Einst nur zu zweit
Christian Huggler spricht die Tierschutzverstösse an, die vor Jahresfrist für Schlagzeilen sorgten. «Eine solche Häufung hat es vorher nie gegeben», sagt er, der seit 30 Jahren im Veterinärdienst arbeitet. Angefangen hat er als Stellvertreter des Kantonstierarztes Markus Dauwalder, seit 17 Jahren ist er selber Chef. Anfänglich bestand der Veterinärdienst allein aus Dauwalder und Huggler. Mit Seuchen, Tierkrankheiten und der Aufsicht über Schlachtbetriebe waren sie ausgelastet. Doch der Tierschutz gewann zunehmend an Bedeutung, das Bundesamt für Veterinärwesen deckte die Kantone mit immer neuen Weisungen ein. «Wir waren überfordert», erinnert sich Huggler. 1991 wurde dann Benjamin Hofstetter mit dem Tierschutz beauftragt.
Eine A6-Karte genügte
Heute besteht der Berner Veterinärdienst aus neun Tierärzten, einem Biologen und sechs Personen in der Sachbearbeitung. Huggler erklärt die Erweiterung mit den grösseren diagnostischen Möglichkeiten: «Man kann viel mehr Krankheiten viel effizienter handhaben.» Das ziehe neue gesetzliche Bestimmungen nach sich. Der Papierkrieg wird grösser. Das zeigt auch folgendes Beispiel: Auf das Stelleninserat für Hugglers Nachfolge seien letztes Jahr «zentimeterdicke Bewerbungsdossiers» eingegangen. Er selber habe sein Interesse an dem Job seinerzeit mit einem A6-Kärtchen kundgetan. Das genügte als Bewerbung, Huggler musste nur noch die Information nachliefern, ob er verheiratet und militärdiensttauglich sei.
Tollwut, Schweinepest
Stärker noch als mit Tierschutz hat sich der Kantonstierarzt mit den Seuchen beschäftigt. Als «etwas vom Wertvollsten» bezeichnet er rückblickend die Tatsache, dass die Tollwut mit einer Impfung der Füchse besiegt werden konnte. Huggler war als Assistent am Tierspital dabei, als die erste Impfmethode mit präparierten Hühnerköpfen entwickelt wurde. Als Kantonstierarzt hatte er dann ein anderes «Mordiothema» zu betreuen: BSE. Er erinnert sich, wie im Volk schier Panik ausbrach: «Man hatte Angst, man könnte an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sterben, nur weil man Rindfleisch gegessen hat.» Doch die schlimmste Seuche, mit der er es je zu tun bekommen habe, sei die Schweinepest gewesen. Huggler weiss auswendig, dass es 1993 war, als sie in Trubschachen, Hinterkappelen und Burgdorf ausbrach. Er musste sämtliche Tiere in den grossen Mastbetrieben töten lassen. Und die EU drohte, die ganze Schweiz für den Import von Schweinefleisch zu schliessen.
Und dann die Medien
Bei der Schweinepest sah sich Huggler erstmals einem Phänomen gegenüber, das er nie mehr loswurde: «Das mediale Interesse.» 2005, als die Angst vor der Vogelgrippe ihren Höhepunkt erreicht hatte, «kamen meine Leute im Sekretariat gar nicht mehr ab der Leitung». Ähnlich war es Anfang 2000, als bissige Hunde die öffentliche Diskussion beherrschten und der Veterinärdienst laut Huggler «aus allen Ecken und Enden mit Interventionen und Forderungen eingedeckt wurde».
«Sensibel», nicht «rabiat»
Braucht ein Kantonstierarzt einen breiten Rücken? «Nicht nur», antwortet Christian Huggler, «er muss auch sensibel sein.» Er müsse mit einer gewissen Gelassenheit über der Sache stehen. «Sonst erdrückt es einen.» Er habe zwar zwischen-durch auch gedacht, es sei doch einer «ein kreuzdummer Siech, dass er es in seinem Stall so weit kommen liess». Aber dann habe er sich in dessen Lage versetzt und erkannt: «Nicht nur die Tiere hatten es schwer, sondern auch die Leute.» Der Vorwurf, er sei zuweilen «rabiat» vorgegangen, hat ihn getroffen. Christian Huggler hat sein Amt als Kantonstierarzt nicht auf die leichte Schulter genommen. Oft hätten ihn die Probleme auch nachts beschäftigt. «Richtig abschalten konnte ich nie.» Auf die Frage, was er sich als Rentner vorgenommen hat, sagt er: «Abhäiche.» Im Wald, beim Flicken von Zäunen oder bei der Kartoffelernte seines Nachbarn will er endlich «runterfahren und abschalten».
(Berner Zeitung)