Meinung

Entzauberte Pädagogik

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 13.03.2010 1 Kommentar

Guido Kalberer.

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Der viel beschworene Aufbruch der 68er-Bewegung wirft immer längere Schatten. Da sich Politik und Gesellschaft in den Augen der damaligen Linken radikal ändern sollten, war es ein Gebot der Stunde, die Erziehungsheime und Schulen von Grund auf zu reformieren. Wie Pilze schossen Experimente mit der freien Pädagogik aus dem Boden. Der Jugendliche, von Natur aus gut, sollte keinen institutionellen Zwängen unterworfen werden, sondern sich in Freiheit und Würde entfalten können. Die herkömmlichen Schulen standen nämlich unter dem Generalverdacht, die Schülerinnen und Schüler zu angepassten, systemtreuen Mitgliedern der kapitalistischen Gesellschaft heranzuzüchten.

Und nun das: Ausgerechnet die alternative Vorzeigeschule im Hessischen, die Odenwaldschule, war offenbar ein Hort für Lehrer, die jahrelang ihre Zöglinge sexuell missbrauchten, und für Pädophile, die von der erotischen Atmosphäre der linken Reformpädagogik angelockt wurden. Der mutmassliche Haupttäter ist der heute 70-jährige Gerold Becker. Dem ehemaligen Schulleiter wirft die heutige Rektorin Margarita Kaufmann «aktiven Täterschutz» vor. Sie schildert den Fall eines zehnjährigen Schülers, der von Becker bis zu zweimal pro Woche misshandelt worden ist. Der Rektor habe den Schüler in den Arm genommen, habe ihm die Hose ausgezogen und sich an ihm befriedigt. Becker schweigt zu den Vorwürfen.

Und nun noch das: Gerold Becker, der heute am Kurfürstendamm in Berlin wohnt, wird von seinem Lebenspartner Hartmut von Hentig verteidigt. Dieser ist der grosse, unumstrittene Vordenker der Reformpädagogik. In den 70erund 80er-Jahren verfasste er massgebliche Bücher über die neue Erziehung. Dass die antike Knabenliebe dabei einen nicht unbedeutenden Part spielte, hat man als Ausdruck seiner ungemeinen Bildung verstanden. Hentig war aber auch Pragmatiker und hat in Bielefeld selbst eine alternative Schule aufgebaut und geleitet. Da diese Projekte dem Zeitgeist entsprachen, hat man sie nie kritisch unter die Lupe genommen. In diesen Tagen wird die linke Pädagogik endgültig entzaubert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2010, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

Thomas Läubli

17.03.2010, 20:02 Uhr
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Wenn Herr Kalberer die sog. "68er-Ideologie" für verderblich hält, warum belästigt er uns dann ständig auf der Vorderseite des Kulturbunds mit Pop-Ikonen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind und diese Ideologien wie niemand anderer verkörpern? Ebenjene Pop-Grössen, die inzwischen den Gang durch die Institutionen hinter sich gebracht haben und die Massen über die Musikindustrie abzocken... Antworten




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