Der Koller mit dem Poller
Zylinder des Anstosses: Einer der insgesamt 36 Salzburger Poller.
Die Getreidegasse und das Mozarthaus. Der Domplatz und der herrliche Blick auf die Festung! Das Festspielhaus! Die Stadt Salzburg ist ein Kulturjuwel Europas, und ein Besuch würde sich zu jeder Jahreszeit lohnen – wäre da nicht das ständige Verkehrschaos. Salzburg erstickt im Autoverkehr. Scheint die Sonne (selten, aber es kommt vor) über dem Mönchsberg, sind Besucher noch eher bereit, Privatwagen oder Cars am Stadtrand zu verlassen. Hüllt jedoch der berüchtigte Salzburger Schnürlregen die Strassen in gleichförmiges Grau, kämpft jeder um jeden Meter, den er sich geschützt unter dem Autodach der Altstadt nähern kann. Dann steht der Verkehr still. Im Stau stecken Touristencars neben Trolleybussen, Lieferwagen neben Limousinen des Festspieldirektoriums.
Um zumindest die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Innenstadt vor der Autoinvasion zu schützen, hat sich die Stadtverwaltung ein scheinbar raffiniertes System ausgedacht: Auf sämtliche Zu- und Ausfahrten wurden mächtige Poller aus Aluminium aufgestellt, die ortsfremden Autofahrern den Weg blockieren, von einheimischen Autofahrern jedoch durch Fernbedienung oder Zugangscode im Boden versenkt werden können. Insgesamt 36 Poller wurden dieses Frühjahr montiert, 3000 Fernbedienungen verteilt. Die Kosten von 800'000 Franken rechtfertigte der Bürgermeister mit der Effizienz des Systems, das «die Schönheiten der Altstadt vor der Blechlawine schützt».
Volkssport Poller austricksen
Mit den täglich 300 illegalen Autofahrten in der Fussgängerzone werde jetzt Schluss sein. Von 7 bis 11 Uhr vormittags bleiben die Poller versenkt, um den Geschäften die Zulieferung zu ermöglichen. Wer aber nicht rechtzeitig die verbotene Zone räumt, muss 120 Franken Strafe zahlen. Danach bekommt er von der Polizei einen Code, um die Barriere zu senken und sein Auto zu befreien. So weit die Theorie.
Mitte Juni wurden die Poller in Betrieb genommen. Doch der versprochene Effekt bleibt aus. Verwundert reiben sich die Stadtpolitiker die Augen und sehen, dass die Innenstadt heute mehr als zuvor verparkt ist. Die Technik ist nicht schuld daran. Doch der Sturheit der Salzburger Bürger und ihrer Gäste ist das System nicht gewachsen. Poller austricksen ist heute Volkssport Nummer eins in der Mozartstadt. Alles wird versucht: Schnell hinter einer Pferdekutsche in die Fussgängerzone fahren, bevor sich der Poller wieder hebt, oder einfach die Poller anfahren, bis sie umkippen. Fernbedienungen und Codes werden illegal weitergegeben, und selbst die Polizei öffnet für Touristen die Strassensperren.
220'000 Franken Schaden in zwei Monaten
Der Verdacht, dass solche Gefälligkeiten nicht umsonst sind, ist naheliegend. Der Schaden an den Pollern beträgt nach zweimonatigem Einsatz 220'000 Franken, und die Stadtverwaltung resigniert: Der Missbrauch sei nicht zu stoppen, erklärt ein Beamter im Fernsehen: «Mir fällt nichts ein, was wir noch machen könnten.»
So geht der Salzburger Sommer zu Ende, und wenn der Schnürlregen einsetzt, werden wieder alle im Stau stehen, Touristencars und Trolleybusse, Lieferwagen und Limousinen. Vielleicht könnte ja, als letzte Rettung, der Schweizer Seiltänzer David Dimitri das Verkehrsproblem lösen. Der Sohn des Clowns Dimitri will nächstes Jahr die Salzburger Altstadt auf einem 800 Meter langen Hochseil überqueren. Vom Seil aus kann Dimitri die Schönheiten der Stadt geniessen, Stau und Parkplatznot aber unter sich lassen. Um diesen neuen und sicherlich sehr beeindrucken Weg für Besuchermassen tauglich zu machen, müsste freilich nicht nur ein gewisses Risiko der Fortbewegungsart entschärft, sondern auch die Kostenfrage geklärt werden: So ein fünfzigminütiger Seilspaziergang vom Kapuzinerkloster zur Festung Hohensalzburg kostet 900 000 Franken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.08.2010, 23:47 Uhr
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