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«Borer hätte ich abhören lassen»

Von Maurice Thiriet . Aktualisiert am 16.07.2011 22 Kommentare

Peter Uebersax hat als «Blick»-Chefredaktor die Methoden der englischen Boulevardpresse in die Schweiz gebracht. Und ist ob des Gebarens der «News of the World» keineswegs überrascht. Im Gegenteil.

«Es gab gar keinen Grund, etwas zu verbieten»: Peter Ueberasax über unlautere Recherchemethoden im «Blick».

Bekam vom SonntagsBlick eine Affäre angedichtet: Thomas Borer, hier während einer Rede. (Archivbild) (Bild: Keystone )

Mit Sexberaterin und Glücksspiel zur Höchstauflage

Peter Uebersax (85) war 1961/62 und von 1980 bis 1986 Chefredaktor des «Blicks». In seiner Amtszeit in den Achtzigerjahren führte er die Zeitung auf Boulevardkurs nach Vorbild der englischen Red-Top Press, deren Produktion er als Reporter der internationalen Nachrichtenagentur UPI vor Ort studieren konnte. Mehr nackte Haut, mehr Leserbindung, mehr Auflage. In der von Uebersax begründeten Ära der Sexberaterin Martha Emmenegger und des «Blick»-Bingo stieg die Auflage des «Blicks» von 270 000 Exemplaren auf gegen 400 000 Exemplare. Bekannt ist Uebersax’ Ironieverbot im «Blick» und ein TV-Streitgespräch mit dem mittlerweile verstorbenen SRG-Journalisten Heiner Gautschy, der in der Diskussion die Fassung und später deswegen seinen Job verlor.

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Korrektur-Hinweis

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Sie als Mr. Boulevard der Schweiz: Was dachten Sie, als Sie vom Abhörskandal bei «News of the World» hörten?
Dass das eine logische Folge der Konkurrenz der Boulevardblätter in England unter sich, aber auch der Konkurrenz durch Klatschportale oder TV-Formate ist. Die Auflagen geraten unter Druck, ebenso die Gewinnmargen. Somit steigt der Druck, auch solche Wege zu gehen, um an Informationen zu kommen.

Solche Wege? Illegale Wege, im Fall von Entführungs- oder Anschlagsopfern auch verwerfliche Wege, nicht?
Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich ist es nicht akzeptabel, Eltern eines ermordeten Mädchens glauben zu lassen, sie lebe noch, indem man die Nachrichten löscht. Aber wenn so etwas überhaupt vorstellbar ist, dann in England. Die englische Boulevardpresse war schon immer weltweit führend in den Recherchemethoden, auch in Sachen Dreistigkeit. Daher war es, ohne das moralisch zu bewerten, fast zwingend, dass die englischen Boulevardreporter auch diese Grenze irgendwann überschreiten würden.

Die Chefredaktoren sollen von den Abhöraktionen gewusst haben. Hätten Sie solche Methoden gebilligt?
Das kommt darauf an.

Worauf?
Um welche Geschichte es geht und wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind. Natürlich war es in den Achtzigerjahren nicht nötig, ähnlich vorzugehen, etwa Briefpost oder Telegramme abzufangen, weil es schlicht niemanden gab, der dem «Blick» Konkurrenz machte. Ich glaube auch nicht, dass ich irgendwann gesagt habe: Okay, das machen wir jetzt, es gibt keinen anderen Weg, um an die Information heranzukommen. Aber wenn es technisch möglich und legal gewesen wäre und uns vor der Öffentlichkeit den Beweis für eine Geschichte hätte liefern können, sodass wir vor Klagen geschützt gewesen wären, dann hätte ich möglicherweise zugestimmt.

Haben Sie aber nie?
Auf jeden Fall weiss ich heute nichts mehr davon, und falls es gesetzwidrige Abhöraktionen gegeben hätte, dann hätte ich offiziell natürlich auch damals nichts gewusst, das ist Ihnen ja wohl auch klar.

