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Experte bemängelt Polizei-Einsatz im Fall Kneubühl

Von Jonathan Spirig. Aktualisiert am 23.08.2011 13 Kommentare

Die Berner Behörden hatten nach dem Fall Kneubühl eine umfassende Untersuchung in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse wurden heute den Medien präsentiert. Bernerzeitung.ch/Newsnet berichtete live.

Hanspeter User, Hans-Jürg Käser und Stefan Blättler stellten sich am Dienstagmorgen den Medien.

Hanspeter User, Hans-Jürg Käser und Stefan Blättler stellten sich am Dienstagmorgen den Medien.
Bild: Tobias Ochsenbein

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

  • Strafuntersuchung nicht vor Ende Jahr abgeschlossen  

    Die Strafuntersuchung gegen den Bieler Rentner Peter Hans Kneubühl dürfte nicht vor Ende Jahr abgeschlossen sein. Das teilte die bernische Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Zentrale Frage ist, ob der Mann wirklich schuldfähig ist.

    Ein Gutachten attestiert Kneubühl zur Tatzeit nämlich eine wahnhafte Störung schweren Ausmasses. Bis Ende Monat läuft noch eine Frist für Ergänzungsfragen zu diesem psychiatrischen Gutachten.

    Wahnhafte Störung

    Danach wird die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten im Rahmen einer Schlusseinvernahme nochmals Gelegenheit geben, sich zu äussern, wie aus der Mitteilung weiter hervorgeht.

    Sobald die Staatsanwaltschaft die Untersuchung für vollständig hält, kann über eine Anklage oder im Falle von Schuldunfähigkeit über eine freiheitsentziehende Massnahme befunden werden. Eine solche müsste beim Gericht beantragt werden.

    Wegen den entsprechenden Fristen für Stellungnahmen, Beweisanträge und Ähnlichem dürfte die Untersuchung noch bis Ende Jahr dauern. sda

  • Berner Polizeikommandant will Lehren aus Uster-Bericht ziehen  

    Der Kommandant der Kantonspolizei Bern, Stefan Blättler, teilt die Kritik von Hanspeter Uster: Beim Einsatz gegen den renitenten Bieler Rentner habe man unterlassen, die Lage permanent neu zu beurteilen und Alternativszenarien zu entwickeln.

    Das sagte Blättler am Dienstag vor den Medien in Bern. Man werde die geeigneten Lehren aus dem «fundierten und differenzierten» Untersuchungsbericht ziehen, versprach Blättler.

    Uster stellt in seinem Rapport fest, die Polizei sei zu lange davon ausgegangen, dass Rentner Peter Hans Kneubühl die Erschiessung durch die Polizei anstrebe. Dieses Festhalten an einer Hypothese habe die Flucht des Rentners begünstigt.

    Ohne Blutvergiessen gefasst

    Blättler betonte, immerhin habe Kneubühl schliesslich ohne Blutvergiessen gefasst werden können. Im übrigen sei er dankbar, dass der angeschossene Polizist seit einigen Monaten wieder in einem Teilzeitpensum arbeiten könne. Die Folgen der schweren Verletzungen «beeinträchtigen ihn allerdings nach wie vor stark».

    Auch der bernische Polizeidirektor Hans-Jürg Käser ortet Verbesserungspotenzial in zwei Bereichen: Erstens müsse die Einsatzhypothese laufend kritisch überprüft werden, zweitens sei das Führungs- und Rollenverständnis in solchen Sonderlagen im Polizeikommando klarer zu verankern. sda

  • Zusammenfassung:  

    Der Polizei-Einsatz sei glimpflich ausgegangen, betont Gutachter Uster: Kneubühl habe lebend und nur leicht verletzt gefasst werden können, und auch bei den Einsatzkräften seien «keine bleibenden gesundheitlichen Nachteile» eingetreten.

    Mehrheitlich «sehr gute Arbeit»

    Bei den meisten überprüften Einsatzhandlungen habe die Polizei sehr gute Arbeit geleistet, schreibt Uster. In zwei Bereichen wäre aber ein anderes Vorgehen angezeigt gewesen.

    Zum einen hätte die Polizei vor dem Einsatz mehr Informationen über Kneubühl einholen können. Ein aktenkundiger Vorfall von 2001 hätte der Polizei zum Beispiel verdeutlicht, dass Kneubühl zu Gewalt gegen Behörden und Beamte fähig ist.

