrt dabei.
Es sind nicht mehr bloss knorrige, leidensbereite, federleichte Hobbysportler, die neben der Arbeit besessen Tausende von Kilometern pro Jahr abspulen. Sondern immer mehr Frauen. Und häufig auch in jeder Hinsicht gewichtige Menschen.
Wohlstandsbauch inbegriffen
Seit kurzem bietet Schaller bei schönem Wetter über Mittag mit seinem Personal eine sogenannte Businessrunde an, der sich gelegentlich auch Geschäftsleute anschliessen. Kurz Krawatte und Kittel an den Nagel hängen, eine Stunde aufs Rad sitzen, den Kopf durchlüften. Es ist heute auch kein Sakrileg mehr, mit Übergewicht einen Renner zu fahren. Bei gut eingestellter Sitzposition kurbeln die Beine auch mit Wohlstandsbauch formidabel.
Wenn ein neuer Kunde in den Laden komme, denke er oft, dass er sich mit dem wohl nie verstehen werde. Dann wird der Neuankömmling Rennvelofahrer, und «plötzlich ist die Nähe da». Er könne nicht präzise benennen, was genau es sei, das die unterschiedlichsten Leute aufs Rennvelo locke, sagt Schaller. Am ehesten seien es wohl diese speziellen Momente, die man erlebe, wenn man, wie er es häufig macht, von Bern her den Belpberg hochfährt und dann schweisstriefend und überwältigt dem Berner Alpenpanorama entgegenrollt. Das könne er immer wieder tun, in jeder Stimmung, doch das Verrückte sei, dass sich «das Glücksgefühl kein bisschen abnützt». Das erkläre vielleicht, glaubt Schaller, dass die wenigsten, die sich je auf ein Rennrad gesetzt haben, wieder von ihm lassen.
Die Welt wird kleiner
Wie das Suchtmoment auf einem Rennrad entsteht, kann man sich vielleicht so vorstellen: Egal, ob «der Bock» 2000 oder 7000 Franken gekostet hat — nichts an ihm ist überflüssig, alles darauf ausgerichtet, sämtliche Energie in Vorwärtsbewegung umzusetzen. Kein schlecht gepumpter Pneu, kein weicher Sattel, kein wackliger Rahmen, der Kraft ins Leere stossen lässt. Das tönt sportlich und verbissen, aber das Grandiose daran ist, dass man auch als wenig trainierte Person auf dem leichten Rad mit minimalem Aufwand ein flottes Tempo halten kann. In der Gruppe erreicht man, weil der Windschatten hilft, problemlos eine konstante Reisegeschwindigkeit von 30 oder 35 Stundenkilometern. Das macht die Welt kleiner und flacher, plötzlich bricht man zu kleinen Abenteuern auf, man fährt am Sonntagmorgen von Bern aus um den Murtensee und ist am Mittag wieder zurück, es war ein Kurztrip in eine andere Welt.
Zweifellos besänftigt dabei die monotone Bewegung der Beine den Geist. Mit etwas Übung schafft man es immer besser, den toten Punkt der Pedaldrehung zu überwinden und rasant zu pedalieren, ohne dass der Hintern auf dem Sattel zu hüpfen beginnt. Das könnte man als die Kunst des Rennradfahrens bezeichnen, und man spürt in diesen Momenten, egal wie hoch die absolute Geschwindigkeit ist, wie penetrant der Verkehr auf der Strasse und wie gut der Fitnessstand, dass man, mit fliegenden Beinen und stoischem Oberkörper, in eine rauschartige Trance versinkt.
Der Berner Patrick Seabase gehört zu den verwegensten Fixie-Fahrern. Fixies sind trendige Rennräder mit starrer Nabe und Rücktrittbremse, die der Rennveloszene einen alternativen Touch verleihen, und Seabase bewältigt selbst Alpenpassabfahrten bloss mit der Rücktrittbremse und einer Tretfrequenz, die an eine Nähmaschine erinnert. «Rennradfahren ist für mich wie Meditation», schreibt der sportliche Künstler, «es hält mich am Boden, ich bin konzentriert auf das Jetzt, aber verbunden mit dem Universum.» Anders gesagt: Auf dem Rennvelo kann das Nirwana nicht mehr weit sein.
