Die Matura werden sie diesen Sommer wohl nicht machen
Von Stefan Hohler. Aktualisiert am 04.03.2011 16 Kommentare
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Vier Gymnasiasten aus Köniz bei Bern haben Anfang Februar auf einer Klassenreise in Berlin in der frühen Morgenstunde ein Pärchen überfallen und ausgeraubt. Der Fall hat in der Schweiz für Aufregung gesorgt – Erinnerungen an die Schläger von München wurden wach. In Berlin dagegen gab die Sache nicht viel zu reden. Wie es ein Justizbeamter formuliert: «Ein Standardfall. Leider.»
Weiterhin unklar ist, was in der Nacht auf den 3. Februar an der Belforter Strasse im Berliner Trendquartier Prenzlauer Berg wirklich passierte. Laut dem Communiqué der Berliner Polizei stellten sich die vier 18-jährigen Berner gegen 3.50 Uhr vor einen 38-jährigen Passanten und seine 27-jährige Freundin und verlangten Geld. Sie traten den Mann von hinten zu Boden, er stürzte auf die Knie. Auch die Frau wurde von den Jugendlichen attackiert und fiel um. Wie ein Polizeisprecher auf Anfrage präzisierte, habe der geschockte Mann die Knieverletzungen erst später realisierte. Er habe sich zur Behandlung selbst in ein Krankenhaus begeben und sei dort behandelt worden. Ob die Platzwunde ambulant oder stationär behandelt wurde, wisse er nicht. Die Frau sei von den Jugendlichen bedrängt, aber nicht verletzt worden.
Erst nach der Tat bemerkte die Frau, dass sie bestohlen worden war. Laut Polizei wurden der Geschädigten Mobiltelefon und Portemonnaie entwendet. Darin hätte sich Bargeld im mittleren zweistelligen Bereich befunden.
Die Schüler rannten weg
Die vom Pärchen alarmierten Polizisten suchten die Gegend ab und entdeckten wenig später eine Gruppe, auf welche die Beschreibung zutraf. Die Jugendlichen hätten zunächst entspannt reagiert und behauptet, nichts mit dem Raub zu tun zu haben, schreibt die Polizei. Als die Schüler aber sahen, dass der 38-Jährige aus dem Polizeiauto stieg, um die vier zu identifizieren, flohen sie. Die Beamten konnte aber einen verhaften und kamen wenig später seinen Komplizen im nahe gelegenen Pfefferbett-Hostel auf die Spur, wo die Klasse logierte.
Alle vier wurden in einer Gefangenensammelstelle «erkennungsdienstlich» behandelt, und es wurde ihnen Blut abgenommen. Die Blutprobe ergab, dass die Jugendlichen zwar angetrunken waren, aber noch im «normalen Bereich». Die Rede war von 0,2 bis 0,6 Promille. Drogen hätten sie keine genommen, sagt ein Polizeisprecher. Anschliessend wurden sie freigelassen. Gegen die vier wurde ein Ermittlungsverfahren wegen schweren Raubes eingeleitet, vermutlich, weil er bandenmässig durchgeführt wurde. Der Fall wird anschliessend an die Staatsanwalt übergeben. Das deutsche Strafgesetzbuch sieht für schweren Raub eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr vor. Für erwachsene Angeschuldigte zwischen 18 und 21 Jahre könne aber auch das Jugendstrafrecht angewendet werden, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Dies hänge vom psychischen Entwicklungszustand und der geistigen Reife der Täter ab.
Kein Vergleich mit München
In Bayern wären die vier Gymnasiasten aus Köniz nach der Verhaftung wahrscheinlich nicht so glimpflich davongekommen. Zwar kann der Fall nicht mit den drei Zürcher Schlägern verglichen werden, die in München fünf Männer brutal verprügelt hatten. Aber dass die Berner nach der Attacke auf ein Pärchen schon nach kurzer Zeit wieder auf freiem Fuss waren, kann man im Freistaat nicht verstehen. «Bei uns wären sie bestimmt länger in Haft geblieben», sagt ein Münchner Justizkenner.
Der Darstellung der Polizei widersprechen die vier Schüler. Sie hätten sich wohl eine Dummheit geleistet, aber niemanden brutal angegriffen und keinen Raub begangen, zitiert der «Bund» aus dem Umfeld eines Beschuldigten. Auch die Schulleitung des Gymnasium Köniz-Lerbermatt scheint den Darstellungen der Schüler mehr zu glauben als der Berliner Polizei. Die Polizei spreche etwa «munter von Raub», während die Aussage der Schüler «in eine andere Richtung» gehe und eine andere «Grössenordnung» bezüglich der Schwere der Delikte vermuten lasse, sagte Schulkommissionspräsident Marcel Wyler vor den Medien. Die jungen Männer wollen sich auf Anraten der Anwälte vorläufig nicht weiter zum Fall äussern. Auch die Berliner Polizei will zu den Aussagen der Gymnasiasten «aufgrund der laufenden Ermittlungen keine Auskunft geben».
Entscheid steht noch aus
Die Jugendlichen sind mit einem Ausschluss für zwölf Wochen vom Unterricht bestraft worden. In dieser Zeit müssen sie gratis einen neunwöchigen Sozialeinsatz leisten. Diese disziplinarischen Massnahmen hat die Schulkommission des Gymnasiums verhängt. Damit hat die Kommission fast das Maximum ihrer Sanktionsmöglichkeiten angewendet. Stärker wäre nur noch eine definitive Wegweisung von der Schule gewesen. Gegend die Verfügung haben die vier eine Beschwerde eingereicht: drei bei der kantonalen Erziehungsdirektion, der Vierte direkt beim Verwaltungsgericht, der letzten Beschwerdeinstanz im Kanton Bern.
Es könnte sein, dass sich die Schüler deshalb gegen den Sozialeinsatz wehren, weil sie sich dann nicht für die Matura im Sommer vorbereiten können. Ob sie diese überhaupt im Juni machen können, ist fraglich. Wie lange das Beschwerdeverfahren der Könizer Gymnasiasten dauert, bleibt offen. Laut einem Sprecher der Erziehungsdirektion könne man noch nicht sagen, wann der Entscheid vorliegt. Man werde jedoch möglichst rasch entscheiden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.03.2011, 19:58 Uhr
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16 Kommentare
Da bleibt einem ja der Mund offen stehen! Vier Kerle wenden Gewalt an, und ihre Berner Schulleitung verteidigt sie! Was soll die Haarspalterei? Gibt es - ausser Notwehr - überhaupt einen plausiblen Grund und eine Entschuldigung für Gewalt? Darf ich auch Gewalt anwenden gegen den Schulleiter, weil mir seine Aussage nicht passt? Antworten
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