Meinung
Europäische Freundschaft
Von Iwan Städler. Aktualisiert am 23.02.2010 9 Kommentare
Iwan Städler.
Was hat die Schweiz in den letzten Monaten nicht alles über sich ergehen lassen müssen. Als Komplizin von Steuerhinterziehern wurde sie gescholten. Als von Geldgier getriebener Hinterwäldler-Staat. Nicht einmal vor Hehlerei mit gestohlenen Schweizer Bankdaten schreckten unsere Nachbarn zurück.
Und jetzt dies: Diplomatische Vertreter aus verschiedenen EU-Staaten eilen in die Schweizer Botschaft in Tripolis, um zu verhindern, dass diese von den Libyern gestürmt wird. Exakt damit hatten nämlich Ghadhafis Leute gedroht, nachdem die Verhandlungen am Wochenende nicht zum von ihnen erhofften Ziel geführt haben. Selbst Silvio Berlusconi hat offenbar versucht, den libyschen Diktator zu besänftigen.
Wahre Freunde erkennt man eben in der Not, ist man versucht zu sagen. Wohl wissend, dass Freundschaft zwischen Staaten stets auch mit Eigeninteressen verbunden ist. Die anderen EU-Länder wissen nur zu gut, dass sie schon bald in derselben Situation stecken könnten wie jetzt die Schweiz. Ghadhafi nimmt ja nicht zum ersten Mal Geiseln. Das einzige Berechenbare an ihm ist, dass er unberechenbar ist.
Der europäische Schulterschluss erklärt sich aber auch dadurch, dass die Schweiz in den letzten Monaten geschickt agiert hat. Nach dem Debakel mit Hans-Rudolf Merz' Bücklingspolitik hat der Bundesrat seine Strategie geändert und Schengen-Visa an die libysche Oberschicht blockiert. Das wirkt. Vor allem seit Libyen im Gegenzug keine Visa an Europäer mehr erteilen will. Seither sind die EU-Staaten mitbetroffen und engagieren sich entsprechend für das Nicht-EU-Land Schweiz, das zum Glück Schengen-Mitglied ist.
Macht ganz Europa Druck, bewegt sich selbst in Libyen etwas. Das war schon bei den bulgarischen Krankenschwestern so. Und gestern konnte auch die Schweiz einen ersten Erfolg verbuchen: Nach 583 Tagen in Geiselhaft erhielt Rachid Hamdani sein Ausreisevisum und soll nun nach Hause zurückkehren können. Für Max Göldi dauert der Albtraum dagegen an – nun gar wieder in einem libyschen Gefängnis. Europa darf daher nicht lockerlassen, bis Ghadhafi auch seine zweite Geisel freilässt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.02.2010, 04:00 Uhr
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9 Kommentare
Schade, dass es immer noch Kolumnisten und Kommentareschreiber gibt, die sehr naiv und ideologisch über die Politiker schreiben und nur das gute in ihnen und ihren Taten sehen. wann erwachen sie endlich? kein Politiker tut irgend etwas wo er nicht für sich etwas herausholen kann, egal in welchem Land. wen einer einem helfen tut, dann nur mit der Absicht Profit daraus zu erziehlen. Wie ist egal. Antworten
Erst als die Schweiz endlich eine Gangart einschaltete, welche auch die EU Staaten mit ins Boot nahm, erst da und nur dann haben sich die "befreundeten" Staaten eingeschaltet. Dies zeugt vom Eigennutz, welcher jedes Land - übrigens völlig legitim - für sich beansprucht. Das hat nichts mit Rosinenpickerei zu tun. Antworten
Nachdem sich Herr Merz schon bei Gaddafi entschuldigt hat , wurde die Schweiz nur noch vorgeführt. Mit einem Diktator zu verhandeln hat zwar selten Aussicht auf Erfolg, doch jetzt sollen es auf einmal wieder die viel beschimpften europäischen Nachbarn richten. Warum eigentlich ? Die Schweiz will nirgends dabei sein (was ihr gutes Recht ist), als kann sie auch keine Solidarität der EU erwarten. Antworten
Die CH hat Verträge und ist in Organisationen Mitglied die ausreichen sollten Hilfestellung zu erhalten. Dazu muss man nicht auch noch Mitglied einer maroden EU sein. Im übrigen würde ich mich nicht freiwillig in Haft begeben wenn ich mir keiner Schuld bewusst wäre. Ich bin absolut kein Fan von Staaten wie Libyen aber ein offizielles Statement zu diesem Fall fehlt mir ebenso. Antworten
Der Kommentor sieht die Schweiz bei deren kriminalitätsfördender Gesetzgebung immer noch als Opfer und nicht als Täter. Damit bestätigt sich die bekannte Erkenntnis mal wieder, dass Einsicht in der Schweiz nicht zu finden ist. Und dass der Ruf aus einem Land kommt, welches die EU von Grund auf hasst, dass "Europa daher nicht locker lassen darf", das ist blanker Hohn. Antworten
Die EU-Staaten haben wirtschaftliche Interessen in Libyen, wie übrigens auch die Schweiz! Die Geisel-Affäre zeigt aber auch exemplarisch, dass eine isolierte und abgeschottete Schweiz viel schlechtere Karten hätte! Die Schweiz gehört zu Europa und muss sich einbringen, sonst droht der endgültige Bedeutungsverlust und damit der Abstieg in die Provinzliga! Ich hoffe, Herr Göldi kommt bald frei! Antworten
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Hans Bär
Die Alternative wäre ja der Austritt aus Schengen gewesen. Das wäre für die EU das grössere Problem gewesen, alle die heute leerstehenden Zollhäuschen rund um die Grenze wieder mit Personal zu besetzen. Die Schweizer Zollhäuschen waren und sind weiterhin wegen dem Warenverkehr besetzt. So jedenfalls ist die Situation im St. Gallen Rheintal. Antworten