Die lächerliche Angst vor dem Dämon Blocher
Von Michael Hug. Aktualisiert am 13.01.2012 59 Kommentare
Michael Hug ist Chefredaktor der Berner Zeitung.
Dann geht es in der politischen Debatte nur noch um eine Frage: Für oder gegen Blocher? Über jene, die dem SVP-Politiker blind folgen, ist schon viel diskutiert worden. Viel zu wenig wird über jene gesprochen, die mit reflexartiger Abwehr auf ihn reagieren. Sie lassen sich paradoxerweise genauso von ihm leiten – einfach mit umgekehrten Vorzeichen. Und genau das ist es, was den Senior auf der politischen Bühne so übermächtig erscheinen lässt, dass man sich mitunter fragen muss, ob seinen Gegnern noch klar ist, von wem dieses Land in der Wirklichkeit regiert wird.
Die Borniertheit, mit der die Gefahr Blocher heraufbeschworen wird, nimmt allmählich beängstigende Züge an. Liegt es an der Kleinheit der Schweiz, dass ein gut betuchter Unternehmer mit einer politischen Mission und einem lockeren Verhältnis zur Wahrheit die Debatte scheinbar nach Belieben steuern kann? Mangelt es so sehr an starken Persönlichkeiten im helvetischen Politbetrieb, dass sich ein Einzelner aufführen kann, als wäre er der Dompteur in diesem Zirkus?
Tatsache ist jedenfalls, dass Christoph Blocher gerade mal einer von 200 Nationalräten sowie Vizepräsident einer Partei mit einem Wähleranteil von 26,6 Prozent ist. Das reicht, um der politischen Mehrheit in die Suppe zu spucken. Er und seine SVP haben die Kraft, ab und zu eine Vorlage zu blockieren oder eine Volksabstimmung zu gewinnen. Ansonsten ist Blochers Macht vor allem eine zugeschriebene. Er und seine Partei sind eine Minderheit. Der Rest ist lachhafte Dämonisierung. Wer bei seinem Erscheinen jedes Mal den Kopf verliert, verhält sich wie ein Pferd, das vor dem eigenen Schatten scheut.
Die Bevölkerung dieses Landes hat ein gesundes Misstrauen gegenüber der Macht. Deshalb sollte es sie stutzig machen, wenn jene, die wirklich institutionelle Macht ausüben, ständig so tun, als müssten sie sich gegen den übermächtigen Gegner Blocher zur Wehr setzen. Der Fall des gestrauchelten Notenbankers Philipp Hildebrand ist ein gutes Beispiel dafür. Erst versuchte der Bankrat der Nationalbank, die Angelegenheit mit einer knappen Mitteilung kurz vor Weihnachten unter den Teppich zu kehren. Als sich die Anzeichen verdichteten, dass das nicht klappt, kamen die Horden von PR-Beratern und Spindoctors zum Zug, die sich nur jene leisten können, die tatsächliche Macht haben. Glaubt irgendjemand, es sei Zufall gewesen, dass eine Woche später gleich zwei Sonntagszeitungen «recherchierten», dass Christoph Blocher den Chef der Nationalbank beim Bundesrat «angeschwärzt» habe? Oder dass die eine der beiden nach weiteren sieben Tagen nur jene Mail publizierte, die Hildebrand nützte?
Nur zwei Tage später wurde das Ablenkungsmanöver von der Bank Sarasin fortgesetzt, die, statt wie es üblich wäre, trocken die Entlassung des Datendiebs zu vermelden, auch noch ein Datum, die Beteiligung eines SVP-Anwalts und den Namen Blocher nannte. Kurz darauf legte Hildebrands Frau in «10vor10» mit dunklen Andeutungen über ein Komplott zur Destabilisierung der Nationalbank nach. Zwei Tage später konnte sich ihr Gatte an seiner Pressekonferenz vornehm jeder Schuldzuweisung enthalten. Die Drecksarbeit machen immer andere. Der Angeschuldigte bleibt edel. So funktioniert moderne Öffentlichkeitsarbeit. Sie inszeniert gezielt das Gute und spaltet das Böse ab. Anschaulich demonstriert bei Hildebrands Auftritt vor einer Woche: Er beteuert seine Aufrichtigkeit, der neben ihm sitzende Bankratspräsident Hansueli Raggenbass wirft den Medien anschliessend den Namen des SVP-Anwalts Hermann Lei zum Frass vor. Mittlerweile wurde Raggenbass selbst von der Bundespräsidentin zum Abschuss freigegeben. Wohlgemerkt. Die Gegenseite ist nicht zimperlich. Die «Weltwoche» schoss aus allen Rohren und mit einem Vokabular aus der unteren Schublade gegen Hildebrand. Diese Auseinandersetzung wurde auf beiden Seiten mit harten Bandagen geführt. Aber eben auf beiden, nicht bloss auf der einen.
Was aber sowohl bezüglich der Medien wie auch des Politbetriebs zu denken gibt, ist, wie bereitwillig sich alles auf die nebensächliche Frage des Wie stürzte, anstatt zuerst nach dem Was zu fragen. Natürlich kann man geteilter Meinung darüber sein, wie schwer der Fehler eines der mächtigsten Männer im Land wiegt. Dass er einen Fehler gemacht hat, bestreitet aber niemand. Unbestritten ist auch, dass sich bei Philipp Hildebrand die Kluft zwischen Schein und Sein von Tag zu Tag vergrösserte. Trotzdem waren es bis zum bitteren Ende der Geschichte nur ganz wenige Politiker und Medien, die ihren kritischen Blick auf den SNB-Chef richteten, statt vor allem «knallharte Transparenz» bei jenen zu fordern, welche die schlechte Nachricht überbracht hatten. Gegen Letzteres ist nichts einzuwenden. Aber wenn der Hass so blind macht, dass die demokratische Kontrolle der wirklich Mächtigen zu versagen droht, sollte wenigstens dies zu denken geben.
E-Mail: michael.hug@bernerzeitung.ch
Diskussion: blog.bernerzeitung.ch/leserblog (Berner Zeitung)
Erstellt: 13.01.2012, 05:35 Uhr
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59 Kommentare
Herr Hug, herzliche Gratulation zu diesem Artikel. Er lässt mich hoffen, dass es tatsächlich noch Journalisten gibt, die jenseits vom Links-Rechts-Geplänkel versuchen, einigermassen neutral auf die Sache zu schauen. Genau das passiert in unserer Medienlandschaft viel zu selten, auch wenn es mal nicht um Blocher geht... Antworten
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