General Guisan würde sich wundern
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 05.08.2009 1 Kommentar
Das Schweizer Fernsehen kann mit seiner Weltkriegs-Show zufrieden sein: Das «Leben im Réduit», inszeniert nach Regeln von Doku-Soaps à la «Big Brother», erzielt traumhafte Einschaltquoten. Ein Albtraum ist das Alpenfestungstheater indes für Historiker, sie befürchten eine verheerende Wirkung auf das Publikum. Tatsächlich flammt in der Öffentlichkeit der in Fachkreisen überwunden geglaubte Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des Réduit-Mythos wieder auf. Leserbriefschreiber behaupteten felsenfest, die Schweiz habe den Zweiten Weltkrieg vor allem dank der Armee heil überstanden. Andere erklären ebenso stur das Gegenteil: Die Schweiz sei in erster Linie dank weitgehender wirtschaftlicher Kollaboration mit Nazi-Deutschland davongekommen, also dank Waffenlieferungen, Krediten, Devisen und freiem Alpentransit. Plumpes Entweder-oder-Denken feiert fröhliche Urständ.
Abschreckende Wirkung
General Guisan, die Symbolfigur des schweizerischen Unabhängigkeitswillens, würde sich darüber wundern. Für ihn war die Armee nie die ausschliessliche Retterin der Schweiz. Im März 1946 erklärte der General in seinem Schlussbericht, es sei darum gegangen, ein genügend starkes Hindernis zu bilden, «um neben den politischen und wirtschaftlichen Argumenten auch den Einfluss des militärischen Arguments zu bringen, dadurch jegliche Angriffsabsicht zu schwächen und dem Lande eine möglichst grosse Sicherheit zu garantieren.» Ähnlich dürfte eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung im Krieg und unmittelbar danach die Rolle der Armee eingestuft haben: als Faktor neben anderen.
Man wusste um den engen Spielraum in der Kriegszeit. Nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich im Juni 1940 war die Schweiz von Achsenmächten umgeben, sie hatte keine andere Wahl, als wirtschaftlich auf Deutschland und seine Verbündeten zu setzen und sich gefällig zu zeigen: Das kleine Land brauchte Lebensmittel, Rohstoffe und Exportmöglichkeiten für seine Industrie. Der Historiker Georg Kreis hat den schweizerischen Überlebensmix treffend skizziert: «eine gewisse auch ohne Annexion gegebene Nützlichkeit (Transit, Industrieproduktion, Finanzdienste etc.), aber auch einen gewissen Eintrittspreis (bewaffneter Kampf sowie Zerstörung von Verkehrswegen und Produktionsstätten)».
Symbol für eisernen Wehrwillen
Geschäfte mit dem Feind zu machen, der Millionen von Menschenleben auf dem Gewissen hat, ist keine Heldentat und stärkt das nationale Selbstbewusstsein nicht. Darum blendete die offizielle Schweiz diese Seite der Geschichte nach dem Weltkrieg aus. Im Gedächtnis der Bevölkerung wurde das «Réduit national» immer bedeutungsvoller als Symbol für einen eisernen Wehrwillen, der das Land vor Hitlers Angriff bewahrt haben soll; im Kalten Krieg liess sich damit die Abwehrbereitschaft gegen die Kommunisten stärken.
Wenn der Réduit-Mythos bis heute Verteidiger findet, sind daran ironischerweise auch seine hitzigsten Kritiker schuld. Schon in den 80er-Jahren bemühten sich Historiker und Publizisten, die wirtschaftlichen Verstrickungen der Schweiz mit Nazi-Deutschland ins kollektive Bewusstsein zu bringen. In diesem verdienstvollen Bestreben gewichteten aber einige die abschreckende Wirkung der Armee zu leicht. Auf der Gegenseite fühlten sich viele angegriffen und blieben im mentalen Bunker. Das erschwerte es, eine angemessene Erinnerungskultur zu finden.
Zu Beginn des Krieges und wohl auch in den letzten beiden Kriegsjahren wäre die Gefahr einer Besetzung ohne Armee höher gewesen. Im Juli 1940, als Guisan den Rückzug der Armee in die Alpen beschloss, hielten General und Bundesrat einen militärischen Angriff zwar für unwahrscheinlich: Eine wirtschaftlich kooperierende Schweiz diente den Deutschen in dieser Phase mehr. Aber wegen Hitlers Unberechenbarkeit konnte eine Besetzung nicht völlig ausgeschlossen werden. Die mit dem Réduit verbundene Drohung, im Angriffsfall die Alpentransversalen zu sprengen, baute auf Abschreckung – in Berlin ärgerte man sich darüber.
Zählebig geblieben ist der RéduitMythos auch, weil er sich im politischen Tagesgeschäft leicht instrumentalisieren lässt. Das Militärdepartement organisierte 1989 zum Gedenken an den Kriegsausbruch die «Diamantfeiern» und zapfte den Réduit-Geist an, um Stimmung gegen die Armeeabschaffungs-Initiative zu machen. Die Armeeabschaffer ihrerseits wollten mit ihrer Kritik an diesem Mythos die Nutzlosigkeit der Armee demonstrieren.
Die Réduit-Sendung hat einen alten Streit neu entfacht. Der Streit wird aber immer leiser. Selbst als der Bergier-Bericht 2002 zeigte, dass die wirtschaftliche Kooperation mit Nazi-Deutschland in manchen Fällen reinem Gewinnstreben und nicht dem Überleben diente, waren die Reaktionen relativ lau. Wahrscheinlich beurteilen immer mehr Schweizerinnen und Schweizer die Rolle der Armee im Zweiten Weltkrieg so nüchtern wie Guisan schon nach Kriegsende. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.08.2009, 08:53 Uhr
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