Klar. Sie haben es aber auch nicht kategorisch verboten?
Natürlich nicht. Warum auch? Es hat ja zu meiner Zeit niemand Lauschangriffe geführt, von denen ich erfahren hätte. Es gab also gar keinen Grund, etwas zu verbieten.

Hätten Sie Lauschangriffe nur bei relevanten Themen oder auch bei Promigeschichten erlaubt?
Auch bei Promigeschichten. Man muss sehen, dass die Privatsphäre von Prominenten früher gesetzlich viel weniger geschützt war als heute. Eine Borer-Geschichte beispielsweise, die wäre zu unserer Zeit wohl noch ohne Konsequenzen für die beteiligten Redaktoren oder den Verlag ausgegangen. Trotzdem verstehe ich bis heute nicht, warum die Verantwortlichen nicht irgendwelche Beweise, Gespräche Borers mit der angeblichen Geliebten oder Sprach- oder Textnachrichten besorgt haben. Borer hätte ich abhören lassen. Wenn es möglich gewesen wäre, sogar schon ziemlich früh. Und wenn sich nichts ergeben hätte, hätte ich die Geschichte auch sofort abgeblasen.

Aber das Abhören von Gewaltopfern hätten Sie kategorisch verboten?
Ja. Aber auch das musste ich nicht. Es wäre zu meiner Zeit wohl keiner auf die Idee gekommen, ein solches Vorgehen vorzuschlagen oder das Risiko einzugehen, dass so etwas auffliegt. Zu unserer Zeit ging noch jede grössere Geschichte über das Pult des Chefredaktors. Hätte ich so etwas bemerkt, dann wäre das für den betreffenden Redaktor nicht gut ausgegangen.

Auch ein «Blick»-Redaktor hat momentan ein Verfahren am Hals, weil er mit einem Privatdetektiv zusammengearbeitet hatte. Eine Methode, die Sie begrüssen?
Ich begrüsse es nicht. Mit Privatermittlern zusammenzuarbeiten, war beim «Blick» früher nicht üblich, aber ausschliessen kann man es nicht, denn die Redaktoren, die das taten, haben das natürlich geheim gehalten.

Der Ex-Chefredaktor der «News of the World» war Sprecher des englischen Premiers. Hatten auch Sie Anfragen aus Politik oder Wirtschaft, um Beziehungen zur Ringier-Presse zu pflegen?
Ja, plötzlich wollten viele fremde Menschen mit mir etwas essen und trinken und darüber sprechen, was ich in Zukunft machen sollte. Ich habe nichts gegessen und nichts getrunken, sondern bin ins Auto gestiegen und nach Spanien gefahren. Dort bin ich ein Jahr lang geblieben. Ich hatte eine schöne Pension von Ringier. Wozu noch arbeiten? Wozu sieben Jahre als erstklassiger Chefredaktor mit einer zweifelhaften Rolle als Informant abschliessen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2011, 06:41 Uhr

22

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22 Kommentare

rudolf thoma

16.07.2011, 07:32 Uhr
Melden 150 Empfehlung

Zitat: Borer hätte ich abhören lassen...sorry, was ist denn das für ein ehemaliger Chefredaktor ?
Logo... hab vergessen er war ja beim Blick!
Wenn Uebersax freimütig und unverfroren solche Aussagen macht, dann habe ich das Gefühl, dass ihm damals die Wahl der Recherchemittel ob legal oder nicht legal völlig schnuppe waren !
Genau solche Typen wie Übersax bringen die Journigilde arg in Verruf !
Antworten


René Bitterlin

16.07.2011, 08:27 Uhr
Melden 135 Empfehlung

Der Mann war immer und ist es noch: Unerträglich - er sollte endlich schweigen ! Seine Hetzkampagne gegen Thomas Borer war skandalös, die Schweiz hat seither keinen so tüchtigen und eloquenten Diplomaten mehr gehabt ! Antworten



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