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Ethiker zum Welpenskandal: «Wir sehen in Tieren die Unschuld»
Von Interview: Mirjam Comtesse. Aktualisiert am 08.09.2010 18 Kommentare
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Jean-Claude Wolf: Tiere seien für uns Projektionsflächen, sagt der Freiburger Philosoph und Tierethiker. (Bild: Urs Baumann)
Herr Wolf, im Internet kursiert ein Video, das eine Frau zeigt, die Hundewelpen in einen Fluss wirft. Internetbenutzer drohen der Unbekannten nun mit Mord. Was halten Sie davon?
Jean-Claude Wolf: Solche Videos wecken enorme Emotionen. Die Tierschutzgesetze – etwa in der Schweiz – sind zwar sehr gut, aber der Vollzug nicht. Deshalb ist es verständlich, dass die Leute Tierquälereien ins Netz stellen. In Einzelfällen ist das gar nicht schlecht, weil die Justiz dann reagieren muss.
Die Reaktionen voller Hass überraschen – auch wenn Tierquälerei natürlich schrecklich ist.
Die Reaktionen hängen eng mit dem Medium Internet zusammen. Die Anonymität lädt dazu ein, seine Meinung radikal zu äussern. Ausserdem bleibt oft unklar, ob ein solches Video echt ist oder nicht. Diese Unsicherheit wühlt zusätzlich auf.
Und das reicht, dass Morddrohungen ausgesprochen werden? Gleichzeitig essen ja die meisten ohne Gewissensbisse Fleisch.
Zum routinierten Töten in der Massentierhaltung schweigen wir. Dafür reagieren wir aus einem latent schlechten Gewissen heraus umso mehr bei einem spektakulären Einzelfall ohne Profitinteressen. Es ist auch etwas anderes, ob jemand seinen Hund quält oder ein Bauer seine Kühe vernachlässigt. Die sogenannte sentimentale Tierhaltung hat eine andere Symbolik als die Nutztierhaltung.
Welche?
Unter anderem sehen wir in Haustieren – wie in Kleinkindern – eine Unschuld, nach der wir uns sehnen. Wer dieses Idyll zerstört, der erinnert uns an die Vertreibung aus dem Paradies. Das weckt den Wunsch, diese Person zu vernichten.
Damit wollen die empörten Tierfreunde genau das, was sie den Tätern vorwerfen: ein Leben auslöschen.
Ja, sie ahmen die Kultur der Gewalt nach. Es kommt zu einem kollektiven Hass.
Was geht in den Tierquälern vor?
Nur in sehr wenigen Fällen handelt es sich um schwer pathologische Personen, denen Grausamkeit einen Kick verschafft. Allermeistens sind es überforderte Halter. Bei dem beschriebenen Fall mit den Welpen, die in einen Fluss geworfen werden, geht es wohl darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Leute wollen provozieren.
In Grossbritannien warf kürzlich eine Frau die Katze ihres Nachbarn in einen Müllcontainer. Wie kommt jemand auf diese Idee?
Es gibt zwei mögliche Erklärungen. Entweder kompensiert die Frau Minderwertigkeitsgefühle, indem sie Macht über Tiere ausübt. Oder es ist eine Stellvertreterhandlung. Es geht also nicht um die Katze, sondern um den Nachbarn. Tierquälerei geschieht oft aus Rache. Die Täter denken, ein Haustier zu plagen, falle kriminell weniger auf und tue dem anderen doch sehr weh.
In der Stadt Bern gab es ein Ereignis, das ebenfalls symptomatisch ist für unser Verhältnis zu Tieren. Als ein geistig Behinderter in das Gehege im Bärenpark fiel und der Bär Finn angeschossen wurde, erkundigten sich deutlich mehr Leute nach dem Wohlergehen des Tieres.
Die Berner Bären sind – wie alle Tiere – starke Projektionsflächen für unsere Wünsche und Bedürfnisse. Sie werden als so liebenswürdig dargestellt, dass man fast meint, man könnte sie streicheln. Aber Bären sind sicher keine Kuscheltiere. Im Übrigen will auch ein Hund, der sich streicheln lässt, nicht nur kuscheln. Er unterwirft sich. Wir sollten von unseren Bedürfnissen nicht auf die der Tiere schliessen und sie nicht zu sehr vermenschlichen. Deshalb ist es wichtig, sich genau darüber zu informieren, was ein Hund oder eine Katze braucht, bevor man sich ein Haustier zulegt.
Ist unsere Tierliebe egoistisch? Haustiere zum Beispiel werden immer wieder ausgesetzt, wenn sie ihren Haltern lästig werden.
Liebe ist stets ambivalent. Deshalb passieren auch die meisten Gewaltdelikte in Beziehungen. Der Hass auf Tiere hat ebenfalls mit der Nähe zu ihnen zu tun. Wer sich ein Haustier zulegt, sieht darin oft ein Familienmitglied – oder einen Ersatzpartner.
Und die Tiere? Sind sie wirklich so unschuldig, wie wir meinen?
Sie haben nicht dieselbe Grausamkeit wie wir. Aber die Schimpansen zeigen eine Annäherung daran. Obwohl sie im Grunde kein Fleisch essen, kommt es in jungen Männergruppen vor, dass sie kleine Tiere jagen und zerreissen. Vielleicht verhalten sie sich wie Machos und wollen sich damit beweisen; vielleicht suchen sie auch einfach eine Abwechslung.
