Es bleibt dabei: «Doppelpunkt»
Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 06.05.2009 1 Kommentar
Christoph Aebischer.
Wer erinnert sich noch an den 25.März 2008? Damals stellte die von Stadtpräsident Alexander Tschäppät präsidierte Jury der Öffentlichkeit das Siegerprojekt für das ehemalige Progymnasium vor. Es herrschte eitel Freude. Nicht Kommerz, sondern eine Mischnutzung von Gesundheit, Bildung und Kultur machte das Rennen. Das zentral gelegene Gebäude und der Hof sollten öffentlich zugänglich sein. «Doppelpunkt» habe eine urbane Antwort geliefert auf die Fragestellungen im Wettbewerb, selbst Vertreter unterlegener Projekte lobten das Konzept. Wermutstropfen damals: Die Mischnutzung lässt den Rubel nicht wie von der Stadt erhofft rollen. Die Jury entschied sich gegen eine maximale Abschöpfung und für eine stadtverträgliche Lösung.
Der niedrige Vergabepreis von 2,4 Millionen Franken bei tiefem Baurechtszins von jährlich 320000 Franken erwies sich als Bumerang. Die von den Wettbewerbsbedingungen abgeschreckten Mieter des heutigen Kulturzentrums Progr sahen, dass die Trauben nicht so hoch hingen, wie ihnen die Stadt weisgemacht hatte. Der Stadtrat warf Wettbewerbsprinzipien über Bord und räumte den Künstlern nachträglich eine Chance ein. So kam es zur heutigen Situation: Die Stimmbevölkerung hat zwei Projekte zur Auswahl. Das rechtliche Nachspiel zur Aushebelung des Verfahrens ist bestens bekannt und sei hier nur gestreift: Wer einen Wettbewerb gewinnt, muss das Okay des Souveräns natürlich abwarten, bevor er loslegen darf. Hingegen ist nicht vorgesehen, dass nach Zielschluss Konkurrenten hinzukommen. Dass dies trotzdem geschah, stellt der Berner Politik ein schlechtes Zeugnis aus. Die Glaubwürdigkeit der Stadt leidet. Ob der Volksentscheid vom 17.Mai wirklich gültig ist, werden nun Juristen entscheiden.
Zurück zum 25.März 2008: Was heute als Spekulationsgeschäft, als Zürcher Kommerz und als unnötig ausgebuht wird, wurde komplett anders wahrgenommen. «Doppelpunkt» erhielt Applaus als Wurf von Berner Planern und als Mehrwert für die Stadt. Die Nutzung passt ins ehemalige Schulhaus: Die benachbarte Berner Privatschule NMS bildet Lehrkräfte aus, Patientinnen und Patienten erhalten ein zentral gelegenes Gesundheitszentrum von Spitalnetz Bern, der Krankenkasse Swica und Physio 5. Im Hof, im Restaurant in der ehemaligen Turnhalle sowie in der Aula findet weiterhin Kultur statt. Möglich ist zwar durchaus, dass die Zürcher Investorin Allreal das Gebäude nach erfolgter Sanierung Gewinn bringend veräussert. Das bestreitet niemand. Offen ist auch, ob das Gesundheitszentrum, statt die Grundversorgung zu verbessern, die Blase teurer Spezialitätenmedizin vergrössert. Welche Art von Kultur stattfindet, wird sich ebenfalls erst zeigen. Insbesondere nach Bekanntwerden der Alles-oder-nichts-Strategie der heutigen Betreiber.
Zur Bank oder zum Hotel wird der Progr aber nicht mutieren. Über den Baurechtsvertrag gibt weiterhin die Stadt die Regeln vor. Fest steht vor allem, dass ins vernachlässigte Haus fast 25 Millionen Franken investiert werden. Die Sanierung ist denkmalpflegerisch abgesegnet. Die Stadt erreicht ihr Ziel: Das historische Gebäude wird verkauft und ohne öffentliches Geld sorgfältig saniert. Der ehemalige Pausenplatz wird zur frei zugänglichen, öffentlichen Anlage. Die Unsicherheit beim Künstlerprojekt ist grösser. Das gesammelte Geld beruht zu einem grossen Teil auf juristisch nicht bindenden Absichtserklärungen und einer Bankhypothek. Ob die mittlerweile 12 Millionen auf die Länge reichen, bezweifelt die städtische Liegenschaftsverwaltung, der das Gebäude gehört. Das spitz berechnete Budget erträgt keine unvorhergesehenen Schäden. Fällt das Gebäude infolge Insolvenz an die Stadt zurück, wird die Stadt die Hypothek übernehmen müssen. Dann erbt sie Schulden, die höher als der Verkaufspreis sein werden.
Damit sei nichts gegen die heutige Zwischennutzung gesagt. Das Kulturzentrum Progr entwickelte sich in knapp fünf Jahren zum Aushängeschild für die Stadt. Wenig Weitsicht bewies leider Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Solange von einer Künstlerofferte keine Rede war, sprach er sich wiederholt gegen ein «Providurium» aus, denn gerade das Zeitfenster mache den Progr aus. Bei der Suche nach einem Ersatzstandort zeigte er sich von der harten Seite. Dies sei nicht Sache der Stadt. Doch nach dem Umschwenken im Stadtrat tanzte er auf zwei Hochzeiten. Formell hielt er zwar Kurs, liess aber keinen Zweifel daran offen, dass seine Sympathie bei den Künstlern ist. Viel gescheiter wäre gewesen, wenn Tschäppät früher an einem neuen Ort ein Törchen für den Progr geöffnet hätte.
Der Progr könnte anderswo ebenso gedeihen. Ins Gespräch gebracht wurden die bald frei stehende Feuerwehrkaserne, die ehemalige Gurtenbrauerei oder die Vidmarhallen. Insbesondere im Umfeld der neuen Spielstätte des Stadttheaters wäre die Strahlkraft des Progr sogar dringend nötig. Die Künstlerinitiative hat was, sie weckt Emotionen. Dem Juryliebling mag deren Charme und das Visionäre abgehen, doch die vernünftigen Argumente reden eine klare Sprache: «Doppelpunkt», es bleibt dabei. (Berner Zeitung)
Erstellt: 06.05.2009, 08:49 Uhr
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Da gibt es eine Initiative zur Konsolidierung eines bestehenden Kulturprojekts, welches sich bewährt hat und ohne staatliche Subventionen auskommt. Emotionen? Es macht doch einfach mehr Sinn, wenn das Bewährte an bewährtem Ort weiter geführt werden kann. Alternativstandorte können ja auch der Allreal angeboten werden - hoffentlich von Anfang an mit transparenten Preisen für alle Interessierten! Antworten
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