Der «Spion» auf der Mistkarre
Von Stefan Hohler. Aktualisiert am 30.12.2011 1 Kommentar
Lebende Mandarinente für den Tagi
Lenzlinger verstand es immer wieder, Zeitungen und Fernsehen für seine Aktionen einzuspannen – heute würde man ihn als «mediengeil» beschreiben. Fielen die Artikel aber nicht so aus, wie er es sich vorgestellt hatte, erhielten die Redaktionen wütende Anrufe und Drohungen mit dem Gericht. In den Stasi-Akten wird berichtet, wie Lenzlinger den Chefredaktor einer deutschen Zeitung in einem Telefonat aufs Übelste beschimpfte.
Glimpflicher kam der «Tages-Anzeiger» davon. Lenzlinger brachte einmal persönlich ein Paket zuhanden des Gerichtsberichterstatters auf die Redaktion. Die Dame am Empfang öffnete es, weil der Journalist abwesend war und es in der Schachtel raschelte. Die Überraschung war gross: Im Paket steckte eine lebende Mandarin-Ente. Mit ihr wollte Lenzlinger gegen eine angeblich fehlerhafte Berichterstattung protestieren. Die Ente wurde der Voliere Zürich übergeben.
Gute Verbindungen hatte Lenzlinger zum «Blick». Mit einem Journalisten hatte er sich gar angefreundet. Dieser sorgte dafür, dass das Boulevardblatt immer gute Storys über den Fluchthelfer brachte. «Er war eine super Infoquelle und kannte Geschichten, von denen der Normalbürger keine Ahnung hatte», sagt der ehemalige «Blick»-Reporter. Der heute 64-Jährige erinnert sich noch gut, dass dessen Angestellte den Chef
Sir Lenzlinger nannten – scherzhaft, aber auch aus Respekt.
Sich selber titulierte Lenzlinger als «Glünggi von Höngg». Von seiner Geltungssucht hatte auch Gisela Blau, damals Reporterin bei der «Schweizer Illustrierten», erfahren. Bei einer Reportage über ihn empfing er sie mit einer Pistole auf dem Schreibtisch. Er sagte ihr, dass sie ihn jederzeit anrufen könne, wenn sie Probleme mit «Typen» habe. Seine Männer würden diesen ohne Hemmungen die Knochen brechen oder deren Autopneus aufschlitzen. Gleichzeitig drohte er mit dem Anwalt, sollte sie etwas Falsches über ihn schreiben. (hoh)
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Hans Ulrich Lenzlinger hasste zwei Dinge: die Kommunisten in der DDR und die Schweizer Behörden. Sein Hass, sein Misstrauen und seine Rachsucht gegenüber Richtern und Staatsanwälten waren so gross, dass er im Garten seines Hauses in Höngg einen Grabstein mit folgendem Text aufstellte: «Hans Lenzlinger, Fluchthelfer und Tierfreund. Er wurde von den Schweizer Behörden zu Tode schikaniert.» Natürlich hatte die Stasi ein Foto davon. Nachts war der Stein gar beleuchtet. Der makabre Grabstein kam nach Lenzlingers Tod aber nicht zum Einsatz. Der 49-Jährige wurde nach seiner Ermordung im Februar 1979 kremiert und im Grabe seiner ein Jahr zuvor verstorbenen Mutter auf dem Friedhof Hönggerberg beigesetzt.
Für Lenzlinger war die Schweiz, ähnlich wie die DDR, ein Polizeistaat. Dies habe sie erstaunt, weil Lenzlinger in seinem Privatleben sehr pedantisch war und Ordnung über alles liebte, sagt seine heute 57-jährige Ex-Freundin Doris rückblickend. Für Lenzlinger waren die Schweizer Behörden Kommunistenfreunde, vor allem die Justiz. «Er sprach dauernd negativ über die Behörden, Beamte waren für ihn immer Staatsbüffel», erinnert sie sich. Es überrascht in diesem Zusammenhang nicht, dass Lenzlinger von einem bekannten Zürcher Justizschreck und notorischen Querulanten einen Brief erhielt, in dem dieser dem Fluchthelfer für seinen Kampf gegen die Justiz aufs Innigste gratulierte. Auch dieses Schreiben ist in die Hände der Stasi gelangt. Sein damaliger Verteidiger vermutete, dass Lenzlingers Hass gegen die Obrigkeit mit seiner familiären Vergangenheit zu tun habe. Lenzlingers Vater habe gewollt, dass sein Sohn wie er Architekt werde. Als dies nicht klappte, habe er ihn in eine Zwangserziehungsanstalt gesteckt.
