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Anleger als nicht denkende Konstrukte

Von Miriam Meckel. Aktualisiert am 16.02.2009 3 Kommentare

«Die Maschinerie der globalen Finanzmärkte hat den einzelnen Anleger und Investor als strukturiertes Humankapital begriffen.»

Miriam Meckel

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Zur Person

Miriam Meckel, 41, ist Professorin für Corporate Communication.

Es waren die «disassembly lines» der Schlachthöfe Chicagos, die Ende des 19. Jahrhunderts als Vorbild für die perfekte Form der Produktivitätssteigerung dienten. Diese beruhte darauf, dass die Arbeitsabläufe sowie die zu verarbeitenden Bestandteile vollständig zerlegt und in ihren Einzelschritten immer weiter optimiert wurden. Henry Ford entwickelte daraus die Fliessbandproduktion für die Automobilherstellung; viele weitere Branchen haben ähnliche Rationalisierungsschritte vollzogen, um ihre Produktivität zu steigern. Sie beriefen sich allesamt auf das «Scientific Management» von Frederick W. Taylor, der Fabriken als Maschinen entwarf und die Arbeiter in diesen Fabriken als Maschinenteile ins Konzept einpasste.

Wenn Menschen als Teil eines nicht menschlichen Apparates verstanden werden, gehen sie als Individuen in der Struktur auf. Das hat in der Regel Vorteile für diejenigen, die mit dieser Gesamtstruktur Geld verdienen wollen. Und es hat auch Vorteile, wenn wir die Organisationen und ihre Strukturen theoretisch betrachten und analysieren wollen. Denn die Organisationen, also zum Beispiel ein Unternehmen, eine Universität oder eine Investmentbank, sollen auch überleben können, wenn die Menschen wechseln, die darin als Fabrikarbeiter, Professoren oder Händler arbeiten. Es ergibt also theoretisch und praktisch einen Sinn, wenn wir nicht die einzelnen Menschen als Ganzes, sondern als Personen mit ihren Handlungen in der Organisation entkoppelt betrachten. Einer der Vordenker der Organisationstheorie, Chester I. Barnard, hat Organisationen daher als «System von bewusst koordinierten Verhaltensweisen oder Kräften von zwei oder mehr Personen» beschrieben.

Diese Sichtweise bringt allerdings auch Probleme mit sich. Wenn der Mensch sich als Person und Individuum in diesen Strukturen auflöst, bekommt er ein Identitätsproblem. Er ist dann nur mehr die Summe seiner Einzelteile und -funktionen, die alle nur auf einen speziellen Zweck hin ihre Bedeutung erlangen. In der Geschichte der Politökonomie finden wir zahlreiche Kritiken an der «Demontage» des ganzen Menschen. Doch die Entkopplung von Person und Handlung hat sich durchgesetzt. Niklas Luhmann, der Vordenker der Systemtheorie, hat dies theoretisch radikal zu Ende gedacht: «Personen entstehen (. . .) durch Teilnahme von Menschen an Kommunikation. (. . .) Sie leben nicht, sie denken nicht, sie sind Konstruktionen der Kommunikation für Zwecke der Kommunikation.»

Die Maschinerie der globalen Finanzmärkte hat diese Betrachtung unter anderen Vorzeichen wieder sichtbar werden lassen. Sie hat den einzelnen Anleger und Investor als strukturiertes Humankapital begriffen. Sein Risiko durfte zerfleddert und in beliebiger Konstellation neu zusammengesetzt werden, um in einem strukturierten Produkt aus Aktien, Obligationen, Optionen, Futures und anderen Derivaten auf den Handelsplätzen dieser Welt über den «Ladentisch» gereicht zu werden. Wie Medizinmänner der Neuzeit haben die Händler die Zutaten aus unterschiedlichen individuellen und segmentären Risiken gemischt, um daraus Finanzanabolika herzustellen.

Konrad Hummler von der St. Galler Privatbank Wegelin hat dieses Vorgehen mit einer «gigantischen Wurstproduktion» verglichen. Die Einzelteile werden vom Körper gelöst und zerhackt, vermengt, gewürzt und verpackt. Womit wir den «disassembly lines» der Chicagoer Schlachthöfe mit einem Mal wieder ziemlich nahe gekommen wären. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2009, 22:57 Uhr

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3 Kommentare

Yves Latour

17.02.2009, 18:23 Uhr
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Der Artikel ist natürlich richtig,... für einen Teil der Anleger. Es gibt immer jemanden, der die Gegenposition eingeht. Momentan profitieren halt eher die, die vorher nicht so profitiert haben, einige verlieren immer und ein paar ganz wenige - zufälligerweise oder nicht - liegen tendenziell richtig. Schade, wurde an meiner Uni der Debitismus (debtism) nicht gelehrt. Antworten


Bucher Hans

23.02.2009, 21:32 Uhr
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Eine gestreiche Beschreibung, die gut formuliert und zu lesen ist. Ungenau kategorisiert scheint mir "ein Unternehmen, eine Universität oder eine Investmentbank" zu sein, denn, was ist eine Investmentbank anderes als ein Unternehmen? Insgesamt hab ich den Eindruck, dass hier nicht bis zum wesentlichen Problem durchgedrungen wird, weil, um im Rahmen der kunstvoll aufgebauten und substantiell unterfütterten Analogie zu bleiben, nicht nur industriell gefertige Lebensmittel sondern auch die manuell zubereiteten Speisen der hochentwickelten Küche ein komplexes Gemisch vieler Zutaten sind, dieses Merkmal ist also kein absoluter Nachteil, und weil ein spezialisierter Beitrag zu einem komplexen Produkt, selbst an einem Fließband, noch nicht zur Entfremdung führt, wenn das Ergebnis Sinn stiftet. Sollte so Mitleid mit dem Investor erweckt werden, weil sein Risiko finanztechnisch bedingt zerlegt wird, erreichen wir eine virtuelle Ebene, auf der Folgerungen zu fysischen Schmerzen barer Unfug sind, spürt er doch davon nichts, solang die Kasse stimmt: pecunia non dolet. Antworten



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