Morgenröte und Abendsonne ziehen im Eiltempo über die Leinwand – als wärens kleine, in den Himmel steigende Explosionen. Bruce Springsteen, die Hemdsärmel hochgekrempelt, schreitet auf der kleinen Rampe Richtung Menschenmenge, die Gitarre locker umgehängt. Immer wieder sucht er den Kontakt zum Berner Publikum, dem er zu Beginn des Konzerts mit einer Akkordeonversion von «Wenni nume wüsst, wos Vogulisi wär» ein Ständchen brachte. Doch nicht das, sondern das schillernde «Outlaw Pete» seiner aktuellen CD «Working on a Dream», das eine skurrile, melancholische Geschichte erzählt, ist der erste Höhepunkt des Konzerts im Berner Stade de Suisse. Es ist Springsteens einziger Schweizer Halt auf der Welttournee. Das altersmässig sehr gemischte Publikum nimmt die Aufforderung zum Rocken an diesem noch frühen Sommerabend noch etwas verhalten klatschend an.
Pilotenbrille und Bluejeans«Wie geht es euch? Ich bin glücklich, in Bern zu sein.» Die Auftaufloskel wirkt. Schon wedelt eine erste USA-Fahne aus dem Publikum. Einige wenige haben sich mit Cowboyhut auf Amerika getrimmt. Der 59-jährige Superstar verbreitet das Amerika-Klischee äusserlich weitaus unauffälliger: mit Pilotenbrille, Bluejeans und Ziegenbärtchen.
Von der ersten Minute an bietet Bruce Springsteen mit seiner E-Street Band eine energiegeladene Show mit vielen älteren Rocknummern wie «Badland», «Waiting on a Sunny Day» oder «Born to Run». Erst nach etwa einer Stunde – das graue Hemd ist schon lange triefend nass – gönnt sich «The Boss» mit dem nachdenklichen «Atlantic City» eine kurze Verschnaufpause. Eindringlich intim, mit geschlossenen Augen und durchdringender Stimme. Er sei nicht den ganzen Weg nach Bern gekommen, um «nur» das Haus zu rocken, erzählt Springsteen anschliessend. «We wanna build a house of love, hope and happiness.» Rocken und Glücklichsein also. Trotz oder gerade wegen der Probleme des kleinen (amerikanischen) Mannes, die Springsteen in seinen Liedern immer wieder besingt.
Auch wenn es eine Weile dauert, bis Springsteen auch die Menschen auf den Sitzplätzen zumindest zum Tanzen bringt: Nach der Eindämmerung und den einigen Zugaben – darunter das folkige «American Land» und «Dancing in the Dark» – hat er das Stadion in der Tasche. Höhe- und Schlusspunkt: «Rockin’ all over the World» von Status Quo.
RockexplosionenWährend fast drei Stunden erfüllt der Rockstar Songwünsche, singt sich durch 30 Jahre Rockgeschichte, schreit, lacht und bringt die Mehrheit zum Mitsingen. Rund 40000 Menschen beschert er mit einigen wenigen langsamen Songs eindringliche, starke Momente. Kleine intime Inseln inmitten von vielen, in den Himmel steigenden Rockexplosionen.
(Berner Zeitung)