Jean-Claude Wolf (56) ist Professor für Ethik und politische Philosophie an der Uni Freiburg und hat das Buch «Tierethik» verfasst. (Berner Zeitung)
Erstellt: 08.09.2010, 10:53 Uhr
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18 Kommentare
@Lukic, Hurtado: Sie gestatten mir aber trotz allem Elend hier und sonst auf der Welt schon, dass mir diese Geschichte nicht völlig am A…. vorbeigeht?... Das hat einerseits wohl mit –individuell eben unterschiedlich ausgeprägter…- Sensibilität und Empathie zu tun; primär aber mit meiner, kulturell geprägten, Vorstellung von Respekt und Ethik – und die bezieht selbstverständlich auch Tiere mit ein! Antworten
aber über den der das gefilmt hat hat sich noch keiner aufgeregt???? ich könnt da nicht zuschauen, würde hingehen und sagen dass ich die Hunde haben möchte.....für das mädl war die aktion wahrscheinlich normal, wie bei manchen Bauern immer noch Katzln getötet werden, und wir Ameisenköder auslegen wenns zu viele werden. Aber der der zuschaut und nicht handelt ist immer noch der gute......peinlich Antworten
Das Verhalten des Mädchens ist grausam und rücksichtslos, zweifellos. Aber andererseits werden in den Kinos Filme wie "Kill Bill" gezeigt, in denen eine Frau grausame Morde begeht, Millionen Menschen sehen sich das genussvoll in den Kinos an und der Regisseur wird mit Preisen geehrt. Wieso ist SO etwas hoffähig ? Wieso gibt es hier keinen Aufschrei ?? Antworten
An alle, die das nicht so schlimm finden: Fast jeder Verbrecher, der Menschen quält, war in seiner Kindheit erst Tierquäler... Wenn ein Mädchen in dem Alter mit diesem seligen Lächeln Tiere umbringt, lässt das tief blicken, nicht nur aus Tierschutzsicht. Wenn das meine Tochter wäre, würde ich nur noch sehr schlecht schlafen. Hoffentlich bekommt die nie Kinder! Antworten
Jemandem tun die Menschen leid und jemandem tun die Tiere leid. Abtreibungen und Entsorgungen, ein paar Welpen und nichts weiter?!Hallo? Wert und Wertigkeit, wer das System begriffen ist wahrlich weiser geworden. Diese Hunde starben nicht anders als ein Mensch/Baby/Fötus, dass ist Fakt. Menschenleid und Tierleid laufen Hand in Hand, wir machen aber immer noch so weiter wie damals, auch Fakt! Antworten
Und mir gehen Leute auf den Geist, welche diese Göre jetzt als Heldin feiern!Was können die kleinen Welpen für den Frust von der????Für sie wurde als Säugling gut gesorgt, sodass sie ERSTRECHT KEINEN Grund hat, so etwas zu tun, um wieder mal die Cheep Excuse zu bringen, von schlechter Jugend und das übliche Gesabber! Antworten
Wer so grausam mit Leben umgeht, scheint gemütsarm zu sein. Ich hoffe es gibt nicht zu viele Menschen dieser Art auf der Welt. Bestraft gehört sie. Jedes Wesen hat das Recht auf sein Leben und wir nicht das Recht dieses zu nehmen, jedenfalls nicht ohne absolute Bedrohung. Sie kann froh sein, dass für sie damals als Säugling gut gesorgt wurde. Manche werfen ihre Kinder weg. Hoffentlich sie nicht. Antworten
In was für einer Gesellschaft leben wir? Was bringt ein Mensch dazu, ein wehrloses Geschöpf auf diese Weise zu misshandeln. Hoffentlich bekommt dieses Mädchen auf die eine oder andere Art die Quittung zurück. Für mich sind solche Menschen nicht normal und gehören therapiert. Man muss sich nicht wundern, wenn die Gewalt immer mehr zunimmt. Antworten
In anderen Ländern werden Menschenbabys in den Fluss geworfen, weil sie Mädchen sind und keine Jungs. In anderen Landern in Europa werden "überschüssige" Tierbabys (Hunde sowie Katzen) in Säcke gesteckt und in Flüsse oder sonst im Abfall geworfen. Also, was soll der Aufschrei?? Schaut zuerst, dass keine Menschbabys ermordet werden, nur weil sie Mädchen sind!! Antworten
Diese sog. sozialen Netzwerke, zu denen ich eben auch YouTube zähle, werden uns noch viele Probleme bescheren.Facebook, Twitter usw. sind gute Mittel, um zu Gewalt aufzurufen. Es gilt darüber nachzudenken, wie man Gegensteuer geben könnten, ohne (vorerst) direkte Verbote auszusprechen. Wenn nichts geschieht, werden solche Netzwerke wohl bald verboten werden müssen. Antworten
Solange auf Youtube solche Niedlichkeit wie die Erhängung von Saddam Hussein, die Originalaufnahmen vom Amoklauf in Colombine, oder auch MTVs Scarred Serie (da sterben die Leute zwar nicht, aber es stammt ja auch von einem Jugendsender) laufen, solange mache ich mir keine Sorgen wenn ein paar Welpen in einen Fluss geworfen werden. Wer das gemein findet, soll ein mal ein wenig auf Youtube surfen. Antworten
ich hab das video gesehen. ist nicht die feine art aber was solls. die chinesen und appenzeller essen hunde. ihr streichelt sie. so what? kümmern wir uns lieber um unsere mitmenschen. dann gibt es auch keine solche ausartungen wie diese hier. alles ein zeichen von wertzerfall und egoismus. Antworten
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Pascal Müller
sehr befremdend, wie diese Person gehetzt wird, werden doch Millionen von Kälbern jedes Jahr in den Schlachthof geführt.. Antworten