«Schweizer waschen auch nicht alle Geld»
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 13.04.2010
Celeste Ugochukwu präsidiert das Nigerianische Wirtschaftsforum in der Schweiz und die Nigerian Diaspora Organisation.
Stichworte
Familienclans, Strassendealer, Hindernisse
Die neue Direktor des Bundesamts für Migration hat in der «NZZ am Sonntag» erklärt, 99,5 Prozent der nigerianischen Asylsuchenden «kämen nicht als Flüchtlinge hierher, sondern um illegale Geschäfte zu machen». Ein grosser Teil «driftet in die Kleinkriminalität ab oder betätigt sich im Drogenhandel». Eine Task-Force des Bundes solle bis im Sommer Massnahmen dagegen präsentierten. Laut du Bois-Reymond braucht es ein neues Rückübernahmeabkommen mit Nigeria. Das Land habe einen «Ruf als Heimat vieler Drogenhändler», den es loswerden möchte.
Die oberste Migrationsbeamte des Bundes kann auf die volle Unterstützung der St. Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter zählen, die auch Vizepräsidentin der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren ist. «Die allermeisten Asylbewerber aus Nigeria sind Teil eines ausgeklügelten Systems, in dem Familienclans Strassendealer in Europa einsetzen», sagt Keller-Sutter auf Anfrage. Es sei beinahe unmöglich, solche Netzwerke polizeilich zu infiltrieren. Keller-Sutter strebt wie der frühere IKRK-Delegierte du Bois-Reymond an, dass abgewiesene Asylbewerber schneller ausgeschafft werden. Nach neueren Entscheiden des Bundesgericht sei dies schwieriger geworden: Entgegen dem Dublin-Vertrag können Abgewiesene Beschwerde einreichen und dann untertauchen. Eine Rückweisung nach Griechenland ist kaum mehr möglich, weil die Zustände dort «als nicht zumutbar» gelten. Zudem sei der Kampf gegen Dealerbanden erschwert worden, weil durch Entscheide des Bundesgerichts Scheinkäufe und verdeckte Ermittlungen erschwert worden seien. (tok)
Herr Ugochukwu, Alard du Bois-Reymond sagt, 99,5 Prozent der nigerianischen Asylsuchenden kämen «nicht als Flüchtlinge hierher, sondern um illegale Geschäfte zu machen». Was halten Sie von den Äusserungen des Vorstehers des Bundesamts für Migration über Ihre Landsleute?
Diese Äusserungen sind sehr unglücklich, provokativ, inakzeptabel und unprofessionell. In den Worten schwebt ein rassistischer Unterton mit. Wir hätten von einem hohen Offiziellen der Schweiz etwas anderes erwartet – zumindest Zahlen, wie viele Nigerianer rechtskräftig wegen Delikten verurteilt wurden.
Stimmt es etwa nicht, dass Nigeria den «Ruf als Heimat vieler Drogenhändler» hat, wie du Bois-Reymond sagt?
Es gibt in Nigeria ein kleine kriminelle Minderheit und es gibt sie auch unter den Nigerianern in der Schweiz. Vielleicht sind es 0,5 Prozent von 150 Millionen Nigerianern in der Welt. Man sagt aber auch nicht, dass die Schweizer alle Geld waschen, nur weil einige finanzielle Institutionen in der Schweiz wegen Geldwäscherei rechtlich verfolgt wurden.
Ihre 0,5 Prozent Kriminellen weichen doch etwas stark von den 99,5 Prozent von du Bois-Reymond ab.
Wir wollen keine Probleme ignorieren. Wir schützen keinen Kriminellen, egal ob Nigerianer oder andere. Jeder Nigerianer, der das Gesetz bricht, muss rechtlich verfolgt werden. Er soll auch die Verantwortung übernehmen. Wir wollen gute Botschafter unseres Landes in der Schweiz sein. Das Statement des Chefbeamten ist aber eine grosse Lüge, was ich bestimmt weiss, denn ich kenne so viele Nigerianer hier, die normalen Berufen nachgehen.
Wie erklären Sie sich die Äusserung?
Vielleicht will man ablenken vom Tod des nigerianischen Ausschaffungshäftlings auf dem Zürcher Flughafen im vergangenen Monat. Doch selbst falls der Verstorbene etwas mit Drogen zu tun gehabt hat, wären die Worte inakzeptabel. Es gilt den Todesfall zu untersuchen. Zudem müssen die Behörden nun abklären, ob der rassistische Ton des Chefbeamten eine Straftat darstellt. Feststeht, dass die Worte die bilateralen Beziehungen unserer Länder stören können. Es könnten Probleme entstehen wie jene, welche die Schweiz mit Libyen hat.
Ist das nicht übertrieben?
Wir wollen das nicht. Nigeria und die Schweiz pflegen gute Handelsbeziehungen. Nigeria liefert Öl. Nestlé hat einen grossen Ableger in Lagos. Die Schweiz exportiert viele pharmazeutische Produkten. Über 50 schweizer Frimen sind in Nigeria tätig. Wir hoffen, dass sich Herr du Bois-Reymond bei den Nigerianern hier entschuldigt. Und wir fordern, dass alle Nigerianer in der Schweiz die schweizerische Rechtsordnung respektieren. Long Live the Federal Republic of Great Nigeria!
Vive l’Afrique! Es lebe die Schweiz!
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.04.2010, 08:52 Uhr
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