    Zum anderen sei die Einsatzleitung viel zu lange davon ausgegangen, dass Kneubühl die Polizei dazu bringen wolle, ihn zu erschiessen. Die Möglichkeit einer Flucht habe man gar nicht bedacht. Diesen Umstand konnte Kneubühl ausnutzen und das Weite suchen.

    Funkgerät versagte

    Während der mehrtägigen Flucht konnte der Rentner noch kurz in sein Haus zurückkehren, ohne dass er festgenommen worden wäre. Das geht laut Uster auf eine technische Panne zurück. Die Polizei hatte das Haus zwar verdeckt überwacht. Doch als ein Polizist den Rentner auftauchen sah und die Kollegen verständigen wollte, versagte sein Funkgerät.

    Grundsätzlich sieht Uster für die Kantonspolizei Bern keinen dringenden Handlungsbedarf. Die Hauptprobleme des Einsatzes - Informationsbeschaffung und Einsatzhypothese - seien von der Polizei bereits aufgearbeitet worden, stellt der Gutachter fest. Die notwendigen Massnahmen seien in die Wege geleitet worden.

    Zweiter Bericht

    Der vorliegende Untersuchungsbericht ist der zweite im Fall Kneubühl. Bereits im Februar waren zwei externe Experten zum Schluss gekommen, dass die verschiedenen Amtsstellen ihre Informationen über Kneubühl nicht optimal ausgetauscht haben.

    Die Staatsanwaltschaft Seeland-Berner Jura führt gegen den 68- jährigen Kneubühl eine Strafuntersuchung. Ihm werden mehrfach versuchte vorsätzliche Tötung und Gefährdung des Lebens vorgeworfen. Allerdings ist offen, ob der psychisch angeschlagene Mann überhaupt schuldfähig ist. sda

  • Über tausend Polizisten jagten den flüchtigen Rentner  

    Über 1000 Mitarbeitende der Berner Kantonspolizei haben Anfang September 2010 nach dem flüchtigen Bieler Rentner gefahndet. Die Kapo-Mitarbeitenden leisteten über 3700 Einsatztage. Darin noch nicht eingeschlossen ist die ausserkantonale Unterstützung, welche die Berner beizogen.

    Diese Unterstützung dürfte nochmals einige hundert Einsatztage generiert haben, wie aus dem am Dienstag vorgestellten Bericht hervorgeht. Das Korps der Berner Kantonspolizei umfasst rund 2500 Mitarbeitende. Mit dem Fall Kneubühl war also rund die Hälfte in irgend einer Form beschäftigt.

    40 Maschinenpistolen

    Das von der Polizei abgesuchte und überwachte Gebiet war gross und reichte vom Haus des Rentners bis in den Berner Jura nach Plagne, wo die Eltern des Rentners ein Ferienhaus besassen.

    Nebst polizeieigenen Mitteln standen auch ein Superpuma- Helikopter der Armee, ein Radschützenpanzer «Piranha» und zwei Sonderschutzfahrzeuge zur Verfügung. Ebenso 150 Nachtsichtgeräte, 89 Panzerschutzhelme, 40 schwere Schutzwesten und 40 Maschinenpistolen. sda

  • Live-Berichterstattung beendet  

    Die Live-Berichterstattung ist damit beendet. Es folgen eine Zusammenfassung des Bericht, eine Zusammenfassung der Statements der Referenten und Video-Interviews.

  • Funkgerät-Panne kann vorkommen  

    Regierungsrat Hans-Jürg Käser reagiert genervt auf ein Nachhaken wegen der Funkgerät-Panne. Er habe beispielsweise an einer Medienkonferenz zum Fall Kneubühl ein Interview gegeben und dieses später per Telefon wiederholen müssen, weil das Aufnahmegerät des Journalisten ausgefallen sei. Dies könne halt auch bei der Polizei vorkommen.

  • Informationen aktiver beschaffen  

    Die drei Referenten betonen noch einmal, dass es sehr wichtig sei in ähnlich gelagerten Fällen die Informationen künftig aktiver zu beschaffen.

    Es sei bei diesem Einsatz ursprünglich nur um die Abwehr einer möglichen Gefahr gegangen, betont Uster.

