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Kritische Stunden im türkischen Erdbebengebiet

Aktualisiert am 24.10.2011 43 Kommentare

In der Osttürkei haben Familien von Erdbebenopfern ihre Toten betrauert. Nur wenige konnten sich über die Bergung von Angehörigen freuen. Die Suche nach Überlebenden könnte bald eingestellt werden.

1/22 Heftiges Beben im Südosten der Türkei: Vier Tage danach konnte ein 13-Jähriger noch lebend gerettet werden. (28. Oktober 2011)
Bild: Reuters

   

Seit dem gestrigen Beben suchen Rettungsmannschaften nach Überlebenden. (Video: Reuters)

Der türkische Ministerpräsident besuchte Verletzte in einem Krankenhaus und sprach ihnen Mut zu. (Video: Reuters)

Schwere Beben in der Türkei

In der Türkei gibt es immer wieder schwere Erdbeben. Verantwortlich dafür sind die immensen geologischen Kräfte in der Region. Denn das Land liegt auf der eurasischen und der afrikanischen Kontinentalplatte. In den letzten Jahrzehnten gab es bei schweren Beben viele Tote und grosse Schäden:

8. März 2010: Bei einem Erdbeben der Stärke 6,0 im Osten der Türkei werden mindestens 51 Menschen getötet. Etwa 100 Menschen werden verletzt. In der Provinz Elazig stürzen Dutzende Häuser und die Minarette mehrerer Moscheen ein.

1. Mai 2003: Erdstösse der Stärke 6,4 bringen in der Provinz Bingöl im Südosten der Türkei mindestens 176 Menschen den Tod, darunter sind mehr als 80 Kinder in einem Schülerheim.

3. Februar 2002: In der westtürkischen Provinz Afyon kommen bei einem Erdbeben der Stärke 6,2 mindestens 44 Menschen ums Leben.

12. November 1999: In der nordwesttürkischen Region Düzce fordert ein Beben der Stärke 6,3 nahezu 900 Todesopfer. 1500 Häuser werden zerstört.

17. August 1999: In der Region um die Industriestadt Izmit tötet ein Beben mehr als 17'100 Menschen. 88'000 Häuser sind unbewohnbar.

13. März 1992: Mindestens 498 Tote und 200 völlig zerstörte Häuser sind die Bilanz eines Bebens der Stärke 6,8 in der Ost-Provinz Erzincan.

30. Oktober 1983: Im Raum Erzurum in Ost-Anatolien werden 77 Ortschaften durch Erdstösse der Stärke 6,9 verwüstet. Die Retter können 1342 Bewohner nur noch tot bergen. (sda)

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Die Zahl der Toten stieg nach dem starken Beben in der Osttürkei gemäss amtlichen Angaben am Montag auf 279. Zahlreiche Menschen waren aber offenbar noch immer unter den Trümmern der am Sonntag eingestürzten Häuser begraben. Der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc sagte über 1300 Menschen seien verletzt worden.

Während die Rettungskräfte noch immer nach Überlebenden suchten, wurden Dutzende Tote in Leichensäcken in Reihen ausgelegt, damit Angehörige sie identifizieren konnten. Einige der Toten waren nur mit Decken bedeckt. Trauernde Familien versammelten sich vor der Moschee von Ercis.

Lehmziegelbauten stürzen ein

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan besuchte die Region am späten Sonntag und stellte fest, dass fast alle Lehmziegelbauten in den umliegenden Dörfern der Region dem Beben zum Opfer gefallen seien. Die Ausläufer des Bebens waren auch im Iran und Armenien zu spüren.

Vier der am Montag geretteten Personen konnten ausgegraben werden, nachdem es einem Eingeschlossenen gelungen war, per Mobiltelefon einen Notruf abzusetzen. Der am Bein verletzte Mann konnte den Rettern beschreiben, wo er lag. Aus den Überresten desselben Hauses in der Stadt Ercis wurden 20 Stunden nach den Erschütterungen zwei Kinder und ein weiterer Erwachsener geborgen.

Eine 21-Jährige wurde ebenfalls am Montag gerettet, nachdem sie 27 Stunden unter Trümmern eingeschlossen war. Ihr Vater berichtete, die Familie habe zum Zeitpunkt der Erschütterungen gerade mit zwölf weiteren Verwandten beim Essen gesessen. Vier von ihnen konnten lebend geborgen werden. Ein 20-jähriger Mann konnte ebenfalls am Montag aus den Resten eines eingestürzten Internetcafés befreit werden. Acht Stunden brauchten die Retter, um ihn zu bergen.