Lenzlingers zwei Gesichter
So hasserfüllt Lenzlinger gegenüber Behörden oder Gegnern war, bei Freunden war er wie ein umgekehrter Handschuh. Sein Patenkind spricht von einem humorvollen, warmherzigen Menschen, der völlig furchtlos gewesen sei. «Ihm fehlte das Angst-Gen.» Seine Ex-Freundin Doris, welche die letzten Monate vor seinem Tod mit ihm zusammenlebte, zieht eine durchmischte Bilanz: «Ich war fasziniert von seiner galanten und auch machomässigen Art. Sein Misstrauen und seine Streitlust gegenüber Nachbarn schreckten mich aber ab.» Sie war 24 Jahre alt, als sie im Oktober 1978 ein Inserat im «Tages-Anzeiger» entdeckte, in dem der doppelt so alte Lenzlinger eine Tierpflegerin für seine Hunde suchte. «Ich habe mich sofort in die Doggen verliebt, nachher in ihn.» Lenzlinger sei nicht richtig erwachsen gewesen: «Er war noch wie ein grosser Bub.»
Lenzlinger war überzeugt, dass die Schweizer Justiz zu wenig oder gar nicht gegen angebliche Ostspione vorgehen würde. Deshalb übte er Selbstjustiz. Im April 1973 stellten Lenzlinger und zwei Gehilfen einen auf einem Mistkarren gefesselten ehemaligen Mitarbeiter und angeblichen Ostspion vor dem Bundeshaus ab – mit einem «Lieferschein» um den Hals zuhanden des damaligen Bundesanwalts Hans Walder. Auf einem Plakat schrieb Lenzlinger, dass er «gebührenfrei einen östlichen Spion zugestellt» habe. Es handelte sich um einen jungen Schweizer, der in der DDR geboren war. In dem Schreiben bezichtigte Lenzlinger den Mann, ein Stasi-Spitzel zu sein. Er sei schuld daran, dass ein 29-jähriger Mitarbeiter seiner Organisation in der CSSR verhaftet worden war. Der von Lenzlinger entführte «Ostspion» musste ein Geständnis unterschreiben, in dem er die Agententätigkeit für die Kommunisten bescheinigte.
Die Entführungsgeschichte brachte Lenzlinger zwar ein grosses Medienecho, aber auch ein Strafverfahren. Er und seine beiden Komplizen wurden vom Zürcher Bezirksgericht wegen Freiheitsberaubung zu 21 Tagen Gefängnis unbedingt verurteilt. Die Staatsanwaltschaft, die acht Monate unbedingt verlangt hatte, legte Rekurs ein. Das Obergericht verurteilte Lenzlinger zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten Gefängnis unbedingt; zudem musste er dem Opfer eine Genugtuung von 3000 Franken bezahlten. Das Bundesgericht bestätigte das Urteil.
Karte an «Neues Deutschland»
Natürlich war auch die Stasi über den Vorfall informiert. Nicht zuletzt weil Lenzlinger anschliessend an die ostdeutsche Parteizeitung «Neues Deutschland» eine doppelseitige Reklamekarte seiner Firma mit dem Vermerk «Fluchthilfe» schickte – um die Genossen zu ärgern. Für die Stasi ein Fall von «politischen Provokationen gegen das Ministerium für Staatssicherheit», wie sie intern den Bericht über die Entführung betitelte.