  • Man glaubte mit Kneubühl sprechen zu können  

    Die Polizei sei vor dem Einsatz davon ausgegangen, dass man mit Kneubühl sprechen könne, berichtet Uster. Auch das Regierungsstatthalteramt sei vorgängig zum gleichen Schluss gekommen.

  • Es rollen keine Köpfe  

    Die Regionalpolizei müsse solche Grosseinsätze nicht selber führen, stellt Blättler klar. Es habe unter den Führungskräften Abstimmungsprobleme gegeben, man müsse jetzt aber nicht nach rollenden Köpfen schreien, sagt er.

    Francois Gaudy, damals noch Chef der Regionalpolizei Biel, sei pensioniert und nicht etwa entlassen worden.

  • Die Fragerunde ist eröffnet  

    Die anwesenden Medienschaffenden können nun Fragen stellen.

  • Unklare Trennung  

    Regierungsrat Hans-Jürg Käser betont noch einmal, dass man im Nachhinein immer schlauer sei und Fehler finden könne.

    Er erwarte von den Einsatzkräften in den zwei von Uster und Blättler bereits erwähnten Kritikpunkten eine klare Verbesserung.

    Käser kritisiert vor allem die unklare Trennung zwischen der strategischen und operativen Führung im Fall Kneubühl. Grundsätzlich sei aber sehr gute Arbeit geleistet worden.

    Dank der Untersuchung habe man nun die Möglichkeit, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden.

  • Viel gelernt  

    «Wir haben viel gelernt aus dem Einsatz», versichert Blättler. Grundsätzlich deckten sich die Schlussfolgerungen von Hanspeter Uster mit den internen Ergebnissen des Debriefings.

  • Keine grundlegenden Änderungen  

    Polizeikommandant Blättler übernimmt das Wort. Der Kantonspolizei Bern sei sofort klar gewesen, dass der Fall Kneubühl detailliert aufbearbeitet werden muss.

    Es werde keine grundlegenden Änderungen bei den Abläufen der Arbeit der Kantonspolizei geben. Diese seien solide.

    Es sei aber klar, dass die Berner Polizei das Führungsverständnis der Kader auf allen Stufen hinterfragen müsse. Die bestehenden Führungsgrundsätze des Kommandanten seien in diesem Fall nicht konsequent umgesetzt worden. Im Idealfall müssten die Führungskräfte eine permanente Neubeurteilung einer Lage gewährleisten, dies sei im Fall Kneubühl nur ungenügend gemacht worden.

  • 31 Personen befragt  

    Uster habe bei seiner Untersuchung 31 Personen befragt. Er habe den Eindruck gehabt, dass alle offen und ehrlich geantwortet haben. Ihm seien bei der Untersuchung keine Steine in den Weg gelegt worden, er möchte sich dafür bedanken.

  • Funkgerät versagte  

    Als Kneubühl nach seiner Flucht in der zweiten Nacht wieder zu seinem Haus zurückkehrte, versagte im entscheidenden Moment ein Funkgerät, berichtet Uster.

    Für weitere Details verweist Uster auf seinen umfassenden Bericht. Eine Zusammenfassung davon folgt später.

    Zum falschen Fahndungsfoto steht im Bericht, dass die französische Polizei die richtigen Informationen übermittelt habe, die Schwester des Flüchtigen die falsche Person als ihren Bruder identifizierte.

  • Suicide by cop  

    Uster kritisiert nach seiner Untersuchung insbesondere zwei Bereiche, in denen ein anderes Vorgehen wohl besser gewesen wären.

    1. Die Polizei hätte vor dem Einsatz aktiver Informationen über Kneubühl beschaffen und auf ihre Ergiebgikeit prüfen sollen. Man hätte diese Informationen früher haben sollen.

    2. Auf Grund eines Schreibens von Kneubühl ging die Polizei von Anfang aus davon aus, dass Kneubühl eine tödliche Konfrontation mit dem Polizisten anstrebe (suicide by cop). Diese These sei nie kritisch hinterfragt worden. Man habe nicht in Betracht gezogen, dass Kneubühl flüchten könnte.

  • Grundsätzlich gut  

    Jeder Polizeieinsatz geschehe unter Zeitdruck und die Informationen seien meist unvollständig.

    Der Einsatz sei grundsätzlich zweckmässig gewesen und es sei gute Arbeit geleistet. Dass nicht alles wie gewünscht funktionierte sei auf Missverständnisse, versagen technischer Geräte und die Fehler einzelner Mitarbeiter zurückzuführen.

