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Der «Blick» entschuldigt sich wegen des «Foltercamps»

Von Edgar Schuler. Aktualisiert am 07.02.2012 30 Kommentare

Nach einem fünfjährigen juristischen Kampf erhält Beat Dünki von der Zeitung Genugtuung. Jahre nach dem Skandal ist klar: Die Zeitung hat Anschuldigungen Jugendlicher kritiklos übernommen.

Beat Dünki hat fünf Jahre lang für seine Rehabilitation gekämpft. Foto: Nicola Pitaro

Beat Dünki hat fünf Jahre lang für seine Rehabilitation gekämpft. Foto: Nicola Pitaro

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Genugtuung nach langem Prozess: Die Entschuldigung auf der Titelseite (Ausriss: «Blick»).

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Auf der Titelseite des heutigen «Blicks» ist es gross zu lesen: «Entschuldigung». Die Zeitung anerkenne, dass Beat Dünki, damals Inhaber des Unternehmens Time Out, durch die Berichterstattung über die Ereignisse in Spanien («Foltercamp», «Wildschweinkäfig») in seiner Persönlichkeit verletzt wurde. Der «Blick» bedaure dies und entschuldige sich dafür.

In einem Brief an Dünki geht Marc Walder, Chef des «Blick»-Herausgebers Ringier Schweiz, noch weiter: «Im Nachhinein musste ‹Blick› feststellen, dass die in der Zeitung wiedergegebenen Vorwürfe der Jugendlichen falsch oder zumindest masslos übertrieben waren.» Die damalige Berichterstattung habe «katastrophale Folgen» für Dünki gehabt, schreibt Walder. Er hoffe, die «uneingeschränkte Entschuldigung» könne dazu beitragen, dass die Behörden Dünki wieder jenen Platz einräumen, den er früher hatte. Dünki erhält von Ringier eine Genugtuungssumme, über die er sich ausschweigt, die aber mehrere Hunderttausend Franken betragen dürfte.

Vor Dünki haben nur wenige vom «Blick» und «SonntagsBlick» angegriffene Personen ein derart prominentes Sorry erhalten: 2002 entschuldigte sich Ringier bei Thomas Borer für Berichte über angebliche Fehltritte des ehemaligen Botschafters in Berlin. 2007 schloss der Verlag einen Vergleich mit Jürg Maurer, den der «Blick» über Wochen als «frechsten Pensionskassenverwalter der Schweiz» angeschwärzt hatte.

Anders als bei Katharina Blum

Bei Beat Dünki ist der Fall aber anders: Der Mann ist zwar stattliche 190 Zentimeter gross, aber er ist weder so gut vernetzt wie Borer noch so reich wie Maurer. Der heute 58 Jahre alte ehemalige Lehrer gleicht mehr der Haushälterin Katharina Blum in Heinrich Bölls Roman «Die verlorene Ehre der Katharina Blum»: eine Frau, die per Zufall in die Mühlen des Sensationsjournalismus gerät und darin aufgerieben wird. Anders als die fiktive Katharina Blum konnte sich Dünki aber nach einem fünfjährigen, zähen Ringen gegen den Ringier-Konzern und dessen Anwälte schliesslich Genugtuung verschaffen.

Dünkis Albtraum begann im April 2006 damit, dass ein Jugendlicher aus einem Bauernhof in Spanien türmte. Der Bursche befand sich dort mit anderen Schweizer Jugendlichen in einem Time-out. Das heisst, Sozialbehörden hatten die Jugendlichen dort platziert, weil sie in ihrem Umfeld Schwierigkeiten gemacht hatten. Der Jugendliche rechtfertigte sein Ausbüxen mit einer dramatischen Aussage: «Sie haben uns wie Tiere eingesperrt und mit Eisenstangen geschlagen.» Die Kinder würden auf dem Hof unter schlimmsten Bedingungen leben.

Zumindest stand es so im «Blick», dessen Chefredaktor damals Werner de Schepper war. Zwei Tage später hatte die Zeitung den aus ihrer Sicht Hauptschuldigen am «Foltercamp in Spanien» ermittelt: den «Zürcher Kindervermittler Beat D.». Dünki hatte nämlich mit seiner Firma Time Out unter anderem für das Zürcher Sozialdepartement Kinder an Pflegeplätze vermittelt, auch nach Spanien. Auf der Titelseite prangte Dünkis Bild – mit einem schwarzen Balken über den Augen, wie ein Schwerverbrecher.

Eine «Blick»-Reporterin tauchte vor Dünkis Wohnhaus auf und sprach mit Nachbarn. Diese wurden in der Zeitung zitiert: «Wir haben Angst vor ihm.» Am Tag darauf berichtete eine 14-Jährige in der Zeitung über ihre «vier Horror-Monate bei Beat D.». Das Mädchen war als Pflegetochter bei Dünki. Sie sagte laut «Blick», sie sei von Dünki gezwungen worden, beim Duschen die Tür offen zu lassen, Hochdeutsch zu sprechen, und dessen Partnerin habe sie geschlagen.

Faktisches Berufsverbot als Folge

Den «Blick»-Journalisten sagte Dünki einen einzigen Satz: «Der ‹Blick› ist der ‹Blick›, darum rede ich nicht mit ihm.» Dafür trat Dünki in einer «Club»-Sendung im Schweizer Fernsehen auf und erzählte seine Version. Er war sich keiner Schuld bewusst. Er habe den Bauernhof in Spanien mehrfach besucht und nichts hatte zu Beanstandungen Anlass gegeben. Jugendliche und Eltern hatten den Betrieb gelobt. Dünkis Befreiungsschlag kam beim «Blick» aber schlecht an. «Skandalauftritt am TV!» lautete die Schlagzeile am Tag darauf.

