Meinung
Der salzige Geist von Davos
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 30.01.2009 15 Kommentare
Constantin Seibt.
Ein Zittern überlief die papierdünne Glatze von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz. Es war kein Zittern der Kälte, obwohl aus dem grauen Himmel von Davos feiner Schnee auf ihn rieselte. Es war ein Zittern der Freude.
Der Freude des Dienens!
Es war nun fast fünfzig Jahre her, als der noch zarte Jüngling Merz zum ersten Mal dieses Zittern verspürt hatte. Damals war er am UBS-Zentrum Wolfsberg frisch eingestellt worden. Sein Chef, der FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann, zog sich Schuhe und Socken aus. Es entblösste einen schweren, fleischigen, weissen Fuss: den Fuss eines Bauernsohnes. Er roch nach Salz, nach Erde, aber auch nach teurem Leder.
«Hans-Rudolf, heute lernen Sie, was der wahre Geist der Schweiz ist», sagte Mühlemann.
Und wirklich, als der junge Merz sich neigte und zum ersten Mal den Fuss seines Vorgesetzten küsste, lernte er - alles. Mit einem einzigen frohen Zittern wusste er nun, was seine Bestimmung war. Zum ersten Mal erlebte er die urdemokratische Geste, sich vor einem Grösseren in den Staub zu werfen. Und sich dort frei und stolz zu winden.
Danach hatte er oft das Salz der Erde gekostet: die herben Füsse der UBS-Präsidenten und die überraschend zarten Füsschen der Schmidheiny-Familie, der er Jahre als Berater diente.
Und nun, heute in Davos, folgte der Höhepunkt seines Daseins! So viele Mächtige und Reiche, denen zu dienen lohnte...
Und wieder durchströmten ihn die tiefsten Geheimnisse der Schweiz: das Bankgeheimnis, das Steuergeheimnis. Kurz: das Mysterium, reichen Herren stumm zu dienen, das dieses Land so reich gemacht hatte. An Geld. Aber auch an Seele.
Und nun in Davos waren die Allerreichsten versammelt - und an der Spitze stand Merz’ grösster Geistesverwandter: Professor Klaus Schwab, ein durchtrainierter Deutscher, der sich mit strenger Diät fit hielt. Schwab ernährte sich ausschliesslich vom Handschweiss von Prominenten.
«Aufpassen, dass Sie ‹Putin› weder deutsch noch französisch aussprechen!», sagte ein Berater. Merz nickte. Wie im Traum verneigte er sich vor dem russischen Ministerpräsidenten. Wie im Traum hielt er seine Eröffnungsrede - von Bescheidenheit, Verantwortung und so weiter. So sehr freute er sich auf die Hinterzimmer. Dort, wo - wie die Legende ging - den Mächtigen die Füsse geküsst werden würden.
Dann endlich leitete Putin ihn in die Hinterzimmer. Die Pracht blendete Merz zuerst: Bankchefs, Politiker und autoritäre Chinesen.
Putin lächelte. «Tovaritsch Rudolf, willkommen im Klub!» Die Chinesen und Bankleute hoben das Glas: «Freiheit statt Kapitalismus!»
«Genossen», sagte Putin: «Wir Anarchisten haben einen langen Weg an die Macht hinter uns. Lange zweifelten wir: Würde es unserer Verschwörung gelingen, Wirtschaft und Staat gleichzeitig zu ruinieren? Und nun stehen wir kurz vor dem Sieg! Und neben uns steht Hans-Rudolf. Als Steueroase blutet sein Land nicht nur die anderen Staaten aus. Es ruiniert sich auch dank der Übernahme sämtlicher UBS-Zeitbomben gleich selbst! Bravo!»
«Aber ich dachte, hier geht es um Demut und Füsseküssen!», antwortete Merz zitternd.
«Seien Sie naiv, Lieber», sagte Putin. «Echte Anarchisten küssen höchstens ihre Frau.»
Das war also sein Traum: Mitglied im geheimsten Zirkel von Davos! Einen bitteren Moment dachte Merz daran, dass die Erfüllung jeden Traums ein Albtraum war. So, wie die Erfüllung des Dienens das Verdienen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.01.2009, 08:36 Uhr
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15 KOMMENTARE
Retrospektiv verstehe ich, warum ich damals in den 90ern die WoZ abonnierte. Jetzt sitzt die Familie Monster endlich im Bundesrat!
Ich bin begeistert. Daher weht der Wind also. Auf dem Wolfsberg, ja da beginnen Karrieren und der Rest ergibt sich zwangsläufig wie von selbst. Hurra, ich bin ja so stolz Schweizer zu sein!
Zugegeben, das journalistische Niveau des traditionell linkslastigenTagesanzeigers unterscheidet sich - von einzelnen journalistichen Glücksfällen abgesehen - nur noch von der grafischen Aufmachung und der Textfülle her von Ringiers Käseblatt der Nation. Trotzdem sollte Seibt mal beim Blick-Satiriker Jürg Ramspeck reinschauen. Gute Realsatire muss weder infantil noch beleidigend sein!
Eine Geschmacklosigkeit sondergleichen. Und so etwas nennt sich Journalismus. Auf welchem Niveau ist der Tagi angekommen. Eine Bruchlandung sozusagen. Avanti Dilettanti. Seibt sollte dem Chefredaktor die Füsse lecken, damit er nicht hinausgeschmissen wird.
Das musste ich zwei Mal lesen. Gibt es bald mehr solcher Texte?
Die beste Kolumne, die ich seit langem gelesen habe, gekonnt bitterböse, darauf wäre sogar Meienberg noch (fast) neidisch gewesen...
Dolle Verbalkarikatur nicht nur eines virtuellen Radfahrers Merz, sondern auch eines dito Villiger und mit buergerlicher Wahl gewendeten Vermoegenslosenverraeters Stich. Seit einigen Wochen scheinen einige in die BZ auch wieder schreiben zu duerfen, was sie, und nicht nur was die Inserenten denken. Das ueberfaellige Salz in den Schreibsklaven-Einheitsbrei ala Prawda und Neues Deutschland!
Gratuliere! Hoffentlich lesen die Herren Merz und Schwab auch in Davos den Tages-Anzeiger.
Der traurige Blick des Autors zeigt die ganze Tragik derjenigen, der jetzt alles besser wissen, bisher geschwiegen haben und nie etwas selbst machten - fast wider Willen vom Geldsegen der Finanzblase profitierten.
Es zittert und flattert, mit 5 brandneuen Beipässen, wie beim jungen März damals. Eine Gaudi halt!
Der Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus? Kommunisten verstaatlichen und treiben dann die Firmen in den Ruin. Kapitalisten treiben die Firmen in den Ruin und verstaatlichen sie dann.
Gut gebrüllt, Löwe! Warum brüllen eigentlich nur so wenige (T-)Eidgenossen???