    Es sei klar, dass bei einem solchen Einsatz nicht alles 100 Prozent perfekt verlaufen könnte.

    Gleichzeitig hätten ein Empfang in Bern sowie ein Entführungsfall in Interlaken die Polizei auf Trab gehalten.

  • Im Nachhinein kluger  

    Hanspeter Uster, der den Bericht verfasst hat, übernimmt das Wort. Er liefert zuerst eine Kurzzusammenfassung des ganzen Einsatzes bis zur Festnahme von Kneubühl.

    Der Einsatz sei zuerst intern aufgearbeitet worden und auch den Informationsaustausch der Behörden sei untersucht worden. Er habe bei der Verfassung seines Berichts Kenntnis von diesen Resultaten gehabt, berichtet Uster.

    Im Nachhinein sei man immer kluger, betont Uster. Man dürfe keine Rückschaufehler bemängeln.

  • Lehren für die Zukunft  

    Niemand habe im Fall Kneubühl mit einer solchen Eskalation gerechnet. Die Untersuchung des Falls sei für die Zukunft von grossem Wert. Man werde Lehren für künftige Fälle ziehen können und Mängel beheben.

    Die Untersuchung soll auch Transparenz und Sicherheit vermitteln.

  • 10 Uhr - die Medienkonferenz beginnt  

    Regierungsrat Hans-Jürg Käser eröffnet die Medienkonferenz. Er betont noch einmal, dass der ganze Fall aussergewöhnlich sei und entsprechend auf ein grosses öffentliches Interesse gestossen sei. Für die Direktbetroffenen seien solche Fälle natürlich ein persönliches Drama.

  • Der Bericht zum Download  

    Hier finden Sie den gesamten Bericht des Experten und die Zusammenfassung zum Download.

  • Experte mit Untersuchung beauftragt  

    Der Fall Kneubühl spielte sich im September 2010 in einem Bieler Wohnquartier ab. Am Tag der Zwangsversteigerung seines Hauses verschanzte sich der Rentner Peter Hans Kneubühl zunächst in der Liegenschaft. Später schoss er auf einen Polizisten und verletzte ihn schwer.

    Der Rentner entkam und hielt tagelang ein riesiges Polizeiaufgebot auf Trab. Zu reden gab auch ein falsches Fahndungsbild, das von der Polizei verbreitet wurde. Am 17. September wurde er schliesslich bei Biel gefasst und ist seither in Haft.

    Untersuchung in Auftrag gegeben

    Nach dem mehrtägigen Einsatz der Kantonspolizei ordnete Regierungsrat Hans-Jürg Käser, Polizei- und Militärdirektor des Kantons Bern, eine Untersuchung an. Er beauftragte damit den ehemaligen Zuger Regierungsrat Hanspeter Uster, Projektleiter im Justiz- und Sicherheitsbereich.

    Uster sollte den Einsatz der Kantonspolizei bezüglich Ablauf, Führung, Organisation, Einsatz der Mittel und Kommunikation untersuchen.

    Mittlerweile sind diese Untersuchungen abgeschlossen. Der Bericht wird heute um 10 Uhr in Bern den Medien präsentiert. Neben Hanspeter Uster werden Regierungsrat Hans-Jürg Käser und Polizeikommandant Stefan Blättler informieren.

Erstellt: 23.08.2011, 09:51 Uhr

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13 Kommentare

Hans Hartmann

23.08.2011, 20:43 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Die Therapie für Herrn Kneubühl ist ganz einfach: Seine Vorbringen hören, darauf eingehen, ihm eine bessere Lösung als den unüberwindbaren Amtsschimmel bieten. Antworten


Rita Beringer

23.08.2011, 17:06 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Die psychiatrische Prognose zu Kneubühl heisst wohl: paranoid querulatorisch dissoziale Persnlichkeitsstörung. Kann man auf jeden Menschen anwenden, der nicht einfach kuscht. Rechnet man die 3700 rapportierten Einsatztage auf, die es benötigte, um den älteren Herrn zu verhaften, so kommt dies auf ca. 15 Millionen, bei einem durchschnittlichen Tagessatz von Fr. 400.-.pro Kantonspolizisten. Wahnsinn Antworten



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