Er taucht nach Batterien und Munition
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Es ist kein Badewetter am Vierwaldstättersee: Die Lufttemperatur beträgt zwei Grad, das Wasser ist sechs Grad kalt. Doch der Basler Taucher Thomas Niederer und sein Luzerner Kollege Marco Jurt lassen sich nicht abschrecken. Im Gegenteil: Im Winter, wenn sich der Schlamm im kalten See gesetzt hat, ist die Sicht unter Wasser viel besser als im Sommer.
«Ein Projekt für Generationen»
Im Trockenanzug steigen die beiden Männer dort in den See, wo er mit mehr als 200 Metern am tiefsten ist. Ihre Mission beschränkt sich aber auf den Uferbereich: Sie gehen dem Gerücht auf den Grund, wonach ein ehemaliger Produktionsbetrieb beim Abbruch seiner Liegenschaft vor Jahren kübelweise Lack und Farben im See entsorgt haben soll. Die gefundenen Behälter erweisen sich dann allerdings als derart verrostet, dass man nicht mehr sagen kann, was drin war.
Der Tauchgang vom letzten Mittwoch am Nidwaldner Ufer ist die jüngste Aktion der Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher (Suat.ch). Präsident Thomas Niederer hat den Verein im vergangenen Sommer gegründet – mit dem Fernziel, alle grösseren Schweizer Seen und deren Ufer nachhaltig zu säubern. Das sei nicht als guter Vorsatz für das neue Jahr zu verstehen, sagt Niederer, sondern als «ein Projekt für Generationen».
Allein der Vierwaldstättersee habe 170 Kilometer Uferlinie. Weil sich jeweils von der Sicht her nur fünf Meter breite Streifen erkunden liessen, bräuchte es allein 1200 Tauchgänge, um den See der Urschweiz rundherum abzudecken. 300 bis 400 der 1500 Seen im Land seien gut betauchbar, sagt Niederer: «Selbst wenn wir jeden Tag im Wasser wären, hätten wir für 200 Jahre Arbeit.»
«Schweinereien herausholen»
Der 45-jährige Spezialist für Lüftungsanlagen ist erst 2008 unter die Taucher gegangen – nach einem Schnupperkurs in den Ferien in Griechenland. Doch der Sport unter Wasser, den er jedem gestressten Menschen als Türöffner zu ganz neuen und beruhigenden Welten empfiehlt, ist ihm schnell wichtiger geworden als ein Hobby. Er war bereits 300-mal unter Wasser, lässt sich zum Tauchlehrer ausbilden und würde das Abfalltauchen, das ihn «wie ein Virus» gepackt hat, am liebsten professionell betreiben.
Auch an Plätzen, die von Hunderten von Tauchern frequentiert werden, stach Niederer viel Abfall ins Auge. Er kam rasch zur Überzeugung, «dass wir nicht immer an den Schweinereien vorbeitauchen, sondern den Abfall herausholen sollten: Nur weil man ihn von oben nicht sieht, heisst es nicht, dass dort unten alles in Ordnung ist.»
Mittlerweile hat Niederer mit seinen Vereinskollegen in Flüssen und Seen schon vieles aus dem Trüben gefischt: Velos, Auto- und Traktorpneus, Töffräder, Ofenrohre, einen Kühlschrank, Gartenbänke, aber auch Munition, Autobatterien, Ölfässer, Farbkübel, jede Menge Glas- und PET-Flaschen sowie Büchsen. Allein zwischen dem Schiffsrestaurant Wilhelm Tell und dem Palace-Hotel am Seequai in Luzern holten die Abfalltaucher im Dezember drei Kubikmeter Material aus dem Wasser. Gemäss einem Hinweis soll irgendwo im Schweizer Seeschlamm sogar Spitalmobiliar verrotten.
«Eigentlich Sondermüll»
Er sei kein grüner Fundamentalist, sagt Niederer. Und die Sorge um die Umwelt müsse nicht zwingend an das Tragen wollener Socken gekoppelt sein. Doch das Tauchen habe seine Einstellung gegenüber der Natur völlig verändert. Bisher seien Abfallhaufen fast nur von Tauchplätzen bekannt, doch er vermute an anderen Orten noch viel mehr. Den gedankenlosen Entsorgern, die ihre Abfälle in Seen versenkten, sei nicht bewusst, dass die Grundlage des Daseins die Natur sei. Und die beginne im Wasser.
«Meine Aktivität ist das Abfalltauchen, doch die Vision ist ein breites Bewusstmachen», sagt Niederer. Um die Leute zum Umdenken zu bewegen, will er ihnen den Müll zuerst einmal zeigen – vom versenkten Töffli bis zum sorglos weggeschnippten Zigarettenstummel. Jedes Jahr sammelten sich in den Weltmeeren 540 Millionen Tonnen Abfall, darunter 4,5 Milliarden Zigarettenkippen – «eigentlich alles Sondermüll, der bis zu 200 Jahre braucht, um zu zerfallen». Mit einem Stummel allein könne man 40 Liter Trinkwasser vergiften. Niederer, der selber raucht, hat deshalb stets einen tragbaren Aschenbecher im Hosensack.
«Einer musste einmal anfangen»
Noch sind die Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher mit 15 Mitgliedern und zwei Sektionen am Zürich- und am Vierwaldstättersee erst im Aufbau begriffen. Die Taucherszene sei stark von Revierdenken geprägt, die Rekrutierung für die aufwendige Abfallbergung schwierig, sagt Niederer. «Doch einer musste einmal damit anfangen.» Mithilfe von Sponsoren möchte Niederer den freiwilligen Abfalltauchern wenigstens die Spesen decken können. In seinem Tatendrang zweifelt er jedoch nicht daran, dass es dem Verein gelingen werde, die anvisierten Gewässer mindestens einmal pro Woche zu bearbeiten und letztlich alle Seen rundherum zu entrümpeln. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.01.2011, 12:19 Uhr
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