Die unmittelbare Folge des «Foltercamp»-Skandals für Dünki: ein faktisches Berufsverbot. Schon am Tag nach dem ersten «Blick»-Artikel sistierte die damalige Sozialvorsteherin, Monika Stocker (Grüne), die Zusammenarbeit mit Dünki. Das kantonale Amt für Jugend und Berufsberatung strich Dünkis Firma Time Out von seiner Liste empfohlener Vermittlungsfirmen.

Aus Zürich geflüchtet

Es kam noch schlimmer. Zwei Wochen nach Auffliegen des Skandals enthüllte die «Weltwoche», dass der angeschuldigte Betreuer in Spanien vom Zürcher Sozialdepartement nicht nur insgesamt 124'000 Franken Betreuungsgebühren bezog, sondern auch noch 44'000 Franken Sozialhilfe. Als speziell ungünstig erwies sich dabei, dass der Betreuer an Dünkis Adresse in Höngg angemeldet war. Der Ruf Dünkis als Vermittler von Time-out-Plätzen und als Privatmann war zerstört. «Ich fühlte mich gejagt. Ich flüchtete regelrecht aus der Stadt Zürich», sagt er heute. Dünki erhielt Drohungen. «Psychisch war ich in einer desolaten Situation, ich wünsche das keinem Menschen.»

Einziger Trost für den einstigen Mitbesitzer einer Privatschule war, dass er sich keine Sorgen ums Geld für seinen Lebensunterhalt machen musste. Das war wichtig, denn der Weg zurück wurde lang. Er begann mit der politischen und juristischen Aufarbeitung des Spanien-Skandals. Mehrere interne und externe Untersuchungen entlasteten Dünki. Die sieben laufenden anderen Platzierungen Dünkis für die Stadt Zürich waren in Ordnung. Mitarbeiter des Sozialdepartements berichteten von guten Erfahrungen mit ihm. Sie bestätigten auch, dass er Lösungen für scheinbar unplatzierbare Jugendliche gefunden hatte. Sie sagten Dünki, der Pflegevater von 13 Kindern war, ein Talent nach für den Umgang mit schwierigen Jugendlichen.

Die Untersuchungsberichte zeigten aber auf, wo die wahren Probleme lagen. Die Beamten im Sozialdepartement hatten Dünkis Arbeit nie systematisch unter die Lupe genommen. Abmachungen mit ihm waren oft nur mündlich getroffen worden. Es herrschte blindes Vertrauen in den Mann.

Skandal in Luft aufgelöst

Der «Spanienfall» selber löste sich in Luft auf. Es gab ein Strafverfahren gegen den Betreuer, der Jugendliche in den Wildschweinkäfig gesperrt haben soll. Aber der einzige Bursche, der schliesslich Anzeige wegen Freiheitsberaubung erstattet hatte, zog seine Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft stellte daraufhin die Untersuchung ein.

Das war Balsam für Beat Dünkis Seele. Und Munition in seinem Kampf gegen den «Blick». Dünki suchte sich einen Anwalt – und zwar einen, der für seine Mandanten wenn nötig bis vor Bundesgericht um deren Rehabilitierung kämpft. Adrian Bachmann übernahm den Fall. Der Zürcher Jurist hatte genau in der Zeit des «Spanienfalls» für den Vater des Tennisstars Patty Schnyder vom «SonntagsBlick» erstmals die Herausgabe des mit den Publikationen erzielten Gewinns erstritten.

Dünki richtete sich auf ein langes Verfahren ein. Denn er wollte auf gar keinen Fall, auch nicht auf Anraten seines Anwalts, klein beigeben. «Ich wollte die Entschuldigung auf der Titelseite haben, nämlich genau dort, wo der ‹Blick› meine Ehre in den Schmutz gezogen hat», sagt Dünki, «auch wenn das Jahre dauert.» Tatsächlich lief das Verfahren bis zur heutigen Entschuldigung. In mehreren Verhandlungsrunden kamen ihm dann die Anwälte von «Blick» Schritt für Schritt entgegen: von einer brieflichen Entschuldigung über eine Entschuldigung auf einer hinteren Seite bis zur heutigen Entschuldigung auf der Frontseite, gross mit Bild. Dazu der Entschuldigungsbrief von Marc Walder – und eine Entschädigungssumme, die es Dünki erlaubt, ein Ferienhaus zu kaufen, das er Leuten zur Verfügung stellen will, die ihm geholfen haben und die sich Ferien sonst nicht leisten könnten.

Dünkis Anwalt Adrian Bachmann folgert aus dem Ausgang, dass der «Blick» «massiv über das Ziel hinausgeschossen» hatte: Die Zeitung habe «um der guten Story willen» kritiklos die Darstellung der Jugendlichen übernommen und Dünki so «zum Prügelknaben gemacht». Laut Bachmann ist «ein solches Ergebnis eine Ausnahme und belegt, dass ein starkes Stehvermögen und die Geduld von Dünki sich gelohnt haben». (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2012, 19:10 Uhr

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30 Kommentare

susanne müller

07.02.2012, 07:21 Uhr
Melden 105 Empfehlung

Warum müssen solche Journalisten und Chefredaktoren nicht strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden? Rufmord kann sehr schädlich sein. Und sind wir ehrlich, bei solchen Jugendlichen muss man doch doppelt nachfragen. Aber Blick bleibt Blick. Antworten


Gero Rubli

07.02.2012, 08:33 Uhr
Melden 79 Empfehlung

Der Blick hat daraus sicher gelernt und wird in Zukunft die finanziellen Verhältnisse seiner Opfer besser abklären, damit sichergestellt ist, dass sie sich keinen Prozess leisten können. Antworten



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