Meinung

Das Schweizervolk verlangt mehr Transparenz

Bundesrat und Parlament haben mit dieser Abstimmungsniederlage eine böse Schlappe bezogen.

Claude Chatelain.

Claude Chatelain.

Das Schweizervolk hat sich gegen eine Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge ausgesprochen, aus welchem Grund auch immer. Wie in dieser Zeitung geschrieben, wird sich für die meisten Arbeitnehmer nichts ändern. Der Souverän stimmte nur über den gesetzlichen Mindestumwandlungssatz ab. Er sagte, zu welchem Prozentsatz das obligatorisch angesparte Guthaben in eine Rente umgewandelt werden soll. Doch die meisten Versicherten haben höhere Arbeitnehmerbeiträge und einen höheren versicherten Lohn als gesetzlich vorgeschrieben. All das führt zu überobligatorischen Guthaben.

Ist der Umwandlungssatz auf dem obligatorischen Guthaben zu hoch, wird der Umwandlungssatz auf dem überobligatorischen entsprechend gesenkt und ein Mischsatz angewendet, der irgendwo in der Mitte liegt. So ist zu erklären, dass die Pensionskasse SBB das Kapital schon heute zu einem Satz von 6,5 Prozent umwandelt, der also deutlich unter dem gesetzlichen Satz liegt. Bei der Post liegt der Umwandlungssatz nur bei 6,2 Prozent.

Trotzdem: Bundesrat und Parlament haben mit dieser Abstimmungsniederlage eine böse Schlappe bezogen. Zu wünschen wäre, sie würden die richtigen Lehren daraus ziehen. Die da lauten, das System der beruflichen Vorsorge zu entschlacken und zu vereinfachen. Die einen berechnen die Lebenserwartung mit Sterbetafeln; die anderen benutzen Generationentafeln. Da wird mit Wörtern wie umhüllende Kasse, Leistungsprimat, Freizügigkeit, technischer Zins, Umwandlungssatz und ähnlichen Fachbegriffen operiert, sodass betroffene Bürger Abendseminare besuchen müssten, um all das zu verstehen. Das Schweizervolk hat ein System verdient, das man mit einem vernünftigen Aufwand auch zu verstehen vermag.

Die öffentlichen Debatten – auch jene in der «Arena» des Schweizer Fernsehens – haben gezeigt, dass selbst Leute, die sich beruflich mit der Materie auseinandersetzen, überfordert sind. Ein System, das kaum verständlich ist, kann nicht transparent sein. Einem System, das nicht transparent ist, kann man kein Vertrauen schenken. Und wenn man kein Vertrauen hat, sagt man an der Urne Nein. Recht geschehen.

claude.chatelain@bernerzeitung.ch

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.03.2010, 09:25 Uhr

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