Lob auf den Stadt-Land-Graben
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 16.02.2011 7 Kommentare
Patrick Feuz
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Nach dem Nein zur Waffenschutz-Initiative klagen Städter über die Hinterwäldler-Schweiz. Beim Mittagessen im Vegi-Restaurant kommt bei Kichererbsensalat und Latte macchiato der Abstimmungsfrust hoch: Es sei sinnlos, überhaupt noch mitzubestimmen, denn die Phalanx der konservativen Landgebiete dränge die aufgeschlossenen Städte doch immer in die Minderheit. Und beim Abendbier in der gestylten Bar wird gejammert, wie unerträglich es sei, dass noch so viele Schweizer alten Mythen nachhängen würden.
Sachlich ist das Nein zu mehr Schutz vor Waffen schwer nachvollziehbar – und trotzdem ist es heilsam. Gerade die gereizte Reaktion der Verlierer zeigt: Viele Städter sind sich nicht mehr bewusst, dass die Schweiz jenseits der Stadtgrenze oft anders tickt als die rot-grüne Welt der Kernstadtbewohner. Das Nein lenkt den Blick auf Agglomerationsgemeinden, wo jene leben, die sich die Mieten in der Stadt nicht leisten können: Arbeiter und immer häufiger auch Mittelstandsfamilien. Sie haben andere Sorgen und traditionellere Werte als das linksliberale, überdurchschnittlich gut gebildete Wohlstandsmilieu in den Städten.
Es gibt Gegenbeispiele, die Agglomeration ist vielfältig. Aber ein grosser Teil der stadtnahen Gemeinden stimmt ab wie die Bevölkerung weit hinten im Emmental oder im Zürcher Weinland.
Viele Vorstadtgemeinden sind längst nicht mehr ländlich. Der alte Dorfkern ist verschwunden oder nur noch klägliches Überbleibsel in einem künstlich angelegten Zentrum, wo Migros oder Coop das Hauptereignis sind. Doch da und dort steht noch ein Bauernhaus, ein Wald oder eine Kuh. In einigen verstädterten Vororten fühlen sich die Bewohner auf dem Land – und viele von ihnen sehnen sich nach einer bäuerlichen Schweiz, die einfach und überblickbar ist.
Der zerknautschte Lampion
Das Anti-Waffenschutz-Plakat mit dem zerknautschten 1.-August-Lampion hat in diesem Teil der Schweiz verfangen. Statt darüber zu spotten, sollten die Politiker zur Kenntnis nehmen, wie wichtig Symbole für viele Schweizer heute wieder sind. Schweizerische Symbole und traditionelle Werte zu pflegen muss nicht zwingend zu Abwehr und Isolationismus führen.
Ein Mentalitätsgraben öffnet sich, ein Identitäts- und Befindlichkeitsgraben auch. Das ist etwas anderes als die Karikatur, die Städter von angeblich ewiggestrigen Nichtstädtern zeichnen. Sind wirtschaftliche Interessen im Spiel, sind genügend Bewohner der Agglomeration auf der Linie der Städte – sonst wäre die Personenfreizügigkeit nicht angenommen worden. Die Bevölkerung ausserhalb der Städte ist auch nicht verbohrt – sonst hätte es keine Mehrheiten gegeben für die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch, die Homosexuellen-Partnerschaft und den UNO-Beitritt.
In mehreren Kantonen haben Persönlichkeiten vom Land die liberalen Revolutionen angezettelt, die zum Bundesstaat führten. Vielerorts traten sie gegen verkrustete Machtverhältnisse in Städten an. Heute hingegen verstehen sich die rot-grün dominierten Städte als Speerspitze des gesellschaftlichen und politischen Fortschritts – und die im modernen Siedlungsbrei aufgegangenen Landgemeinden gelten als die Bremser. Die moderne Schweiz war so erfolgreich, weil sie stets den Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen, Konfessionen und Mentalitäten gesucht hat. Nicht zuletzt das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land hat sie weitergebracht. Deshalb ist der Stadt-Land-Konflikt auch in seiner heutigen Form ein Glück für das Land.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.02.2011, 21:34 Uhr
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7 Kommentare
In der gedruckten Fassung des Artikels hiess es: «Das Gejammer der Städter über das ländliche Nein zur Waffenschutz-Initiative ist entlarvend.» Ich finde den Kommentar von Patrick Feuz entlarvend. Er zeigt, wie der heutige Skandalisierungsjournalismus, der den Stil von der SVP erlernt hat, einen Graben zu konstruieren versucht, um die eine Seite zu diskreditieren. Sind etwa Romands auch Jammeris? Antworten
Mittagessen im Vegi-Restaurant mit Latte Macchiato, Abendbier in der gestylten Bar, Wohlstandsmilieu: Schon der Einstieg in den Artikel verheisst nichts Gutes. Danach wirds richtig naiv: Wenn wir uns alle lieb haben und daran erinnern, dass früher alles besser war, kann der Fortschritt wieder einkehren. Kleiner Trost gemäss Autor: Wenns um die Kohle geht, wird das Land fortschrittlich. Antworten
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