Eine frische Brise von links

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 14.10.2008
Paul Krugman, 55, gewinnt den Nobelpreis für Ökonomie. Die Wahl ist ein Symptom für einen grundlegenden Klimawandel im intellektuellen Denken.
In der öffentlichen Meinung sind die Ökonomen Menschen, die den freien Markt lobpreisen, Staat und Steuern verurteilen und ständig ihre Mitmenschen auffordern, den Gürtel enger zu schnallen. Nun erhält Paul Krugman den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Der Professor der renommierten Princeton University und Kolumnist der «New York Times» kämpft seit Jahren gegen Bush, Neoliberale und Sado-Monetaristen.

Früher Warner vor der Immobilienblase

Krugman erhält den Nobelpreis, weil er zu den frühen Warner vor der Immobilienblase gehört. Er ist ein glänzender Analytiker: Die Weigerung des US-Finanzministers Henry Paulson, die Investmentbank Lehman zu retten, bezeichnete er als russisches Roulette. Er traf damit voll ins Schwarze: Der Bankrott der Bank hat die Panik der letzten Woche ausgelöst.

Schon in den 90-er Jahren fiel Krugman durch etwas auf, was nicht unbedingt typisch ist für seine Zunft: Er ist ein brillanter Schreiber. Das beweist er nicht nur zweimal in der Woche in seiner Kolumne in der «New York Times», das kann man auch in seinen zahlreichen Büchern überprüfen. Andere Wirtschaftswissenschaftler versteigen sich in mathematische Formeln und unverständliche Schachtelsätze. Krugman schreibt klar und nicht selten polemisch.

Dafür nimmt er auch Opfer in Kauf. Bill Clinton, so heisst es, hätte Krugman eigentlich gerne in einer Funktion in seiner Regierung gehabt. Doch Krugman nahm bei einem Vorstellungsgespräch kein Blatt vor den Mund und der Präsident bekam kalte Füsse. Eine der Zielscheiben von Krugmans beissendem Spott war damals Clintons Arbeitsminister, Robert Reich.

Vorsichtiger Globalisierungskritiker

Die meisten Konvertiten seiner Generation wanderten von links nach rechts. Krugman wurde vom einstigen Missionar der Globalisierung zu einem vorsichtigen Kritiker. Während er in den 90er Jahren fast uneingeschränkt die Vorzüge des freien Handels gepriesen hat, ist er in jüngster Zeit auf Distanz gegangen. Der Handel der USA mit Entwicklungsländern drücke auf die Löhne der amerikanischen Arbeitnehmer, warnte er in jüngster Zeit immer wieder.

Der Nobelpreis für Paul Krugman ist nicht nur eine Ehre für einen wichtigen Ökonomen unserer Zeit. Er ist auch ein Symbol für den Klimawandel im intellektuellen Denken, der sich derzeit abspielt. Jahrelang dominierten die Monetaristen, die Anhänger von Milton Friedman die Wirtschaftswissenschaften.

Mit Krugman wird jetzt der wohl prominenteste Widersacher der Chicago Boys geehrt, ein Linksliberaler, der nicht nur abstrakt-ökonomisch, sondern immer auch konkret-politisch denkt und schreibt. Um die intellektuelle Zeitenwende perfekt zu machen, müsste jetzt auch Barack Obama Präsident der USA werden. Krugman passt dies nur halbwegs: Er hat ursprünglich auf John Edwards und später auf Hillary Clinton gesetzt.

( Bernerzeitung.ch/Newsnetz )

Erstellt: 13.10.2008, 15:29 Uhr

Weitere Artikel Wirtschaft