Der Freude des Dienens!
Es war nun fast fünfzig Jahre her, als der noch zarte Jüngling Merz zum ersten Mal dieses Zittern verspürt hatte. Damals war er am UBS-Zentrum Wolfsberg frisch eingestellt worden. Sein Chef, der FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann, zog sich Schuhe und Socken aus. Es entblösste einen schweren, fleischigen, weissen Fuss: den Fuss eines Bauernsohnes. Er roch nach Salz, nach Erde, aber auch nach teurem Leder.
«Hans-Rudolf, heute lernen Sie, was der wahre Geist der Schweiz ist», sagte Mühlemann.
Und wirklich, als der junge Merz sich neigte und zum ersten Mal den Fuss seines Vorgesetzten küsste, lernte er - alles. Mit einem einzigen frohen Zittern wusste er nun, was seine Bestimmung war. Zum ersten Mal erlebte er die urdemokratische Geste, sich vor einem Grösseren in den Staub zu werfen. Und sich dort frei und stolz zu winden.
Danach hatte er oft das Salz der Erde gekostet: die herben Füsse der UBS-Präsidenten und die überraschend zarten Füsschen der Schmidheiny-Familie, der er Jahre als Berater diente.
Und nun, heute in Davos, folgte der Höhepunkt seines Daseins! So viele Mächtige und Reiche, denen zu dienen lohnte...
Und wieder durchströmten ihn die tiefsten Geheimnisse der Schweiz: das Bankgeheimnis, das Steuergeheimnis. Kurz: das Mysterium, reichen Herren stumm zu dienen, das dieses Land so reich gemacht hatte. An Geld. Aber auch an Seele.
Und nun in Davos waren die Allerreichsten versammelt - und an der Spitze stand Merz’ grösster Geistesverwandter: Professor Klaus Schwab, ein durchtrainierter Deutscher, der sich mit strenger Diät fit hielt. Schwab ernährte sich ausschliesslich vom Handschweiss von Prominenten.
«Aufpassen, dass Sie ‹Putin› weder deutsch noch französisch aussprechen!», sagte ein Berater. Merz nickte. Wie im Traum verneigte er sich vor dem russischen Ministerpräsidenten. Wie im Traum hielt er seine Eröffnungsrede - von Bescheidenheit, Verantwortung und so weiter. So sehr freute er sich auf die Hinterzimmer. Dort, wo - wie die Legende ging - den Mächtigen die Füsse geküsst werden würden.
Dann endlich leitete Putin ihn in die Hinterzimmer. Die Pracht blendete Merz zuerst: Bankchefs, Politiker und autoritäre Chinesen.
Putin lächelte. «Tovaritsch Rudolf, willkommen im Klub!» Die Chinesen und Bankleute hoben das Glas: «Freiheit statt Kapitalismus!»
«Genossen», sagte Putin: «Wir Anarchisten haben einen langen Weg an die Macht hinter uns. Lange zweifelten wir: Würde es unserer Verschwörung gelingen, Wirtschaft und Staat gleichzeitig zu ruinieren? Und nun stehen wir kurz vor dem Sieg! Und neben uns steht Hans-Rudolf. Als Steueroase blutet sein Land nicht nur die anderen Staaten aus. Es ruiniert sich auch dank der Übernahme sämtlicher UBS-Zeitbomben gleich selbst! Bravo!»
«Aber ich dachte, hier geht es um Demut und Füsseküssen!», antwortete Merz zitternd.
«Seien Sie naiv, Lieber», sagte Putin. «Echte Anarchisten küssen höchstens ihre Frau.»
Das war also sein Traum: Mitglied im geheimsten Zirkel von Davos! Einen bitteren Moment dachte Merz daran, dass die Erfüllung jeden Traums ein Albtraum war. So, wie die Erfüllung des Dienens das Verdienen.
(Tages-Anzeiger)