Jarret fühlte sich gestört
Jarrett geht nach der zweiten Zugabe ab. Kommt zurück und könnte sich jetzt vom Publikum huldigen lassen. Doch er nimmt das Mikrofon – und hält eine Suada. Wo während des Konzertes schon ein Huster im Publikum dazu führen kann, dass der Pianist ein Stück abbricht, hat er beim Zürcher Auftritt nun im Dunkel des Saals das rote Lichtlein einer Digitalkamera entdeckt – und für Jarrett gibt es kein Halten mehr. Hell ausgeleuchtet ist mittlerweile der Saal, und Jarrett strengt einen Schauprozess an. Wie ein kleiner Jazz-Stalin steht er auf der Bühne: Die Person mit der Kamera solle sich unverzüglich melden, die Kamera hochhalten und «sorry» sagen. Niemand im Publikum rührt sich. Jarrett wiederholt die Aufforderung. Niemand rührt sich. «Wisst ihr, was ich tue?», wütet Jarrett jetzt, «ich werde dieses Arschloch vergessen!» Setzt sich an den Flügel und spielt eine weitere kurze Zugabe.
Konsterniertes Publikum
Wie paralysiert sitzt ein grosser Teil des Publikums da, zusätzlich frappiert auch darüber, dass manche Konzertbesucher sogar diese Tirade ihres Abgottes noch beklatschten. Nun hat man also selber live erlebt, was man vorher nur vom Hörensagen kannte: den ausrastenden Keith Jarrett. Seine Kunst adle ihn vorbehaltlos, und man müsse über seine Mätzchen hinwegsehen – so hatte man zuvor gedacht. Jetzt nicht mehr. Wer die Entgleisungen Jarretts live erlebt, sieht ihn nun anders. Was als Erzählung noch wie eine lustige Extravaganz wirken mag, ist, erlebt man es unmittelbar, nur noch schmerzlich und unerträglich.
Musikalisch grandios
Nun aber zu den musikalischen Aspekten von Jarretts Zürcher Konzert. Sagen wir es knapp: Keith Jarrett spielte hinreissend. Eine eindrückliche Intensität des Musizierens – ganz gleich, ob er verinnerlicht spielt, sich krümmt vor seiner Tastatur wie ein Komma und fast in sein Instrument hineinkriecht, dabei Passagen unglaublich sanft hintupft, oder ob er zum improvisierten Allegro barbaro ausholt, in den Tasten wühlt und die Klänge versetzt mit seinen exaltierten «Ah»- und «Oh»-Ausrufen. Besonders an Jarrett ist auch die Courage, das Schöne, ja Kitschige unzensiert auszuspielen, um Sekunden später wieder in zerklüftete Akkorde einzusteigen.
Ein bitterer Nachgemschmack
Aber ist das nach dem Konzert überhaupt noch von Belang? Jarretts Ausfälle graben sich stärker in die Erinnerung der Konzertbesucher ein als seine noch so feinsinnige Klavierpoesie. Das Publikum wird nach dem Konzert kaum über die Musik gesprochen haben. Bei einem Konzert, bei dem es im Unterschied zur CD um eine Begegnung von Künstler und Publikum geht, sollte sich auch ein böses Genie wie Jarrett nicht alles erlauben. So aber hat Keith Jarrett in Zürich den Grossteil eines ihm im Grund ergebenen Publikums verprellt.
(Tages-Anzeiger)