Rettungsmannschaften arbeiteten die Nacht durch

Während über 200 Nachbeben die Katastrophenregion erschütterten, suchten Rettungsmannschaften nach Opfern. Kräne und andere schwere Maschinen hoben schwere Betonplatten an, damit Anwohner darunter mit Schaufeln nach Überlebenden suchen konnten. Allerdings ist unklar, wie lange noch Hoffnung besteht, Überlebende zu finden. Arnic sagte, die Rettungsarbeiten würden möglicherweise bereits am Dienstag eingestellt.

Hilfsorganisationen stellten Zelte, Lazarette und mobile Küchen für die Opfer bereit. Viele verbrachten die Nacht aus Angst vor Nachbeben im Freien. «Wir waren die ganze Nacht draussen. Ich konnte nicht schlafen. Meine Kinder, besonders die Kleine, sind verängstigt», sagte Serpil Bilici über ihre sechsjährige Tochter Rabia. «Ich hab sie mir geschnappt und bin nach draussen gerannt, als das Erdbeben losging. Wir haben alle geschrien.»

Allein in Ercis bis zu 80 Gebäude eingestürzt

Allein in der 75'000-Einwohner-Stadt Ercis nahe der Grenze zum Iran kamen mindestens 117 Menschen ums Leben. Dort stürzten rund 80 mehrstöckige Gebäude in sich zusammen. 100 Personen starben in der grösseren, etwa 90 Kilometer südlich gelegenen Stadt Van, der Hauptstadt der vom Erdbeben am schwersten betroffenen gleichnamigen Provinz. Dort würden die Rettungsarbeiten jedoch langsam zurückgefahren, sagte Innenminister Idris Naim Sahin.

In Ercis arbeitete sich ein auf Bergwerksunglücke spezialisiertes Rettungsteam durch die Überreste eines Studentenwohnheims. «Vier von fünf (Wohneinheiten) sind eingestürzt», sagte Mustafa Bilgin. «Es heisst, dort leben Studenten. Wir wissen nicht, wie viele noch da drin sind.» Dutzende Menschen versammelten sich rund um das Gebäude und beobachteten still die Rettungsarbeiten.

Erdogan lehnt Hilfe aus dem Ausland ab

Mehr als 2000 Teams mit Spürhunden sind an den Rettungsarbeiten beteiligt. Mehrere Länder haben der Türkei Hilfe angeboten. Erdogan zufolge ist das Land derzeit nicht auf Hilfe von aussen angewiesen. Unter den Ländern, die ihre Unterstützung anboten waren auch Israel, Griechenland und Armenien; mit denen die Türkei angespannte Beziehungen pflegt.

Politiker aus aller Welt drückten den Opfern des Erdbebens ihr Mitleid aus. «Wir stehen in dieser schweren Zeit Schulter an Schulter mit unseren türkischen Verbündeten und sind bereit zu helfen», sagte US-Präsident Barack Obama.

In der Türkei kommt es immer wieder zu Erdbeben, da sich dort etliche Verwerfungslinien befinden. Erst im März 2010 kamen bei Beben der Stärke 6,0 im Osten der Türkei 51 Menschen ums Leben, bei einem Beben der Stärke 6,4 starben 177 Menschen in der Stadt Bingöl im Südosten des Landes. 1999 wurden bei zwei Beben im Nordwesten der Türkei 18'000 Menschen getötet. (rub)

Erstellt: 24.10.2011, 14:52 Uhr

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43 Kommentare

Eylem Bicer

23.10.2011, 20:04 Uhr
Melden 34 Empfehlung

Was viele Schweizer leider immer wieder verwechseln: die türkische Regierung kämpft nicht gegen die Kurden sondern die PKK; deshalb wird auch von allen Gegenden der Türkei Hilfe nach Van geschickt. Was aber leider für die gesamte Türkei gilt: es gibt keine Kontrollen bezüglich dem Häuserbau! Wie kann es sein, dass ein Haus in sich zusammenfällt und die restlichen Häuser rundherum noch stabil sind? Antworten


Ronnie König

23.10.2011, 14:18 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Den Kurden bleibt aber auch nichts erspart. Unter den gegebenen Umständen fürchte ich um die Hilfe. Oder wird nun der Kampf gegen die Kurden unterbrochen? Auch die Bauweise lässt wenig Hoffnung. Und wie sieht es auf dem Land aus? Die Türkei mag im Westen modern sein, aber auch dort stürzen immer wieder Häuser ohne Beben ein. 7.3 das war heftig! Antworten



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