Bienen summen leiser
Bienen bei der Bestäubung: Die Pflanzen sind auf die Bestäubung angewiesen. Sonst kann es passieren, dass bald ein Mangel an Früchten und Gemüse besteht. (Bild: Hans Käser)
So funktioniert die Bestäubung
Bei den Pflanzen erfolgt die Befruchtung und Fortpflanzung durch Bestäubung mit Pollen. Am häufigsten ist die Bestäubung durch Bienen und Schmetterlinge. In der Schweiz sind etwa 80 Prozent aller Pflanzen auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen, darunter die meisten Frucht-, Beeren- und Gemüsesorten sowie viele Blumenarten. Die Insekten (grösstenteils Bienen) fliegen von Blüte zu Blüte und sammeln Nektar. Gleichzeitig transportieren sie Blütenpollen von einer Blüte zur anderen und befruchten dadurch die jeweiligen Pflanzen.
Einige Pflanzensorten (zum Beispiel Gras, Weizen, Roggen und Mais) lassen ihre Pollen vom Wind transportieren und sorgen auf diese Weise für Befruchtung. Die sogenannten Selbstbestäuber (etwa Gerste, Bohnen, Schneeglöckchen) sind sogar in der Lage, sich mit den eigenen Pollen selbst zu befruchten. Diese Fähigkeit findet man häufig bei Pflanzen auf isolierten Inseln oder an extrem lebensfeindlichen Orten.
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In Kalifornien herrschte vor einem Jahr Alarmstimmung. Die Millionen von Mandelbäumen, die jedes Jahr 80 Prozent der weltweiten Mandelernte liefern, standen zwar in voller Blüte. Doch die Bienen, welche die Blüten hätten bestäuben sollen, kamen einfach nicht. Ein mysteriöses Bienensterben liess die Populationen in den ganzen USA einbrechen. Die Imker standen vor einem Rätsel – denn die fleissigen Tierchen kehrten ganz einfach nicht mehr in ihre Bienenstöcke zurück und blieben spurlos verschwunden, millionenfach.
Auch in der Schweiz nimmt die Bienenpopulation von Jahr zu Jahr ab. Heute leben noch etwas über 150'000 Bienenvölker in der Schweiz – vor 80 Jahren waren es mehr als doppelt so viele. Allein im Winter 2006/2007 ist der Bestand um 22 Prozent zurückgegangen. Über die Gründe wird auch hierzulande gerätselt. Es wird vermutet, dass Umweltgifte und Pestizide den Bienen den Garaus machen. Laut Peter Neumann vom Schweizer Zentrum für Bienenforschung in Bern könnten sich auch gentechnisch veränderte Pflanzen negativ auf die Bienenpopulationen auswirken.
Imker haben zu wenig Zeit
Das wohl grösste Problem ist seit Jahren aber die Varroa-Milbe, die tödliche Viren auf die Bienen überträgt. Die Milben können zwar mit Ameisen- und Oxalsäure abgetötet werden. Doch diese natürliche Behandlung ist sehr zeitaufwendig. «Viele Imker können aus Zeitgründen nicht genügend für die Bekämpfung der Krankheiten tun. Dann werden die Bienen anfälliger», sagt Simon Gisler, Co-Präsident des Verbands der Luzerner Imker.
Tatsächlich ist die Bekämpfung der neuen Bienenkrankheiten extrem zeitaufwendig. Das ist vermutlich mit ein Grund, weshalb immer weniger Menschen bereit sind, Bienen zu halten. Zumal sich die Imkerei auch finanziell kaum lohnt. Zurzeit gibt es rund 20'000 aktive Imker in der Schweiz – vor 120 Jahren waren es doppelt so viele. Das Bienensterben ist also nicht allein ein Umwelt-, sondern auch ein Personalproblem. Viele Imkervereine sind überaltert, es fehlt an Nachwuchs.
