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Showtime mit Julian Assange

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 04.12.2010 3 Kommentare

Walter Niederberger

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Wikileaks ist eine wertvolle und nötige Organisation. Dank den rund 500 Depeschen, die bisher aus dem Innern der amerikanischen Diplomatie nach aussen drangen, wissen wir deutlich mehr über die komplexen Aussenbeziehungen der USA. So können wir uns die Scharnierfunktion Saudiarabiens im Mittleren Osten besser erklären. Wir wissen um den bedenklich wackelnden Zustand Nordkoreas. Und besser als bis anhin erkennen wir, warum China die Rolle des Vermittlers nur bedingt wahrnehmen kann. Dass die afghanische Regierung bis ins Mark korrupt ist, ist eher Allgemeingut. Die Depeschen erhellen immerhin, wie stark angefault die Länder sind und mit welch unzuverlässigen Figuren sich die US-Aussenpolitik herumschlagen muss.

Was Wikileaks nicht leisten kann, ist das Einordnen dieser Fragmente und das Zusammenfügen zu einem Gesamtbild. Das tut auf der einen Seite das US-Aussenministerium und die Regierung – anderseits tun dies die Medien. Entgegen dem, was Julian Assange behauptet, fehlt Wikileaks nicht nur die Kompetenz. Es fehlt noch mehr die Vertrauensbasis, die jedes Medienunternehmen über Jahre hinweg aufbauen muss und für die es öffentlich belangt werden kann.

Wikileaks kann juristisch nicht haftbar gemacht werden, weil es extraterritorial arbeitet. Wenn eine Regierung gegen die Website vorgehen will, wie diese Woche geschehen, so kann sie dies nur über Zwangsmassnahmen. Wikileaks muss keine Gegendarstellungen einrücken und sich keiner Konkurrenz stellen. Julian Assange reagiert vielmehr äusserst gereizt, wenn ein britischer Ex-Diplomat fragt, ob er die Verantwortung übernehmen würde, sollte die Diplomatie aus Angst vor Lecks versagen und ein Konflikt eskalieren.

Informationen sind gefiltert

Doch so sicher der australische Ex-Hacker auftritt, ist er sich offenbar nicht. Diese Woche etwa schlüpfte er plötzlich in die Rolle des politischen Kommentators, als er den Rücktritt von Aussenministerin Clinton forderte. Das Vermischen von politischem Eifer und dem Betrieb einer neutralen Plattform im Dienste einer «reinen Transparenz», bringt Wikileaks in ein Dilemma.

Die Doppelfunktion zwingt Assange, immer mehr Filter zu akzeptieren, die sein Anliegen untergraben. Als Erstes wirkt der Filter jener Person, die das Material entwendet. Im Fall der diplomatischen Post und der Kriegsprotokolle ist dies wahrscheinlich der untergeordnete Nachrichtendienst-Soldat Manning. Welche Dokumente hat er heruntergeladen, und wie viele hat er an Wikileaks weitergereicht? Der zweite Filter ist Assange selber. Er sichtet die Dokumente und gibt sie bruchstückweise frei. Nach welchen Kriterien? Schliesslich der Filter der fünf vorab informierten Medienunternehmen: Wir wissen, dass der «Guardian» das Material als Erster erhielt und an die «New York Times» weiterreichte, um einem britischen Publikationsverbot zuvorzukommen. Welchen Einfluss aber hat das US-Aussenministerium bei der Auswahl der Depeschen genommen? Welche Quellen wurden gestrichen und warum? Solche Unsicherheiten erlauben es etwa Wladimir Putin, die ihn belastenden Depeschen beiseitezuschieben und zu unterstellen, möglicherweise hätten die USA Dokumente bei Wikileaks eingeschleust, um Russland zu diskreditieren.

Die grosse Ironie der Wiki-Lecks ist damit angedeutet: Sämtliche Dokumente, die eine breitere Beachtung fanden, stammen aus amerikanischen Quellen. Von jener Regierung also, die durch weitreichende Mediengesetze zu einer grösseren Transparenz verpflichtet ist als jede andere. Die USA stehen nun vor der Frage, wie weit die Information im Zeitalter des Internets noch gehen darf. Diese Aufgabe ist nicht leicht – gerade weil die Regierung Obama mehr Transparenz versprochen hat. Je verschlossener Assange selber ist, desto weniger klar ist, was genau er mit der willkürlichen Auswahl der Depeschen will. Und desto leichter macht er es den Gegnern – deren Zahl diese Woche nicht kleiner geworden ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2010, 22:27 Uhr

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3 Kommentare

Urs Brock

04.12.2010, 08:12 Uhr
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Was mir seit Wikileaks aufgefallen ist, ist das die traditionellen Medien ein Problem mit dem Konzept Wikileaks haben. Angriff statt Verteidgung. Eher selten wird offensiv das Material das Wikileaks zur Verfügung stellt im Sinne der Rechte von Zivilgesellschaften aufgenommen. Argumente die Wikileaks ein Rechtsdefizit zuordnen, dabei aber verdrängen was Freiheit eben auch noch bedeuten kann. Antworten


Sim Merki

04.12.2010, 09:37 Uhr
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Der Mensch wünscht sich seit je eine "unfehlbare", "göttliche" Stelle. Die gibt es nicht. Wikileaks ist ein Pionier. Wie sie es auch machen, wird es "nicht" optimal oder "falsch" sein. Leider gibt es noch keine Literatur zur Betreibung einer supernationalen Leaks Plattform mit "best-practices" etc. Menschen stolpern über die eigenen Füsse, auch mit 30 Jahen Lebenserfahrung. Antworten



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