Mike Shiva und sein Partner Patrick Gutter haben vor einem Jahr expandiert und in Thun ein kleines Beratungsimperium aufgebaut. Heute arbeiten über 60 Beraterinnen und Berater mit angeblich übersinnlichen Fähigkeiten für Shiva.tv. Hinzu kommen die Mitarbeiter im Büro und in den beiden Studios. Das Telefon läuft rund um die Uhr heiss. Pro Minute zahlen die Anrufer 4.50 Franken, macht 270 Franken pro Stunde. Präsent sind Shiva und seine übersinnlichen Heilsbringer auf U 1, Puls 4 (Österreich), Sat 1, Super RTL und Star TV.
Mobbing und Chaos
Der Konkurrenzkampf unter den spirituellen Beratern ist gross. Wer für Mike Shiva gearbeitet hat, gilt als Star in der Szene, um die raren Jobs wird gekämpft. Doch der Preis ist hoch. «Ich habe keinen Arbeitsvertrag», erklärt eine Beraterin, «es herrscht ein administratives Chaos, und es wird gemobbt.» Vor allem die deutschen Mitarbeiterinnen, die vom Studio aus beraten, klagen. «Uns wurde gesagt, es sei alles geregelt, doch später stellte sich heraus, dass ich monatelang schwarz gearbeitet habe», sagt eine Mitarbeiterin.
Eine andere beklagt sich über die Zahlungsmoral. «Ich muss immer wieder nachhaken, bis ich die Honorare bekomme. Das Geld trifft meist mit zweimonatiger Verspätung ein.» Eine Beraterin macht sich Sorgen um ihre AHV-Abgaben. Diese wurden ihr zwar abgezogen, doch sie weiss nicht einmal, ob sie bei der Versicherung angemeldet ist. Patrick Gutter widerspricht: «Wir ziehen AHV-, BVG-Beiträge und Steuern ab und leiten Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge an die zuständigen Stellen weiter.» Die Sozialleistungen würden das Jahr hindurch in Form von Akontozahlungen abgeführt und am Anfang des Folgejahres gutgeschrieben, beschreibt er seine Zahlungsmethode. Und zum Vorwurf des Chaos gibt er zu bedenken: «Wir haben einen sehr lebhaften Betrieb, und die Administration wird immer fordernder.»
Nur mündliche Abmachungen
Eine Schweizer Mitarbeiterin erkundigte sich ebenfalls nach einem Arbeitsvertrag. «Patrick Gutter sagte mir, auch mündliche Abmachungen über das Arbeitsverhältnis unterstünden dem Obligationenrecht und seien gültig. Ich wusste aber nicht einmal, wie viele Wochen Ferien mir zustehen.» Ausserdem würden Überstunden nicht ausbezahlt.
Gutter drückt sich vage aus: «Wir stehen mit jedem Einzelnen in einem Vertragsverhältnis.» Die meisten deutschen Berater würden die Telefonberatungen zu Hause erledigen und bräuchten keine Bewilligung. Bei den übrigen sei «die rechtliche Situation ziemlich kompliziert». Er habe sie inzwischen geklärt, die «aufwendigen Anpassungen stehen kurz vor dem Abschluss».
Wie viel Mike Shiva den Fernsehsendern abliefern muss, ist nicht bekannt. Die Berater erhalten von den 4.50 Franken pro Minute rund 75 Rappen, wie eine deutsche Beraterin sagt. Sie bestätigt, dass zahlreiche Kunden die Telefonberatung regelmässig in Anspruch nähmen und dafür hohe Summen auslegten. Bei ihnen sei die Gefahr der Abhängigkeit gegeben. Sie schätzt, dass rund 2000 Stammkundinnen – es sind überwiegend Frauen – regelmässig das Beratungstelefon anrufen.
Teure Einzelberatungen
Im Shiva-Imperium sprudeln noch weitere Einnahmequellen. Er und seine Mitarbeiterinnen führen Einzelberatungen durch. Die Preise bewegen sich um 250 Franken pro Sitzung, können aber auch wesentlich höher sein. Laut einem Informanten müssen die Berater die Hälfte des Honorars abliefern.
Mike Shiva führt seine Energieübertragungen auch in grossen Hallen durch, zum Beispiel im Volkshaus Zürich. Das Motto: «Erleben Sie die Quelle reiner und heilender Kraft.» Seine Beraterinnen bieten ausserdem Seminare an. Laura – in der Szene wird nur mit Vornamen gearbeitet – zum Beispiel spricht über den Zeitenwandel 2012. Der siebenstündige Workshop kostet 500 Franken. Weiter bieten Shivas Helferinnen Engel-Seminare, schamanische Reisen («Weg zum eigenen Krafttier»), Tarot, Handlesen und vieles mehr an. An allen Honoraren ist Shiva grosszügig beteiligt.
(Tages-Anzeiger)