Wildfremde Menschen liegen sich plötzlich in den Armen

BildstreckeDie britischen Sportler befinden sich in einem Medaillenrausch. Und ziehen ihre Fans mit. Die Reportage und die Bilder aus London.

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Wer in diesen Tagen in britischen Zeitungen blättert, wird mit einer regelrechten Olympiamania konfrontiert. Ob «Daily Mail», «Evening Standard», die «Times» oder «The Independent»: Londons Zeitungsredaktionen versuchen sich mit Olympiaspecials gegenseitig zu übertrumpfen. Auf Dutzenden Seiten dominieren die Farben Rot, Blau und Weiss. Der Union Jack, Britanniens Flagge, ist allgegenwärtig.

Auch auf Londons Strassen und insbesondere in den Olympiastadien ist das Nationalbanner überall zu sehen. Die Briten üben sich keineswegs in Zurückhaltung. Die Spiele, das Land und die Sportler werden von den Fans zelebriert. Die vielen Medaillen und Siege haben in den letzten Tagen in ganz Grossbritannien für einen Auflauf und Euphorie gesorgt. Der Erfolg ist ein Gefühl. Die Party unübersehbar. Man ist gar versucht zu sagen, Grossbritannien hat einen neuen Nationalstolz entdeckt.

Unvergessliche Events

Dabei verhalten sich die Gastgeber keineswegs unangenehm. Die Fans sind überfreundlich. Entsprechen keineswegs dem Image von lauten und aggressiven Gruppen, die man aus der britischen Fussballszene kennt. Im Gegenteil: Die Briten richten sich für die Spiele her (siehe Bildstrecke), sorgen für herzlichen Jubel in den Stadien und lassen die Spiele zu einem unvergesslichen Event werden. Als Beispiel wäre Andy Murrays Sieg über Roger Federer zu erwähnen: Die Nachricht über das erste britische Tennisgold seit 92 Jahren wurde über Lautsprechern in der U-Bahn verkündet. Plötzlich lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, weinten und waren von den Gefühlen überwältigt. «Go Team GB», skandierten die Fans.

Solche Momente mag man den Briten gönnen. Ihr Nationalgefühl hat in den letzten Monaten arg gelitten. Die Konjunktur schlitterte zum zweiten Mal hintereinander ins Minus. Londons Investmentbanker sorgten in den letzten Monaten für schlechte Schlagzeilen. Auch jetzt wieder, als Medien bekannt machten, dass eine britische Bank unter Verdacht? steht, mit dem Iran Geschäfte abgewickelt zu haben. Aussenpolitisch steht das Land isoliert da und grenzt sich von anderen EU-Staaten ab. Kommt hinzu, dass die Krawalle im letzten Jahr das Land in einen Ausnahmezustand gestürzt hatten.

«Ich bin stolz, ein Brite zu sein»

Die olympischen Sommerspiele sind Balsam für die Seele vieler Briten. Durch Olympia entdecken die Briten ihr Land neu. «Ich bin stolz, ein Brite zu sein», sagt Marcus Escott. Der Londoner Designer verfolgt Radrennen und ist über den Enthusiasmus seiner Landsleute sehr beeindruckt. «Die Stimmung ist einfach einzigartig», meint Marcus. Taxifahrer Andrew Elliott spricht von einem Segen für das Land. Vor den Spielen war er gegenüber dem Megaevent noch skeptisch. «Schauen Sie sich die Leute an. Überall herrscht eine Freude. Selbst ich habe nun meinen Spass», sagt er.

Die Fans geben alles. In den Stadien und auf den Strassen sieht man rot-weiss-blaue Menschenmengen. Ausländische Kommentatoren werten den britischen Jubel als übertriebenen Nationalstolz. Dabei herrscht einfach der sportliche Ausnahmezustand. Ein Blick auf den Medaillenspiegel genügt. Und auch wenn die Briten ihre Sportler frenetisch begrüssen , unterstützen sie auch andere Nationen mit ihrem Jubel. Es gilt der Respekt für die Verlierer als auch für die Sieger anderer Nationen.

«Substanziell ändern die Spiele nichts»

Haben die Briten durch Olympia eine neue Identität entdeckt? Wie Rodney Barker, Professor im Ruhestand der London School of Economics gegenüber der «Financial Times» sagt, haben Olympische Spiele auf die Volkswirtschaft keinen nennenswerten Einfluss. Vermutlich werde Grossbritannien auch sportlich wieder auf sein altes Niveau zurückfallen – und politisch wird kaum ein schottischer Nationalist von plötzlichem Britentum beseelt sein. «Substanziell ändern die Spiele nichts», sagt Barker. «Aber sie werden ein Teil davon werden, was wir sind. Wie der Tod von Prinzessin Diana und unser Umgang damit werden die Spiele unsere nationale Besonderheit schärfen», ist der Professor überzeugt.

Tatsächlich können Sportereignisse wie Olympia oder eine WM ein gutes Gefühl schaffen. So entdeckten auch die Deutschen durch die Fussballweltmeisterschaft 2006 ein neues Nationalgefühl und ernteten weltweit viel Sympathie. Oder Olympia 2000 in Sydney: Die Spiele nahmen den Australiern den Frust, vergessen am Ende der Welt zu leben. Und London? Grossbritannien lässt die Nation enger zusammenrücken. Was auch notwendig ist, kommen nach den Spielen genug Probleme auf die Briten zu (Lesen Sie auch die Analyse von Peter Nonnenmacher «London träumt» in der heutigen Printausgabe des «Tages-Anzeigers»). (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.08.2012, 13:29 Uhr)

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