Meinung
Den Bock zum Gärtner gemacht
Von Andrea Sommer. Aktualisiert am 10.03.2009
Andrea Sommer.
Der Bieler Spitaldirektor Paul Knecht hat das Vertrauen des Verwaltungsrats aufs Gröbste missbraucht. Das sagte Irène Truffer, Verwaltungsratspräsidentin der Spitalzentrum Biel AG, nach dem Rausschmiss des Spitaldirektors. Knecht soll sich jahrelang Spesen und Überzeitentschädigungen in sechsstelliger Höhe zugeschanzt haben. Ebenso Knechts Stellvertreter, Urs Kellerhals. Es sei unfassbar, wie Knecht dies schaffen konnte, gab sich Truffer ahnungslos und machte den Spitaldirektor zum Sündenbock.
So einfach ist die Sache allerdings nicht. Im selben Atemzug lieferte Truffer einen Hinweis darauf, wie es zu Knechts horrenden Bezügen kommen konnte, indem sie erklärte: «Allein durch seine Person, wie er Sachen einforderte, wird ihm das auch gewährt.»
Tatsächlich verdichten sich die Hinweise, dass es Verwaltungsratspräsidentin Truffer war, die Knechts Bezüge jahrelang in Eigenregie abgesegnet hat. Zuvor soll dies ihr Vorgänger erledigt haben – dies jeweils ohne das Verwaltungsratskollegium zu informieren. Und das, obwohl Truffer und ihr Vorgänger wussten, dass Knechts Bezüge bereits früher zu Problemen geführt hatten.
Doch auch die restlichen Verwaltungsratsmitglieder bekleckerten sich nicht mit Ruhm. Unter anderen sassen der heutige Regierungsrat und frühere Unternehmensberater Andreas Rickenbacher (SP), der Bieler Gross- und Gemeinderat Hubert Klopfenstein (FDP) und der Bieler Fürsorgedirektor und Grossrat Pierre-Yves Moeschler (SP) einst im Gremium.
Zwar gab es kritische Stimmen, die wiederholt Transparenz bei den Löhnen von Geschäftsleitung und Chefärzten forderten. Allerdings ohne Erfolg – was nicht erstaunt angesichts der Tatsache, dass sowohl Spitaldirektor Knecht als auch Urban Laffer, Chefarzt und Leiter des medizinischen Führungsausschusses, an den Verwaltungsratssitzungen teilnahmen. Wenig überraschend auch Laffers Aussage nach Knechts Freistellung: «Ich wünsche, dass er sein Amt wieder antreten kann, er ist ein guter Direktor.» Überhaupt sollen der Spitaldirektor, sein Stellvertreter und der Chefarzt nach Belieben regiert und sich der Kontrolle durch den Verwaltungsrat entzogen haben.
Dass nun genau abgeklärt wird, ob und wie die drei ihre Kompetenzen überschritten haben, ist richtig. Allerdings muss sich auch der Verwaltungsrat den Vorwurf gefallen lassen, seine Pflichten als Aufsichtsorgan nicht erfüllt zu haben. Dies, zumal es in der Vergangenheit bereits Warnungen gab.
So etwa 1995, als das damalige Aufsichtsorgan Knecht wegen seiner Bezüge in die Schranken wies. Pikant: Sowohl Ex-SP-Stadträtin und Verwaltungsratspräsidentin Truffer als auch ihr Vorgänger waren damals schon im Aufsichtsgremium.
Ein weiteres Beispiel ist der Urologie-Skandal vom Jahr 2003. Statt aktiv und offen zu informieren, versuchten Knecht und Laffer erst zu verhindern, dass die Vorfälle im Spital öffentlich wurden. Als dies nicht gelang, flüchtete man sich in PR-Floskeln. Der Verwaltungsrat erfuhr erst aus der Zeitung vom Skandal.
Anfang 2005 stellte sich heraus, dass der Verwaltungsrat den Geschäftsbericht publizierte, ohne diesen vorgängig abgesegnet zu haben. Dies, obwohl er gesetzlich dazu verpflichtet ist, den Geschäftsbericht zu erstellen. Ende 2007, Anfang 2008 schliesslich stellte ein externes Treuhandunternehmen in seiner Untersuchung fest, dass es der Verwaltungsrat jahrelang versäumt hatte, unabdingbare Führungs- und Kontrollinstrumente für die Geschäftsleitung zu schaffen.
Vor diesem Hintergrund erstaunt die Diagnose im Spitalumfeld nicht, Truffer sei als Verwaltungsratspräsidentin heillos überfordert. Damit, dass nun ausgerechnet sie das Spital interimistisch leitet, hat der Verwaltungsrat den Bock zum Gärtner gemacht.
Unverständlich auch das Verhalten des Spitaleigentümers Kanton. Denn es irrt, wer glaubt, der Gesundheitsdirektor greife nun endlich durch und nehme die gesamte Spitze der Spitalzentrum Biel AG unter die Lupe. Stattdessen beeilte sich Philippe Perrenoud (SP), dem Verwaltungsrat und dessen Präsidentin Irène Truffer sein Vertrauen auszusprechen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.03.2009, 08:38 Uhr
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