Der Mensch gewordene Landi-Geist
Von Martin Born. Aktualisiert am 24.07.2009
Ferdy Kübler feiert heute Freitag seinen Neunzigsten. Die Tour de France morgen Samstag am Mont Ventoux sich selbst. Eigenartig, wie drei Monumente der Radsportgeschichte, die eng miteinander verbunden sind, auf diese Art zusammentreffen. Kübler ist neben seinem ewigen Rivalen Hugo Koblet der einzige Schweizer Sieger der Tour de France. Das bedeutendste Radrennen der Welt gewann er 1950. Fünf Jahre später, am Abend nach der Hitzefahrt über den Mont Ventoux, auf der er einen fürchterlichen Einbruch erlitten hatte, stellte sich Kübler den Journalisten mit den Worten: «Meine Herren, die Tour ist für mich vorbei. Ferdy ist zu alt, er ist krank. Er hat sich auf dem Mont Ventoux getötet.»
Wiehernder Champion
Es war ein bewegender Augenblick. Die Franzosen hatten den «Fou pédalant», wie sie ihn nannten, lieb gewonnen. Sie nannten ihn auch «den wiehernden Champion», weil Kübler seine Angriffe so ankündigte: «Attention, Ferdy va faire cheval», gefolgt von einem markerschütternden Wiehern. Kübler ist der älteste noch lebende Tour-Sieger. Entsprechend wurde er auch dieses Jahr wieder gefeiert, unter anderem mit einer Fernsehreportage des Senders France 2.
54 Jahre sind seit Küblers «Tod» als Rennfahrer vergangen. Und noch immer gehört der Bauernsohn aus Marthalen zu den populärsten Schweizern. Ferdy national gehört zur Allgemeinbildung. Er ist «der mit der Nase» (Werbung Nationalversicherung), der nach Abschluss seiner Karriere als erster Sportler die Bedeutung von Werbung und Image entdeckte und sie bis heute sorgfältig pflegt. Die Basis seiner Popularität waren aussergewöhnliche Erfolge. Im Jahr nach seinem Sieg in der Tour de France wurde er Weltmeister. 1951 und 1952 schaffte er ein «Double», das heute unglaublich erscheint: Er gewann beide Rennen des «Ardennen-Wochenendes»: am Samstag die Flèche Wallonne und am Sonntag Lüttich–Bastogne–Lüttich – zwei der bedeutendsten Classiques. Und 1950, 1952 und 1954 gewann er mit dem «Challenge Desgrange-Colombo» die Jahreswertung, die weit höher einzustufen war als später der Weltcup, weil auch die grossen Rundfahrten mitzählten. Keiner der anderen Stars der grossen Jahre zwischen 1949 und 1955 war so regelmässig gut wie Kübler.
Gegenspieler Koblets
Er war der richtige Mann, der zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Sportart Erfolg hatte. Der Radsport war wohl nie schöner und dramatischer als zu Beginn der Fünfzigerjahre. Europa war im Wiederaufbau und rückte näher zusammen. Die Rennen wurden internationaler und gewannen an Bedeutung. Es gab in dieser Zeit sogar Pläne für eine Europa-Rundfahrt. Es gab Superstars wie Coppi, Bartali, Bobet und Van Steenbergen. Es gab Kübler. Und es gab Hugo Koblet, den Rivalen, ohne den Kübler nie zum Monument geworden wäre, das heute gefeiert wird.
Hugo Koblet, das war der mit Talent und Klasse gesegnete Zürcher. Er verkörperte das, was man gerne gewesen wäre, aber zu jener Zeit nicht zu sein wagte: ein Playboy, dem alles leicht fiel. Ferdy Kübler dagegen war der Mensch gewordene Landigeist. Er vereinigte die Tugenden, die zählten: Arbeit, Genügsamkeit, Kampf, Selbstaufopferung. Koblet war der, der schliesslich scheiterte, weil er mit Geld und Ruhm nicht umgehen konnte; Kübler schaffte es, weil er stets wusste, was der Franken wert ist und was die Leute von ihm erwarteten.
Über Koblet, den Mythos, wird zurzeit ein Kinofilm gedreht. Kübler ist noch immer «live» zu haben. Als ehrgeiziger Golfspieler etwa, der mit dem Wägelchen seinen Bällen nachfährt, der noch immer fluchen kann, wenn er einen Ball verschlägt, und der sich freut wie ein Kind, wenn der Ball den schnellsten Weg ins Loch findet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.07.2009, 08:20 Uhr
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