Wie ein Kulturschock
Wobei auch in irdischen Dimensionen Erstaunliches in Bewegung kommt. So dass man sich fragen muss, wer mehr mit dem anderen anstellt – Fahrerinnen oder Fahrer mit ihrem Velo oder das Rennrad mit ihnen.
Denn wer einen Renner kauft, wird Teil einer Duz-Community mit eigentümlichen Gewohnheiten – ob er will oder nicht. Ein bisschen ist Rennradfahren wie ein ausgedehnter Immersionsaufenthalt in einer fremdsprachigen Kultur. Man lernt Regeln, die nirgends geschrieben stehen und die von Rennradler zu Rennradler weitergegeben werden. Die kleinen Handzeichen etwa, die Hinterradfahrer vor Hindernissen warnen, wenn man in der Gruppe fährt. Oder nie in einer Kurve die Vorderbremse zu ziehen – weil man sonst stürzt.
Aldo Schaller muss oft schmunzeln, wenn sich Hobbyfahrer unbedingt wie die Profis den neusten Karbonsattel leisten wollen, der 35 Gramm leichter ist als der alte, sie selber aber 10 Kilogramm Übergewicht mit sich herumschleppen.
Mit rasierten Beinen
Aber ein bisschen wird man mit seinem Rennvelo eben auch zu Cancellara oder Lance Armstrong, und zum Schönsten an der Community gehört es, dass man sich trotz fortgeschrittenem Alter und Fettansätzen nicht lächerlich vorkommen muss, wenn man sich am Sonntag ins gepunktete Bergpreistrikot der Tour de France oder in die Originalvelohosen des verstorbenen italienischen «Radpiraten» Marco Pantani zwängt. Dass man verstanden wird, wenn man zu seinem Rennvelo eine persönliche Beziehung aufbaut und es im Schlafzimmer neben dem Ehebett aufbewahrt. Und dass es selbstverständlich ist, wenn sich Rennrad fahrende Männer in der Sommersaison die Beine rasieren. Einen praktischen Grund dafür gibt es nicht – ausser, dass man den Fahrtwind intensiver spürt und man sich in der Badi, angesichts der sauberen «Rändli» zwischen brauner und weisser Haut an den Oberschenkeln, gegenseitig ohne ein Wort sofort als geistesverwandte Gümmeler erkennt.
Manchmal glaubt Schaller allerdings auch noch andere, weniger äusserliche Anziehungsfaktoren zu erkennen: Sich selbst einem Leistungstest auszusetzen beispielsweise. Jeder Rennradfahrer fährt mit Computer, der Distanz, Durchschnittsgeschwindigkeit und oft auch Höhendifferenz speichert. Nach einem Tag im Büro weiss man häufig nicht genau, worin die Leistung bestand. Nach einer Runde auf dem Velo ist alles klar.
Durchbeissen! Ganz alleine.
Und fast immer kommt Rennvelofahren einem Sieg über seine Selbstzweifel gleich. Man ist gezwungen, sich mit eigener Kraft aus einer Krise zu hieven. Bei kaum einer anderen körperlichen Tätigkeit gerät man so unvermittelt vom Hochgefühl in die absolute Leere. Eben noch ging alles von selber, plötzlich hat man das Gefühl, man fahre mit blockiertem Hinterrad. Aller Zucker verbrannt, alle Energie weg. Jogger begännen zu gehen. Aber vom Rennvelo steigen ist verboten – schon nur, weil man in den Spezialschuhen keinen Fuss vor den anderen kriegt. Es gibt keine Rettung, keinen Trick, keine Wahl. Durchbeissen! Ganz alleine. Das ist hart. Aber genau, was man gesucht hat. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.04.2011, 11:03 Uhr
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