Dass Zürcher aus Überzeugung und freiwillig für die Stasi spionierten, geht auch aus einer weiteren Stasi-Unterlage hervor. Im Dezember 1974 informierte Lenzlinger telefonisch eine Zeitung in Zürich – der Name wird in den Unterlagen nicht erwähnt –, dass demnächst eine «nette Geschichte über die Bühne gehen wird». Er beabsichtige, eine Flucht mit einem Flugzeug durchzuführen. Ein Kleinflugzeug würde von Westdeutschland in die DDR fliegen und dort ein Ehepaar mit seinem Kind abholen. Diese Geschichte kam einem namentlich genannten Zürcher Informanten zu Ohren. Der von der Stasi als «zuverlässiger Kontaktpartner» bezeichnete Schweizer informierte umgehend die ostdeutschen Behörden. Diese schlugen Alarm. In einer «streng geheimen» Mitteilung an Grenzschutz, Volkspolizei und Volksarmee warnte die Stasi, dass mit einer Schleusung per Flugzeug zu rechnen sei.
Kritik an die Zürcher Justiz
Die verantwortlichen Stellen wurden angewiesen, sofort geeignete Massnahmen zur Verhinderung von solchen Fluchtaktionen einzuleiten. Von der Flucht per Flugzeug war nachher nichts mehr zu hören. Wahrscheinlich wollte Lenzlinger mit dem originellen Fluchtplan einmal mehr in die Schlagzeilen kommen. Er drängte auch einen «Blick»-Journalisten und guten Bekannten, der die Pilotenprüfung hatte, eine Flucht per Flugzeug durchzuführen. Er habe diesen Vorschlag aber abgelehnt, sagt der heute 64-Jährige: «Viel zu riskant.»
Vermutlich vor seinem Haftantritt Anfang 1976 verschickte Lenzlinger ein elfseitiges Pamphlet an die Medien, das auch in den Besitz der Stasi gelangte. Darin schrieb ein verzweifelter Lenzlinger, dass er einem ungewissen Schicksal entgegengehen müsse. Der Brief endete mit folgendem, im Original in Grossbuchstaben geschriebenen Satz: «Ich warne die Schweizer Behörden vor irgendwelchen Repressalien gegenüber meiner Familie, meinen Organisationen, meinen Mitarbeitern und meinen Tieren. Da ich nichts mehr zu verlieren habe, habe ich nur noch zu gewinnen.»
In diesem Schreiben machte Lenzlinger den Behörden harte Vorwürfe. Man würde ihn überall schikanieren. Die Kritik richtete sich vor allem an die Zürcher Justiz. Diese verfolgte ihn, weil er für die Fluchten gestohlene Pässe benutzt hatte. Lenzlinger hatte von dubiosen Kreisen 60 gestohlene westdeutsche Blankopässe gekauft. In diesen Pässen gab er den Flüchtlingen einen neuen Namen, machte sie zu westdeutschen Bürgern und stellte ein gefälschtes CSSR-Visum aus. Die Stanzmaschine, mit der die Porträtfotos in den Pass gedruckt wurden, und einige Exemplare der Blankopässe sind im Kriminalmuseum der Zürcher Kantonspolizei ausgestellt. Die Stasi hatte die Schweizer Behörden und die Justiz auf diplomatischem und rechtlichem Weg immer wieder auf diesen Missbrauch aufmerksam gemacht. Mit Erfolg: Lenzlinger wurde wegen Urkundenfälschung vom Zürcher Obergericht verurteilt.
Streit mit Nachbar und Tierarzt
Neben dem Streit mit den Behörden lag Lenzlinger auch mit einem Nachbarn und mit seinem Höngger Tierarzt jahrelang im Clinch. In den Stasi-Akten wird dieser Dauerkrieg immer wieder angeschnitten. Der Nachbar an der Ackersteinstrasse störte sich vor allem am Gestank und dem Lärm der vielen Raubtiere. Dem Tierarzt warf Lenzlinger vor, für den Tod einer seiner drei geliebten Doggen verantwortlich zu sein.
Die Stasi versuchte, den Nachbarschaftsstreit auszunutzen. In einem Papier zur «Abschöpfung» – so nannte die Stasi das unbemerkte Sammeln von Informationen – wird genau beschrieben, wie ein Stasi-Mitarbeiter sich als freier Journalist aus Westberlin ausgeben und dem Nachbarn Fragen stellen sollte. Der angebliche Journalist sollte Fragen zu Lenzlingers Berufs- und Familienverhältnissen stellen, vor allem, ob er Probleme mit seiner Frau habe. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2011, 11:28 Uhr
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