Konsumenten sollen beim Buchpreis mitreden können

Von Bernhard Kislig. Aktualisiert am 03.12.2009

«Seit Jahren herrscht in der Deutschschweiz auch bei Büchern der freie Markt – die von Gegnern geäusserten Befürchtungen sind bisher nicht eingetroffen.»

Bernhard Kislig

Bernhard Kislig

Sollen die Preise von Büchern im freien Markt festgelegt werden? Oder sollen Verlage und Importeure selber bestimmen, welchen Preis Konsumenten bezahlen müssen? Im ersten Fall hängt der Preis wie bei den meisten anderen Produkten von Angebot und Nachfrage ab – hier haben die Konsumenten einen massgeblichen Einfluss. Der zweite Fall wäre rein nach der Wirtschaftslehre beurteilt ein Unsinn, weil Verlage und Importeure so die Möglichkeit haben, zum Nachteil der Konsumenten höhere Preise zu verlangen. Wenig Menschenkenntnis ist nötig, um zu erahnen, dass die Versuchung dazu gross wäre. Bei der zweiten Kategorie geht es um die Buchpreisbindung, welche die Schweiz auf Druck der Wettbewerbskommission vor rund zwei Jahren aufgehoben hat.

Gestern desavouierte der Ständerat seine vorberatende Kommission und beschloss mit 23 zu 15 Stimmen recht deutlich, die Rückkehr zur Buchpreisbindung zu prüfen. Dies zeigt, dass es einer Mehrheit der kleinen Kammer mit diesem Schritt ernst ist. Weil der Nationalrat sich bereits für eine Preisbindung ausgesprochen hat, wird es schwierig sein, eine solche Gesetzesvorlage noch zu stoppen.

Dabei gäbe es nach den bisherigen Praxiserfahrungen dafür eigentlich gar keinen Anlass. Seit zwei Jahren herrscht in der Deutschschweiz auch bei Büchern der freie Markt – die von Gegnern geäusserten Befürchtungen sind bisher nicht eingetroffen. Dies belegt sogar eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Demnach wurden die Listenpreise der Verlage mit wenigen Ausnahmen weiterhin eingehalten. Nur einzelne Discounter wie Ex Libris senkten die Preise teilweise deutlich. Der einzige Vorbehalt der Studienautoren: Möglicherweise war die Zeit zu kurz, um schon fundierte Aussagen über die längerfristige Entwicklung machen zu können. Dies sollte allerdings kein Grund sein, jetzt schon wieder zur Preisbindung zurückzukehren.

Weitgehend ausgeblieben sind unter anderem die befürchteten Ladenschliessungen. Der Schweizerische Buchhändler und Verlegerverband (SBVV) machte dieses Jahr die Zahl von zehn Buchhandlungen publik, die in den vergangenen zwei Jahren ihren Betrieb einstellen mussten – davon sei aber in mindestens sieben Fällen das härtere Wettbewerbsumfeld der Grund für die Aufgabe gewesen. Das nährt den Verdacht, dass die Buchpreisbindung insgeheim als Vehikel dienen soll, um die veraltete Struktur einer Branche aufrechtzuerhalten. Zu Recht reklamierte gestern der Verband Swiss Retail Federation, der die Interessen von grossen und mittleren Detailhandelsunternehmen vertritt. Das Lädelisterben breitet sich längst nicht nur im Buchhandel aus, der Konzentrationsprozess findet vielmehr im gesamten Detailhandel statt. Für andere Branchen ist es aus gutem Grund kaum nachvollziehbar, weshalb diese Entwicklung nur im Buchhandel mit Preisvorgaben unterbunden werden soll.

Es ist sogar umstritten, in welchem Umfang die Schweizer Wirtschaft von einer Buchpreisbindung profitieren würde: Gegen 90 Prozent aller deutschsprachigen Bücher stammen von ausländischen Verlagen. Gemäss der vom Nationalrat vorbereiteten Gesetzesvorlage soll der Schweizer Preis eines Buches bis zu 20 Prozent über dem Verkaufspreis des Herkunftslandes liegen. Begründet wird dies mit dem höheren schweizerischen Preisniveau (Löhne, Mieten etc.). Es ist denkbar, dass ein Teil dieses Aufpreises ins Ausland fliesst. Davon geht zumindest Wirtschaftsministerin Doris Leuthard aus. In der Ratsdebatte sagte sie, nicht der Buchhändler in Sursee oder anderswo profitiere von diesem Aufpreis, sondern das Ausland. Zudem laufen solche Vorschriften auch den politischen Bestrebungen zur Beseitigung der Hochpreisinsel Schweiz zuwider. Ist es wirklich nötig, festzulegen, dass Schweizer Konsumenten für das gleiche Produkt mehr zahlen müssen als Konsumenten im Nachbarland?

Eine gewisse Sensibilität beim gesetzgeberischen Umgang mit dem Buchmarkt ist durchaus nötig und nachvollziehbar. Denn wie in Debatten um die Preisbindung immer wieder betont wird, handelt es sich beim Buch um ein Kulturgut. Steht im freien Markt die hochstehende Literatur tatsächlich auf verlorenem Posten, weil sie mangels Nachfrage zu viel höheren Preisen angeboten werden muss? Die durch die Preisbindung ermöglichte Quersubventionierung würde aufgehoben, kritisieren Gegner. Mit der Buchpreisbindung entscheiden Verlage und Importeure, welche Bücher quersubventioniert werden sollen – eine gewisse Willkür lässt sich hier nicht ausschliessen. Im freien Markt entscheiden letztlich Konsumenten. Experten aus dem Buchhandel bestätigen, dass die meisten Leser Bücher unterschiedlicher Gattungen kaufen. Solange das Angebot an Büchern nicht einseitig eingeschränkt wird, sollen sie diese Verantwortung weiterhin wahrnehmen können.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.12.2009, 11:38 Uhr

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