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Und wieder gellt es aus der Kuckucksuhr

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 24.02.2010
Jean-Martin Büttner.

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Orson Welles löst mindestens vier Assoziationen aus, man kann fast schon von Reflexen reden. Erstens hat er «Citizen Kane» gedreht, der von Kritikern seit Jahrzehnten als unverrückbar bester Film aller Zeiten gefeiert wird. Zweitens konnte er danach nie mehr so arbeiten, wie er es wollte, dafür wurde er drittens immer dicker. Und viertens sagte er – als Schauspieler – den einen Satz über die Schweiz, der so gerne hervorgekramt wird, wenn über die Schweiz geschrieben wird: «Fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden, und was hat es gebracht? Die Kuckucksuhr.»

Mit Orson Welles und der Kuckucksuhr beginnt auch der Artikel in der aktuellen Ausgabe von «Newsweek», der die Diagnose schon im Titel verkündet: «The End of Switzerland». Den Artikel hat der britische Labour-Parlamentarier Denis MacShane geschrieben, der einmal in der Schweiz lebte und arbeitete. Zwar schränkt er gleich ein, das mit der Kuckucksuhr sei nie ganz wahr gewesen. Nicht weil die Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald stammt, wie immer wieder übersehen wird. Sondern weil die Schweiz, so schreibt MacShane, neben ihrer uhrgenauen Pünktlichkeit viel Gutes zu bieten hatte. Nämlich Toleranz und Offenheit, gelebte Neutralität, multikulturelle Harmonie, Hilfe bei internationalen Konflikten, kurz: eine ideale Basis für alle, die hier ihre Probleme lösen wollten.

Dann aber ist Schluss mit den Nettigkeiten, denn für Denis MacShane ist die Schweiz längst nicht mehr so, wie er sie haben möchte. Die Städte seien dreckig, die Züge verspätet und die Autobahnen defekt, hält er fest. Nur die Superreichen aus dem Ausland seien willkommen, alle anderen bekämen heute die von der SVP geschürte Fremdenfeindlichkeit zu spüren. Das Land sei ohne Führung – und seine Politiker seien in den alten, gemütlichen Mythen des eigenen Landes gefangen.

So geht das weiter drei Seiten lang, und wem das irgendwie bekannt vorkommt, hat irgendwie Recht: Die Schweiz kommt in der ausländischen Presse vor allem dann vor, wenn sie sich nicht so verhält, wie das Ausland es von ihr erwartet. Das war schon bei den nachrichtenlosen Vermögen so und dann wieder vor den letzten Wahlen mit den Schafsplakaten der SVP. «Europas Herz der Finsternis» titelte der britische «Independent» damals. Seither findet die internationale Presse immer neue Gründe, über das schwarze Herz Europas zu spotten, zu klagen, zu zürnen oder kursiv zu mahnen: Die Minarettabstimmung, Roman Polanskis Verhaftung, die UBS-Krise, die Libyen-Affäre und der Streit ums Bankgeheimnis sowieso.

Man kann das ungerecht finden, kleinlich, einseitig und polemisch. Und es stimmt, dass vieles nicht stimmt, was über die Schweiz behauptet wird, nicht nur das mit der Kuckucksuhr. Aber wird deswegen alles falsch gesehen?

Die SVP hat ihre Wahlgewinne tatsächlich ihrer Ausländerpolitik mit zu verdanken, das Bankgeheimnis geht tatsächlich zulasten ausländischer Staaten, der Bundesrat und vor allem sein überforderter, sich masslos überschätzender Finanzminister stehen tatsächlich nicht so gut da. Die Schweiz hat sich lange aus allen möglichen Konflikten herausgehalten und sich zugleich auf alle mögliche Arten bereichert. Und dass sie immer wieder auf ihre Klischees reduziert wird, die man ihr dann vorhält – das geht auch anderen Ländern so: das böse Amerika unter George Bush junior, das infantile Italien von Silvio Berlusconi, das rassistische Österreich zu Jörg Haiders Zeiten.

Also: zustimmen oder widersprechen, aber gelassen bleiben. Und darauf hoffen, dass den Kollegen im Ausland wenigstens lustige Schlagzeilen einfallen, wenn sie schon so wütige Texte schreiben. Wie zum Beispiel «Time», der Konkurrenz von «Newsweek» in den USA. Als bei den Zürcher Jugendunruhen die Bahnhofstrasse brannte, brachte das Magazin ein Bild davon auf der Titelseite und darunter den Satz: «Switzerland enters the Sixties.»

Wenigstens sind wir heute in der Gegenwart angekommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2010, 04:00 Uhr

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