Momentan leben in der Schweiz durchschnittlich 4,7 Bienenvölker pro Quadratkilometer. Diese Zahl ist ausreichend, um die Bestäubung der Nutzpflanzen sicherzustellen. Sollte das Bienensterben weitergehen, könnte dies aber dramatische Auswirkungen auf die Lebensmittelproduktion haben. Allein bei den Beeren und Früchten ermöglichen die Schweizer Bienen eine Ernte im Wert von 256 Millionen Franken pro Jahr. Ausserdem liefern sie uns 3300 Tonnen Honig.
Ernteausfälle möglich
Wenn es auf der ganzen Welt keine Bienen mehr gäbe, betrüge der volkswirtschaftliche Schaden etwa 460 Milliarden Franken. So weit wird es aber kaum kommen. «Ich gehe nicht von dramatischen Endzeitszenarien aus», sagt Peter Neumann und fügt hinzu: «Die Honigbiene existiert seit vielen Millionen Jahren, ist ein weit verbreiteter Generalist und hat schon Katastrophen wie Eiszeiten und Meteoriteneinschläge überlebt.» Auch Simon Gisler möchte «nicht schwarzmalen». Sollte aber beispielsweise ein neuer Krankheitserreger auftauchen, könnte dies dazu führen, dass die Bienenpopulation in drastischer Weise dezimiert würde. Und bereits heute kann nicht ausgeschlossen werden, dass es auch in der Schweiz lokal zu Ernteausfällen kommt, weil nicht mehr genügend Bienen vorhanden sind.
Allerdings nimmt die Bienenpopulation nur in Europa und Nordamerika ab, während es in Asien beispielsweise immer mehr Bienen gibt. Genaue Daten dazu existieren zwar nicht, aber es gibt Hinweise, dass dort aus ökonomischen Gründen immer mehr Bienen gehalten werden. Diese könnten allerdings nicht die fehlende Bestäubung in Europa ersetzen. Und eine Alternative zu den Bienen ist auch nicht in Sicht, zumal andere Bestäuberinsekten wie Hummeln und Schmetterlinge vom Aussterben bedroht sind. In China werden Pflanzen teilweise von Hand bestäubt. «Diese Methode ist aber nicht auf die Schweiz übertragbar», sagt Peter Neumann. Der Grund: Die Handbestäubung ist schlicht zu teuer.
Die Schweiz knausert
Angesichts der enormen Wertschöpfung, die die Bienen für unsere Lebensmittelproduktion generieren, erstaunt es nicht, dass sich jetzt auch der Staat um die Rettung der fleissigen Arbeiterinnen kümmert. Der Effort des Bundes bleibt aber bescheiden. Ganze 1,2 Millionen Franken investiert die Schweiz, um die Imkerei zu fördern und um die Bienenkrankheiten zu erforschen. Statistisch gesehen gibt die Schweiz für jeden Imker 16 Franken pro Jahr aus. Zum Vergleich: Allein die EU gibt dafür 60 Franken aus, dazu kommen noch weitere Fördergelder in den einzelnen Mitgliedsländern.
Eine Möglichkeit wäre auch, die Bienenzucht zu professionalisieren – heute hängt die Schweizer Nahrungsproduktion quasi vom Geschick der etwa 20'000 Hobbyimker ab. In der ganzen Schweiz gibt es nur etwa zehn Berufsimker. Für Peter Neumann müsste die Professionalisierung deshalb stärker gefördert werden.
Simon Gisler rät hingegen davon ab: «Der Schweizer Honig verdankt seinen guten Ruf dem unverkennbaren Geschmack und der Tatsache, dass man den Imker oft sogar persönlich kennt.» Würde der Honig in industriellen Dimensionen produziert, ergäbe das ein langweiliges Einheitsprodukt, ist Simon Gisler überzeugt. «Vernünftiger ist es, die Hobbyimker mit modernen Methoden weiterzubilden», findet er. (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.05.2010, 12:35 Uhr
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