Latein ist stumme, harte Arbeit

Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 15.01.2010

«Es war eine Qual. Sechseinhalb Jahre lang mühte ich mich mit der versunkenen Weltsprache ab.»

Stefan von Bergen

Stefan von Bergen

Es war eine Qual. Sechseinhalb Jahre lang mühte ich mich mit der versunkenen Weltsprache ab. Für eine Matura des literarischen Typus kam man damals um Latein nicht herum. Latein war schwierig, eine abschreckende Selektionshürde. Das Latein und ich, wir liebten uns nicht. Ich kämpfte mich durch seine logisch aufgebaute, aber mit zahllosen Sonderformen gespickte Grammatik und kam dieser Sprache doch nicht näher.

Zweifellos: Die im Latein verborgene Welt und Kultur des Römerreichs sind grandios. Ich fragte mich allerdings, ob sich ein gewöhnlicher Römer auf der Strasse wirklich in dieser kunstvollen Sprache ausdrücken konnte. Latein kam mir nicht wie eine Sprache vor, in der ich jemanden sprechen, lieben, fluchen, denken, fühlen hörte. Man konnte auch nicht zu den alten Römern in die Ferien reisen und ihre Sprache spielerisch im Dialog erlernen. Latein blieb stumme, monologische Arbeit.

Fans sagen: Latein sei wie Mathematik, glasklar strukturiert, gleissend logisch. Also mit logischem Denken auch messerscharf zu übersetzen. Ich erwidere: Latein ist mehr Mathematik als Sprache, mehr Konstruktion als lebendiges Ausdrucksmittel.

Latein liest man nicht, man entschlüsselt es. Im Schneckentempo und bewaffnet mit dem Wörterbuch kämpfte ich mich durch die sprachlichen Kunstbauten Vergils und schaffte es doch nicht, seine Gedanken in mein Deutsch zu übertragen. Lateinübersetzen war Fischen im Trüben, im geheimnisvollen Ozean der verlorenen Antike.

Zugegeben: Dank dem Latein begriff ich, wie eine Sprache konstruiert ist, und ich verstehe viele Fremdwörter. Und das Erlernen einer vom Latein abstammenden heutigen Sprache dürfte mir leichter fallen. Dürfte. Denn die Energie, die ich ins Latein investiert hatte, die fehlte mir später zum Erlernen einer lebenden Fremdsprache. Diese Energie war verpufft im geheimnisvollen Ozean der Antike. Nur mein Englisch ist passabel. Und das ist übrigens gar keine lateinische Sprache. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.01.2010, 08:56 Uhr

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