Hohe Prämien ohne Nutzen: Ein Lehrstück

Von Urs P. Gasche. Aktualisiert am 13.05.2009 9 Kommentare
Urs P. Gasche, früher Leiter der TV-Sendung «Kassensturz», ist freier Publizist, spezialisiert auf Gesundheitsfragen.

Urs P. Gasche, früher Leiter der TV-Sendung «Kassensturz», ist freier Publizist, spezialisiert auf Gesundheitsfragen.

Je mehr Spezialärzte und je mehr Spitalbetten, desto intensiver sind die Behandlungen und grösser die Rechnungen. Ein Nutzen für die Patienten ist nicht nachgewiesen. Sie tragen aber die Risiken.

Die Gesundheit eines Waadtländers kostete die soziale Grundversicherung 2008 35 Prozent mehr als die Gesundheit eines St. Gallers. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl gibt es gemäss FMH-Statistik im Kanton Waadt 22 Prozent mehr Grundversorger und sogar 68 Prozent mehr Spezialärzte in eigenen Praxen. «Die Spezialarzt-Dichte erhöht die Kosten signifikant», heisst es in einer Analyse des Gesundheitsobservatoriums von 2008. Der Praxisbesuch eines Waadtländers kostet die Grundversicherung im Durchschnitt 60 Prozent mehr als der Praxisbesuch eines St. Gallers. Nicht inbegriffen sind die Kosten für Medikamente, die Praxisärzte verschreiben: Sie sind in der Waadt pro Einwohner 40 Prozent höher als in St. Gallen.

Die Ärzte in der Waadt sind nicht nur zahlreicher, sie verdienen auch mehr: Für exakt gleiche Leistungen dürfen sie 18 Prozent höhere Tarife kassieren als ihre St. Galler Kollegen. Zu rechtfertigen ist dies weder mit Lebenshaltungskosten noch mit einem andern vernünftigen Argument.

Waadt: Mehr Oberschenkel-OPs

Wegen der hohen Dichte an Spezialärzten haben die teuren, «teilstationären» Behandlungen in Waadtländer Spitälern stärker zugenommen als anderswo. Sie kosten die Kassen pro Kopf der Bevölkerung 70 Prozent mehr als in St. Gallen. Eigentlich müssten die ambulanten Behandlungen in Arztpraxen weniger zu Buche schlagen. Doch auch für diese zahlen die Kassen in der Waadt 30 Prozent mehr.

Höhere Kosten heisst intensivere Behandlungen. Die Waadtländer müssen sich viel häufiger diagnostischen und therapeutischen Eingriffen unterziehen. Medizinisch kann dies niemand begründen. Laut den vorhandenen Daten werden der Waadtländer Bevölkerung die Oberschenkel 70 Prozent öfter operiert als der St. Galler, die Gallenblasen 20 Prozent häufiger. Die mit Risiken verbundenen Untersuchungen mit dem Herzkatheter machen Waadtländer Ärzte 80 Prozent häufiger. Trotzdem sterben die Waadtländer nicht seltener an Herzleiden.

Trotz dieser Zahlen hält Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard einen Vergleich mit St. Gallen für unfair, weil die Waadt ein Universitätsspital betreibt. Das ist für den Kanton zwar teurer, aber nicht für die Grundversicherung. Die Kosten für Forschung, Lehre und Ausbildung, die laut Preisüberwacher etwa ein Viertel der Kosten eines Uni-Spitals ausmachen, darf der Kanton der Grundversicherung nämlich nicht belasten. Viele Patienten aus Nachbarkantonen kämen für komplexe Behandlungen nach Lausanne, sagt Maillard. Doch ein Walliser, der sich in Lausanne operieren lässt, belastet die Walliser Kassen. Was die grosse Spezialarzt-Dichte betrifft, so bedauert Maillard, dass die Kantone keine Kompetenz hätten, Praxen zu schliessen.

Sollen die Grundversicherungs-Kosten in St. Gallen und anderen Kantonen nicht auf das Niveau der Waadt oder auf das noch höhere der Stadtkantone Basel und Genf steigen, drängen sich zwei Massnahmenpakete auf:

Erstens: Hausarzt-Gruppenpraxen sind zu fördern, zum Beispiel mit kleineren Selbstbehalten für Versicherte, welche ein Hausarztmodell wählen. Gleichzeitig sind Grundversorger besser zu honorieren, und zwar zulasten der Spezialisten. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder Europas, in denen Grundversicherte direkten Zugang zu einem Chirurgen, Orthopäden oder Psychiater haben. Spezialisten überarzten häufiger.

Zweitens: Ärzte und Spitäler, die intensiver behandeln und häufiger operieren, sollen den medizinischen Nutzen beweisen müssen. In St. Gallen erklären Behörden, ärztliche Fachgesellschaften und Patientenvertreterinnen übereinstimmend, dass die Bevölkerung nicht unterversorgt sei, geschweige, dass man ihnen nützliche Behandlungen oder Medikamente vorenthalte. Demzufolge sind die Waadtländer unnötigen Untersuchungen, Medikamenten und Operationen und damit unnötigen Risiken ausgesetzt. Sie laufen Gefahr, für viel höhere Prämien keinen Nutzen, sondern nur zusätzliche Risiken zu kaufen.

Behandlungsresultate messen

Ob dies zutrifft, könnte nur ein Vergleich der Behandlungsergebnisse aufdecken. Trotz Kompetenzen hat der Bundesrat nicht dafür gesorgt, dass vergleichbare Daten erhoben werden.

Professorin Elizabeth Teisberg von der Virginia University, die das Schweizer Gesundheitssystem analysiert hat, fordert schon lange, dass man Nutzen und Schaden medizinischer Leistungen wo immer möglich misst. Dies sei der sicherste Weg, um Überbehandlungen zu vermeiden.

Solange man Behandlungsergebnisse nicht vergleicht, können Ärzte, Spitäler, Medizinal- und Pharmaindustrie ihr Angebot fast beliebig bestimmen und ausweiten. Höhere Kosten und Prämien sind aber nur gerechtfertigt, wenn Patientinnen und Patienten rascher gesund werden, weniger Komplikationen erleiden oder mit chronischen Leiden besser leben können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2009, 08:54 Uhr

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9 Kommentare

Bernhard Angermeister

26.05.2009, 12:00 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Papperlapapp. Ein hoher Selbstbehalt löst solche Giga-Probleme nicht und wirkt nur wie ein Couchepin-Schnellpflaster. Die Leute schieben den Arztbesuch einfach auf und nachher ist das Problem dafür umso grösser und dementsprechend teurer. Das Problem in unserem System ist eigentlich offensichtlich: Zuviele Ärzte, Zuviel Pharma-Einmischung und Politiker, die sich die Finger nicht verbrennen wollen. Antworten


Max Blank

13.05.2009, 09:47 Uhr
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Eine GL, die nicht auf möglichst hohen Profit und Umsatz orientiert handelt, dürfte es kaum geben. Dass das Gesundheitswesen politisch noch nicht als Sozialeinrichtung verstanden wird, ist eigentlich das Problem. Da hilft auch kein Marketing, das bisher geschickt den Patienten als Urheber identifiziert, wohlwissend, dass die Massen einfach die sog. Erhebungsresultate ohnmächtig hinnehmen müssen. Antworten



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